Paralympics als Inklusionsmotor sehen? Das ist zynisch!

Die olympische und paralympische Idee zu unterstützen heißt: Nur auf Leistung kommt es an. Aber will ich das? Ein Kommentar von ROLLINGPLANET-Leser Fabian Rombach.

„Die paralympischen Disziplinen haben sich längst zum Schauplatz für Prothesenunternehmen entwickelt“, kritisiert unser Autor. (Foto: dpa)

„Die paralympischen Disziplinen haben sich längst zum Schauplatz für Prothesenunternehmen entwickelt“, kritisiert unser Autor. (Foto: dpa)

Im Rahmen der Bewerbung der Stadt Hamburg um die Olympischen und Paralympischen Spiele ist vielerorts zu lesen, dass es sich bei der Austragung der Spiele um eine „Chance“ für Hamburg, mithin eine Chance für „echte“ Inklusion handelt. (Anm.d.Red.: Am 29. November 2015 stimmen die Hamburger per Referendum ab, ob sich ihre Stadt für die Olympischen Spiele und Paralympics 2024 bewerben soll.) „Du kannst mehr als du denkst“ thematisieren Grüne-Plakate das Potential der Paralympics. Doch was hat es mit der Aussage von „Chancen“ auf sich? Wie ist das Versprechen von einem Inklusionseffekt zu verstehen? Und wie verhält sich die olympische und paralympische Idee zu Behinderung?

Menschen sind, wie sie sind – und das ist gut so!

Alle Menschen haben eine unantastbare Würde und Menschenrechte. Dabei ist nicht der einzelne Mensch behindert – Menschen werden durch Barrieren in der Gesellschaft behindert. Anders gesagt, die Verweigerung von Menschenrechten macht gesundheitliche Abweichung zu einem Problem. Und Behinderte zu Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Deshalb ist die Betonung der Menschenrechte aus der UN-Behindertenrechtskonvention wichtig.

„Du kannst mehr als du denkst“

Diese Aussage im Kontext der Paralympics kann mehrfach verstanden werden: Erstens, dass die Sicht aus der gesellschaftlichen Mehrheit „Behinderte können nichts“ falsch ist. Behinderte machen Sport! Und besser: Es entstehen immer wieder neue Sportarten! Jedoch bezieht sich „mehr als du denkst“ auch eindeutig auf Menschen mit Behinderung. Sie werden direkt angesprochen: Behinderte sollen sich nicht von ihrer Situation einschränken lassen. Sie sollen aus ihrem „Schicksal“ etwas machen. Also die Aufforderung sich auszuprobieren. Ist diese Aussage positiv? Ich meine: Nein.

„Du kannst mehr als du denkst“ bezieht sich auf ein negatives Verständis von Behinderung. Als müsste erst etwas positives aus dem „Behindert-sein“ gemacht werden. Unterstellt wird, dass Behinderung etwas Schlechtes oder Sinnloses ist (für neue Perspektiven: www.leidmedien.de). Ja, es gibt Menschen, die ein negatives Verhältnis zu Behinderung haben. Aber es gibt eben auch Menschen, die Behinderung sehr positiv sehen. Für Nicht-Betroffene ist Letzteres oft schwer nachzuvollziehen. Hier geht es um den Umgang mit und die Perspektive auf Behinderung: Behindert-Sein ist nichts Negatives – es ist Teil der menschlichen Vielfalt.

Chancen der Paralympics!?

Im Zusammenhang mit den Paralympischen Spielen wird mit Chancen geworben, die Stadt Hamburg barrierefrei(er) zu machen. Verwunderlich ist: Würde die Stadt das sonst nicht werden? Würde sich Hamburg nicht der Behindertenrechtskonvention verpflichten? Würden zum Beispiel öffentliche Gebäude und der Hamburger Nahverkehr nicht barriereärmer werden? Hier taucht gerne das Zeit-Argument auf: Mit den Olympischen und Paralympischen Spielen kommt alles schneller. Das mag sein. Ist es aber dann nicht auch eine Frage von Prioritäten der Stadt?

Wenn politisch gewollt ist, allen Menschen schnellstmöglich Teilhabe zu ermöglichen, müssen diese Entscheidungen unabhängig von Olympia und den Paralympics getroffen und umgesetzt werden. Und ein letzter Punkt zu den Baumaßnahmen: Hier wird sich ausschließlich auf die Menschen mit körperlicher Behinderung fokussiert. Das ist ein Teil. Wo bleiben die Maßnahmen für all die anderen Bedürfnisse in der Stadt, etwa Leichte Sprache?

Mit den Spielen in Hamburg sollen die Barrieren in den Köpfen verschwinden. Wie das genau passieren soll, bleibt unklar. Vielleicht durch die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung? Ja, die wird definitiv zunehmen. Es ist wünschenswert, dass Behinderte mehr in den Fokus der Gesellschaft rücken. Was wird aber nach den paar Wochen Großevent bleiben? Wird es weniger Vorurteile gegenüber Behinderte geben? Das wird niemand so recht sagen können.

