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Paralympics in Sotschi: Andrea Eskau dachte sogar an Boykott

Vorfreude und Bedenken beim deutschen DBS-Team, das heute am Frankfurter Flughafen verabschiedet wurde. Von Sebastian Stiekel

Andrea Eskau (Ski nordisch) telefoniert bei der Verabschiedung der deutschen Mannschaft für die Winter-Paralympics in Sotschi auf dem Flughafen in Frankfurt am Main (Hessen). (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Andrea Eskau (Ski nordisch) telefoniert bei der Verabschiedung der deutschen Mannschaft für die Winter-Paralympics in Sotschi auf dem Flughafen in Frankfurt am Main (Hessen). (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Mit äußerst gemischten Gefühlen sind die deutschen Athleten am Dienstagmorgen zu den Paralympics in Sotschi geflogen. Die russische Schwarzmeerstadt liegt nur 450 Kilometer Luftlinie von der Krisenregion Krim entfernt, die Sicherheitsbedenken sind folglich noch größer als bei den Olympischen Hochsicherheits-Winterspielen im Februar am selben Ort.

Weltgeschehen im Blick

Wenigstens eine Sportlerin haben wir, die sich darüber so richtig Gedanken macht: „Die Freude ist sicherlich getrübt durch die Ereignisse auf der Krim“, sagte die Ski-Langläuferin Andrea Eskau bei der offiziellen Verabschiedung des 13-köpfigen deutschen Teams auf dem Frankfurter Flughafen. „Wir haben das Weltgeschehen im Blick und werden es gerade da unten auch nicht aus dem Blick verlieren.“

Würde es sich nicht um Paralympische Spiele und damit das größte Ereignis überhaupt für einen Behindertensportler handeln, hätte die 42-Jährige nach eigenen Angaben sogar ernsthaft über einen Boykott oder eine Protest-Aktion nachgedacht.

„Bei einer WM würde ich das vielleicht tun“, sagte sie. „Aber Paralympics sind nur alle vier Jahre. Und politische Äußerungen sind uns nicht erlaubt. Aber natürlich hat jeder eine Einstellung dazu.“ Eskau macht sich vor allem Sorgen um ihre ukrainischen Ski-Kolleginnen. „Für die tut es mir leid“, sagte sie. „Die müssen jetzt trotz der unsicheren Situation zu Hause zu den Spielen fliegen.“

Anna Schaffelhuber freut sich „riesig“

Aber gerade weil es sich um die Paralympics handelt, gibt es bei den meisten Athleten auch immer noch so etwas wie die reine Vorfreude auf die sportlichen Wettkämpfe vom 7. bis 16. März. „Anspannung verspüre ich nur, wenn ich daran denke. Ich bin Sportlerin und freue mich riesig auf die Spiele“, sagte Anna Schaffelhuber, die 2010 in Vancouver Bronze im Super-G gewann.

Von allen Mitgliedern der deutschen Mannschaft wurde diese Vorfreude bei Martin Fleig am deutlichsten. Der Ski-Langläufer ließ sich eigens das Logo der Behindertenspiele auf den Hinterkopf rasieren.

Das Wort "Sochi" und das Symbol der Paralympics hat sich der deutsche Athlet Martin Fleig (Ski nordisch) in die Haare rasiert (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Das Wort „Sochi“ und das Symbol der Paralympics hat sich der deutsche Athlet Martin Fleig (Ski nordisch) in die Haare rasiert (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Der Deutsche Behindertensport-Verband verhielt sich vor dem Abflug nicht wesentlich anders als der DOSB oder das IOC in den Wochen zuvor: Er versuchte die Aufmerksamkeit auf den Sport zu lenken und alle anderen Verhältnisse in Russland und der Ukraine auszublenden.

„Wir verschließen nicht die Augen vor den Entwicklungen in der Welt. In den letzten Tagen sind wir sehr besorgt gewesen über die Lage auf der Krim“, sagte DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher. „Aber wir sind froh, dass alle Sicherheitsbehörden und auch das Auswärtige Amt diese Reise als ungefährlich einstufen. So können wir es verantworten, nach Sotschi zu fliegen.“

Einen Unterschied zum DOSB gab es allerdings schon. Mit der Medaillenzählerei will Beucher nach eigenen Angaben gar nicht erst anfangen. „Wir wollen in Sotschi nicht hinterherfahren, aber wir machen auch keinerlei Medaillenvorgaben“, sagte er. „Selbst wer dort Vierter, Fünfter, Sechster oder Siebter wird, darf sich immer noch zu den besten 700 Athleten weltweit zählen.“

(dpa)

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3 Kommentare

  • Rudi

    Mich erstaunt, wie „alt“ diese Sportler sind. Mit 42 würde man bei Olympia schon zur Rentengeneration gehören. Ich huldige nicht dem Jugendkult, aber es sagt doch einiges über den Stellenwert der sportlichen Leistung bei den Paralympics aus. Man kann mit über 40 einfach keine sportlichen Höchstleistungen mehr vollbringen.

    4. März 2014 at 12:42
  • Handbiker

    @Rudi: Du solltest Dich voher informieren über wen Du wegen des Alters meckerst!

    Glaube mir, trotz ihrer 42 Jahre wird Andrea Escau es den anderen Sportlern bestimmt nicht leicht machen. Andrea Escau gewann mit dem Handbike nicht nur zehn Weltmeisterschaften und zahlreiche Städtemarathons und andere Handbikerennen, bei den Sommer-Paralympics 2008 in Peking und 2012 in London holte sie mit dem Handbike mehrere Goldmedallien. Nach den Sommer- Paralympics in Peking entschied Andrea Escau sich zusätzlich bei den Winter-Paralympics zu starten und holte 2010 als Wintersportneuling mit 38 Jahren nach nur wenigen Monaten Training in Vancouver im Biathlon und im Skilanglauf auf Anhieb eine Bronze- und eine Silbermedaille. Das lieber Rudi, sollte ein Sportler bei den Olympischen Spielen erst einmal nachmachen.

    4. März 2014 at 20:50
  • Dani

    Was ist daran erstaunlich? Der normale Weg bei Olympia ist halt anders als bei den Paralympics.
    Olympiateilnehmer fangen ihren Sport in der Regel im Kindesalter an und sind dann in jungen Jahren bei Olympia.

    Paralympicsteilnehmer hingegen beginnen ihren Sport oft erst nach einem Unfall o. ä. Diese passieren halt häufig erst im Erwachsenenalter.

    Und dass deine Aussage, dass man jenseits der 40 keine sportlichen Höchstleistungen vollbringen kann, nicht stimmt, zeigen ganz klar die Erfolge eben jener „Alten“, die über Jüngere siegen. Übrigens auch gerade bei den Olympischen Spielen geschehen bei Ole Einar Björndalen…

    4. März 2014 at 21:30

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