Para-Kanu: Warum Weltmeisterin Edina Müller auf ihren Coach schwört

Die querschnittsgelähmte Paralympicssiegerin und ihr Trainer Arne Bandholz sind eine Erfolgsgeschichte, die so nicht vorherzusehen war. Von Andreas Hardt

Edina Müller im Skylight Cafe der Barclaycard-Arena. (Foto: Axel Heimken/dpa)

Edina Müller im Skylight Cafe der Barclaycard-Arena. (Foto: Axel Heimken/dpa)

Die erste Anfrage kam im Spätherbst 2014: „Hier ist Edina Müller, ich möchte Rennkanu fahren.“ Arne Bandholz, Trainer und Sportwart des Hamburger Kanu Clubs, rief zurück und hörte sich die Pläne von Edina Müller an, ehe sie mit der wichtigsten Information herausrückte: „Und da ist noch etwas: Ich sitze im Rollstuhl. “

Bandholz erzählt die Geschichte gerne und mit viel Enthusiasmus. Denn es ist eine Erfolgsgeschichte – auch seine. Die von dem Trainer, der aus einer Rollstuhlbasketball-Paralympics-Siegerin eine erstklassige Para-Kanutin machte.

Mal schauen, was geht

Edina Müller und ihr Trainer Arne Bandholz im Juli 2015 während des Trainingslagers der Parakanuten in Kienbaum (Foto: privat/dpa)

Edina Müller und ihr Trainer Arne Bandholz im Juli 2015 während des Trainingslagers der Parakanuten in Kienbaum (Foto: privat/dpa)

„Ich möchte nach Rio“, sagt Edina Müller, kurz nachdem sie Arne Bandholz kennenlernte. Der 37-Jährige wunderte und freute sich über diese Zielstrebigkeit. Denn viele ambitionierte Top-Athleten gibt es in seinem Verein nicht. Aber der ehrenamtlich tätige Trainer, der in Vollzeit als Software-Tester arbeitet, hatte Blut geleckt und ging die Aufgabe „total unbefangen“ an. Nach dem Motto: Mal schauen, was geht.

Es gibt schließlich kaum Erfahrungen mit querschnittsgelähmten Kanuten, der Sport ist für sie noch neu. Ein passendes Boot gab es nicht. „Ich habe mir viele Gedanken über die Stabilität im Boot gemacht, Edina fehlt die Rumpfstabilität und sie kann ja auch nicht das Stemmbrett für die Füße nutzen und damit steuern“, erinnert sich Bandholz. Diverse Versuche haben sie unternommen, das Ruder fixiert („Edina ist nie geradeaus gefahren“), es dann wieder gelockert. Der Sitz wurde nach vielen Experimenten extra für sie angefertigt. „Wir sind hier Vorreiter, es gibt keine Lektüre“, sagt Bandholz.

Da geht was

Mit ihrem Wanderkanu und Rennpaddeln hatte Edina Müller im Spätherbst 2014 die ersten Rennversuche gemacht, schnell haben beide gesehen: Da geht was. Bandholz las, fragte, schaute sich etwas ab, wuchs mit der Aufgabe. Er kümmerte sich um die Klassifizierung, besorgte ein Boot, den Wettkampfausweis. Für Edina Müller ist er ein Glücksfall. „Er gibt mir viel Sicherheit und das Gefühl, dass er an mich glaubt.“

Das richtige Eintauchen des Paddels, den Druckpunkt setzen, die Technik erarbeiten – das alles ging so schnell so gut, dass die Hamburgerin bereits nach knapp einem halben Jahr Weltspitze war. Aktuelle Tendenz: Steigend. „Sie ist sehr zielstrebig und setzt die Dinge um, die man ihr erklärt“, sagt Bandholz.

Edina Müller paddelte am 19. Mai 2016 auf der Regattabahn in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) zum Sieg im Rennen K1 Frauen über 200 Meter und gewann damit den Weltmeistertitel der Parakanutinnen. (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Edina Müller paddelte am 19. Mai 2016 auf der Regattabahn in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) zum Sieg im Rennen K1 Frauen über 200 Meter und gewann damit den Weltmeistertitel der Parakanutinnen. (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Edina Müller (l.) war, bevor sie zum Kanu wechselte, eine der besten deutschen Rollstuhlbasketballerinnen – hier beim EM-Finale der Damen 2013 gegen die Niederlande (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Edina Müller (l.) war, bevor sie zum Kanu wechselte, eine der besten deutschen Rollstuhlbasketballerinnen – hier beim EM-Finale der Damen 2013 gegen die Niederlande (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Ein Selfmade-Coach

„Dass ich die Aussicht habe, nach Rio zu fahren, ist zum großen Teil sein Verdienst“, lobt die 32-Jährige, „Arne ist in der Lage, sich in mich hineinzuversetzen und er hat Lust, neue Trainingsideen zu entwickeln.“ Den erhofften Startplatz für Rio hat Edina Müller bereits für Deutschland erkämpft. Die endgültige Rio-Nominierung wird erst am 1. August verkündet. Edina Müller dürfte mit größter Wahrscheinlichkeit dabei sein.

Selfmade-Coach Bandholz, der bislang nur eine C-Lizenz hat, wurde für die Erfolge mit seiner Musterschülerin 2015 in Hamburg zum „Trainer des Jahres“ gewählt. Die zeitliche Belastung ist erheblich. Zur WM nach Duisburg nimmt er seine sechs Jahre alte Tochter mit. Der drei Monate alte Sohn bleibt zu Hause. „Das geht natürlich alles nur, wenn die Familie dahintersteht“, sagt Bandholz.

(RP/dpa)

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