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Paralympics: Die 7 Goldversuche der Andrea Eskau

Die 42-Jährige Diplom-Psychologin ist in Sotschi eine Vielstarterin. Von Martin Kloth und Michael Brehme

Andrea Eskau beim 10 km Biathlon (Sitzend) bei den Paralympics 2010 in Whistler, Kanada. Eskau gewann die Bronzemedaille. (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Andrea Eskau beim 10 km Biathlon (Sitzend) bei den Paralympics 2010 in Whistler, Kanada. Eskau gewann die Bronzemedaille. (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Kraftvoll schiebt Andrea Eskau ihren Ski-Schlitten durch die Loipe. Rhythmisch wie ein Uhrwerk stößt sie auf dem Bergkurs hoch über Krasnaja Poljana die Stöcke im Doppelarmschub in den weichen und tiefen Schnee.

Noch ist es nur Training, doch an diesem Samstag wird es ernst: Um 10.00 Uhr startet die 42 Jahre alte Thüringerin bei den Paralympics in Sotschi ihre Mission Gold. Biathlon über sechs Kilometer steht auf dem Programm, es ist ihr erster von insgesamt sieben Starts in neun Tagen. „Ich möchte gern eine paralympische Winter-Goldmedaille gewinnen. Das ist mein Ziel“, sagte die Diplom-Psychologin.

So vielseitig wie kaum eine andere

Dreimal Gold bei den Paralympics hat sie bereits eingefahren – im Sommer. Mit dem Handbike siegte sie in London 2012 sowohl im Einzelzeitfahren als auch im Straßenrennen, nachdem sie bereits 2008 in Peking erste deutsche Paralympics-Siegerin mit dem Handbike gewesen war.

Holte auch schon bei den Paralympics 2012 in London Gold: Andrea Eskau  (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Holte auch schon bei den Paralympics 2012 in London Gold: Andrea Eskau (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Andrea Eskau ist seit einem Radunfall 1998 querschnittgelähmt. Nach ersten Versuchen beim Rollstuhl-Basketball entdeckte die neunmalige Weltmeisterin ihre Liebe zum Handbike und fährt der Konkurrenz nahezu regelmäßig davon. 2011 fuhr sie in Hamburg in 1:04:09 Stunden Marathon-Weltrekord.

Ski-Schlitten von einem japanischen Autobauer

In Sotschi nun will die trainingsfleißige Thüringerin, die in Bergheim nahe Köln lebt und für den USC Magdeburg startet, sich bei ihren zweiten Winter-Paralympics den Wunsch von Gold erfüllen. Dafür hat sie sich zusammen mit der Motorsport-Abteilung eines japanischen Autoherstellers einen Spezialschlitten anfertigen lassen. „Sie werden kein ähnliches Modell finden“, sagte die fünfmalige Weltmeisterin mit dem Ski-Schlitten.

Die schwarze Sitzschale ist exakt an ihre Figur angepasst. „Hier ist kein Millimeter mehr Platz“, erzählt sie und zeigt dabei auf ihre Hüfte und den Rand des Sitzes. Die Schale ist komplett geschlossen und hat für den Ein- und Ausstieg eine Klappe ähnlich einer Motorhaube, die verriegelt wird.

„Ein dicker, fetter Winterschuh“

Im Inneren ist das Gefährt mit Schaum ausgefüllt, der auf ihren Körper zugeschnitten ist. „Es ist eigentlich wie ein dicker, fetter Winterschuh. Da ist es immer warm drin“, beschrieb sie die Spezialanfertigung, „das bringt den Vorteil, dass das Temperatur-Management sehr einfach ist.“

Vor allem bei tiefen Minustemperaturen ist das von unschätzbarem Wert, weil „die unteren Extremitäten, die bei mir gelähmt sind und damit nicht so gut durchblutet wie ein normal benutztes Körperteil, schnell auskühlen“.

Auch im Kampf um Sekunden und Minuten in der Loipe geht es besser. Der Kraftverlust ist verringert und der Schlitten lässt sich leichter steuern. „Von der Bewegung, die ich in der Hüfte erzeuge, muss ich den Schlitten bewegen. Das kann ich nur, wenn ich etwas ganz enges habe, das alle Bewegungen von oben nach unten überträgt“, meinte sie. Ein Wunderschlitten sei dies aber nicht. „Letztlich fährt der Schlitten auch keinen Meter alleine.“

Besondere Schießtechnik

Somit wird es beim Biathlon auch auf ihr Können ankommen. Vor allem an der Schießtechnik hat die Diplom-Psychologin, die beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft angestellt ist, im Langlauf-Zentrum „Laura“ noch gefeilt.

Weil sie ihren Oberkörper nicht drehen kann, muss sie sich mit dem Schlitten seitlich hinlegen, um die richtige Schießposition zu finden. „Ich brauche immer ein bisschen länger, bis ich liege, um dann einen guten Rhythmus schießen zu können“ erzählte Andrea Eskau und fügte an: „Es gibt andere Athleten, die können schneller schießen. Die fallen nur um, Waffe und peng, peng.“

(dpa)

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4 Kommentare

  • Handbiker

    Ich bin mir sicher das Andrea auch dieses mal Gold holen wird. Die Frage ist nur, wird das die Medien überhaupt interessieren? Ihre letzte olympische Handbike Goldmedallie wurde bei der Berichterstattung von ARD+ZDF noch nicht einmal erwähnt. Hoffen wir mal das Andreas Erfolge diesmal mehr gewürdigt werden.

    7. März 2014 at 11:28
  • Rolfi

    @1 Warum auch, interessiert nicht einmal die meisten Behinderten. Die meisten Leute wissen nicht einmal, was ein Handbike ist. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun oder weiß hier jemand, wer der Weltmeister im bowling, im Karate oder beim Poker ist?

    7. März 2014 at 12:06
  • Dani

    Wenn Bowling, Karate oder Poker olympisch wäre, würde eine Goldmedaille allerdings selbstverständlich erwähnt werden. Und Rolfi: Es ist doch vielleicht Aufgabe der Medien, Dinge bekannt zu machen, die es wert sind, bekannt zu werden???

    7. März 2014 at 18:44
  • Handbiker

    @Rolfi, zur Aufklärung: Ein Handbike ist ein Fahrrad für Rollstuhlfahrer, daß mit den Armen angetrieben wird.

    So unbekannt wie du denkst, ist der Handbikesport schon lange nicht mehr. In ganz Deutschland finden Städtemarathons statt, bei denen auch Handbiker starten und wenn ich mit meinem Handbike unterwegs bin, treffe ich ständig Leute, die mein Sportgrät schon kennen. Bei den Sommerparalympics bekamen alle Fahrrad Straßen- und Bahnenrennen ihre eigene Sendezeit. Nur das Handbike Straßenrennen nicht. Besonders ignorant war, Andreas Goldmedallie wurde bei den Nachrichten nicht ein einziges mal erwähnt. So etwas darf es bei einer gewonnenen Goldmedallie nicht geben. In keiner Sportart.

    9. März 2014 at 05:30

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