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Oscar Pistorius: Was darf Satire?

Im Internet kursieren die ersten Witze über den tatverdächtigen sechsfachen Paralympics-Sieger. Derweil zeigt die Familie der Ermordeten Größe.

Diese eCard hofft: „Hoffentlich vom Pfeil der Liebe getroffen und nicht von einem beinlosen Olympia-Sprinter“

Die Familie der ermordeten Reeva Steenkamp hat sich erstmals seit der Tragödie in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet. Als tatverdächtig gilt der südafrikanische Olympia-Star Oscar Pistorius (26). Dieser bestreitet den Vorwurf.

„Wir wollen wissen, warum unsere Tochter auf diese Weise sterben musste“, sagte Mutter June der „Times of South Africa“. Reeva Steenkamp wird am Dienstag beigesetzt, am gleichen Tag muss Pistorius erneut vor Gericht erscheinen. Dabei soll über seinen Antrag auf Haftverschonung gegen Kaution verhandelt werden. Pistorius hat ein namhaftes Verteidiger-Team engagiert. Darunter ist auch der Anwalt, der den Fahrer verteidigte, der die Enkelin von Nelson Mandela überfahren hatte. Der Fahrer wurde 2010 freigesprochen. Trotzdem glauben Beobachter, dass eine vorläufige Freilassung nahezu ausgeschlossen ist, die Staatsanwaltschaft sprach sich bereits dagegen aus.

„Warum mein kleines Mädchen? Warum ist das passiert? Warum hat er das getan?“, sagte June Steenkamp der Zeitung. „Alles, was wir haben, ist dieser entsetzliche Tod, mit dem wir fertig werden müssen. Alles, was wir wollen, sind Antworten.“ Medien haben diese bereits – sie spekulierten, dass Pistorius das Model aus Eifersucht auf einen vermeintlichen Nebenbuhler, den 24-jährigen Sänger Mario Ogle, umgebracht habe.

Steenkamps Vater hegt nach eigenen Angaben keine Wut gegen den Sportler. „Wir haben keinen Hass in unseren Herzen“, sagte er und fügte im Hinblick auf Pistorius hinzu: „Er muss Dinge durchmachen, von denen wir nichts wissen.“

Derweil berichtete die Tageszeitung „Beeld“ heute, Pistorius habe erst vor kurzem versehentlich eine Pistole in einem Restaurant abgefeuert. Sein Begleiter Kevin Lerena: „Ich bekam einen Riesenschreck, weil die Kugel wenige Zentimeter neben meinem Fuß in den Boden einschlug.“ Der sechsfache Paralympics-Sieger habe anschließend dem Restaurantchef weisgemacht, dass überhaupt nichts vorgefallen sei.

Der ehemalige Fußballprofi Marc Batchelor bestätigte in der Zeitung „Star“ den Vorfall. Pistorius habe sich zudem von seiner früheren Freundin Samantha Taylor im Schlechten getrennt, sagte Batchelor. Demnach hatte sich Taylor wiederholt über die extrem riskante Fahrweise von Pistorius beschwert.

Was darf Satire?

Zwei Anspielungen: Reeva Steenkamp wurde in der Nacht zum Valentinstag getötet. „I am the bullet in the chamber“ (Ich bin die Kugel in der Kammer) hieß die Überschrift der inzwischen zurückgezogenen Nike-Werbung mit Oscar Pistorius.

Inzwischen kursieren weitere Gerüchte – und im Internet die ersten bitterbösen Satiren. Einerseits: Pistorius soll während der Tatzeit unter Einfluss von Anabolika gestanden haben. Zeitungen berichten auch von einem dramatischen Fluchtversuch des Opfers vom Schlafzimmer, wo der erste Schuss gefallen sein soll, bis ins Badezimmer.

Andererseits: Wie soll man sich das vorstellen? Ob mit oder ohne Prothesen – Pistorius scheint tatsächlich sehr, sehr schnell zu sein. Unser Blick in sein Schlafzimmer, den wir im Sommer warfen, bekommt im nachhinein eine geradezu unheimliche Aktualität. Was ROLLINGPLANET seinerzeit noch ohne Proteste der Leser schreiben durfte, brachte jetzt dem „Tagesspiegel“ wütende Reaktionen (User schroedinger74: „…kann mich kaum erinnern, jemals so einen geschmacklosen Text gelesen zu haben2) ein.

Die Berliner hatten in einer Satire in einer Anspielung auf die High-Tech-Prothesen-Diskussionen getitelt: „Irrer Olympia-Wahnsinn! Hatte Pistorius Vorteil gegenüber nicht-behinderten Mördern?“

Der „Tagesspiegel“ hat schon eine Perspektive für den gefallenen Superstar: „Dennoch könnte Pistorius seine paralympische Karriere auch ohne Prothesen fortsetzen, bei den Schützen. ,Voraussetzung ist, dass er ein halbautomatisches Maschinengewehr mit den Nasenflügeln bedienen kann‘, erklärt Körper das Reglement.“ Geschmacklos oder Pflicht der Satire, auch vor behinderten Menschen keinen Halt zu machen – selbst wenn davon unschuldige Menschen (Reeva Steenkamp), hm, mitgetroffen werden?

Kein Wunder: Alle Rennen abgesagt

Angebliche Abläufe der Tat, Mutmaßungen über ein Motiv: Vor allem südamerikanische und britische Medien und Nachrichtenagenturen berichten von immer neuen angebliche Details unter Berufung auf Ermittler. Die Polizei wehrt sich nun dagegen: „Ich weiß nicht, woher diese Geschichten stammen“, sagte eine Sprecherin. „Bisher haben wir weder eine Mitteilung herausgegeben noch mit jemandem gesprochen.“ Medupe Simasiku, der Sprecher der südafrikanischen Strafverfolgungsbehörde (NPA), deutete an, dass er ein Leck bei der Polizei vermute: „Die Informationen sind in den Händen der Polizei.“ Man suche nun nach dem Maulwurf – betont aber gleichzeitig, dass nicht alle Nachrichten der Wahrheit entsprechen müssen.

Der Sprinter hat inzwischen offiziell alle geplanten Wettkämpfe abgesagt, melden Agenturen völlig humorlos. ROLLINGPLANET fürchtet: Etwas anderes blieb ihm ja auch nicht übrig. Pistorius hatte unter anderem geplant, bei Wettbewerben in Australien, Brasilien, den USA und den Manchester Games in England teilzunehmen. Zudem standen im August als Höhepunkt die Leichtathletikweltmeisterschaften in Moskau auf dem Programm. ROLLINGPLANET stellt sich vor, wie die Absagen ausgesehen haben könnten: „Sorry, kann nicht kommen, muss noch einen lästigen Prozess überstehen.“ So viel Ironie möge erlaubt sein.

(RP/mit Materialien von dpa)


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1 Kommentar

  • Willi Schroeder

    Nach allen was bisher so im Internet und in den Medien an Gerüchten und Halbwahrheiten herumgeistert, sollte man erst einmal die Ermittlungsbehörden Ihre Arbeit machen lassen, immerhin ist ein Mensch auf tragische Art und Weise ums Leben gekommen. Wenn man sich tatsächlich über so etwas lustig machen muss, sollte man zumindest soviel Anstand haben das nicht zu publizieren.

    19. Februar 2013 at 01:12

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