Es gibt noch einen zweiten Aspekt: Welche Behinderte werden eigentlich wahrgenommen? Schon in der Werbekampagne des Senats sind Menschen zusammen mit Rollstühlen abgebildet. So recht ist damit die Vielfalt der paralympischen Sportszene aber nicht zu erkennen. Sportarten, die sich aus Behinderung(en) entwickeln, bekommen bislang wenig Aufmerksamkeit, z.B. Goalball im Blindensport. Zur Sichtbarkeit: Gehörlose und Mehrfachbehinderte sind insgesamt von den Spielen ausgeschlossen. Auch sogenannte „geistig“ Behinderte wurden wiederholt ausgegrenzt. Auch sind Sportarten wie Segeln nicht zugelassen.

Eine zunehmende Wahrnehmung ist dagegen bei jenen Sportarten zu erkennen, bei denen Menschen mit Körperprothesen teilnehmen. Dabei haben sich die paralympischen Disziplinen längst zum Schauplatz für Prothesenunternehmen entwickelt: Läufer_innen gelten längst als Werbeträger_innen für die neusten Entwicklungen auf dem Prothesenmarkt. Gleichzeitig steht die Demonstration der Technik im Vordergrund. In der Wahrnehmung stehen nun Behinderte als optimierte Leistungsträger_innen.

Der Gedanke von Inklusion, jeder Mensch soll mit seinen Fähigkeiten teilhaben, steht nicht im Fokus der Spiele. Vielmehr der Leistungs- und Wettbewerbsgedanke des Nichtbehindertensports. Was ist das für ein Verständnis von Inklusion, wenn der einzelne Behinderte seine Behinderung durch Technik „überwinden“ soll?

Die Allermeisten sind von diesen Spielen ausgeschlossen. Wie in jedem Sport nimmt die „Elite“ an den Wettkämpfen teil. Im Falle der Paralympics eben auch ein kleiner Kreis von Elite-Sportler_innen mit Behinderung. Wenn also von „den“ Behinderten bei den Paralympics gesprochen wird, dann ist zu betonen, dass es sich dabei um eine Elite innerhalb der Menschen mit Behinderung handelt. Die Paralympics taugen nur für eine winzig kleine Gruppe.

„Höher. Weiter. Besser.“

Die olympischen und paralympischen Wettkampfsportarten stützen sich auf ein selektives Leistungssystem. Es geht weniger um die Idee „dabei sein ist alles“, sondern es wird sich am hochprofessionellen Leistungssport orientiert. Es geht also um knallharten Wettstreit. Es gilt das Prinzip: „Höher. Weiter. Besser.“ Die Schwächeren fallen unten heraus. Menschen, die nicht die anerkannte Leistung bringen (können), sind/werden ausgeschlossen. Leistungsunterschiede bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht.

Insgesamt werden körperliche Fähigkeiten bei den Spielen besonders in Szene gesetzt. Es wird nicht das Konzept von Wettbewerb und Ausgrenzung infrage gestellt. Einige (sehr) wenige liefern Leistung ab und die nicht leistungsstarken Menschen verlieren. Die Paralympics als Inklusionsmotor zu sehen ist zynisch. Es gibt aber Alternativen: Veranstaltungen mit dem Fokus auf das Mitmachen statt Gewinnen!

Was bleibt?

Am Ende bleibt: Viele Menschen haben in ihrem Alltag kaum regelmäßigen Kontakt zu Behinderten. Viele Menschen mit Behinderung haben kaum eine Chance, gesellschaftliche Teilhabe durch Sport zu erreichen. Nicht jeder Behinderte macht automatisch Sport. Und nicht jeder Mensch erlebt seine Behinderung gleich.

Die olympische und paralympische Idee zu unterstützen heißt: Auf Leistung kommt es an. Ich möchte aber in einer Gesellschaft leben, auf die es nicht ausschließlich auf die Leistungsstärke ankommt, sondern auf die vielfältigen Fähigkeiten jedes Menschen.

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4 Kommentare

  • Thomas Schmidt

    ganz hervorragender beitrag! gleich auf facebook geteilt.

    26. November 2015 at 21:41
  • Wolf Schweitzer

    Das Thema Paralympics ist kein Inklusionsthema, man kann keins draus machen. Es ist im Behindertensport DER Spitzensportanlass überhaupt, mehrstufig aufwendig selektierte Athleten, die Können, Talent, Anstrengung und Begeisterung vereinen wie kaum jemand. Man muss sich dafür unglaublich anstrengen. Diese Anlässe „sind“ auch nicht „die“ Gesellschaft. Ich stell mich ja auch nicht neben einen Kaugummiautomaten und beklage, dass „die ganze Gesellschaft käuflich“ geworden ist. Auch wenn die sicher gern hätten, dass ich mir einen rauslasse. Spitzensport ist auch etwas eine Welt für sich, wenn mans genauer betrachtet.

    26. November 2015 at 21:42
  • Stigmaman

    Man kann trefflich darüber streiten, ob die Paralympics ein Inklusionsmotor sind. Jedenfalls gehören sie genau wie die Olympischen Spiele zum realen Leben dazu und leisten deshalb natürlich einen Beitrag zur Inklusion, den man nicht unterschätzen sollte.

    27. November 2015 at 11:29
  • Kaddyatou

    Super Beitrag, der mir aus der Seele spricht.

    28. November 2015 at 11:40

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