Paralympics ohne Russland: So geht es jetzt weiter

Putins Sportminister Witali Mutko empört: „Es gab keinen Grund für den Ausschluss, und doch ist es so gekommen“.

Nicht überraschend: Der russische Sportminister Witali Mutko übt scharfe Kritik am CAS-Urteil. (Foto: Yuri Kochetkov/dpa)

Nicht überraschend: Der russische Sportminister Witali Mutko übt scharfe Kritik am CAS-Urteil. (Foto: Yuri Kochetkov/dpa)

Der Internationale Sportgerichtshof CAS hat die kompromisslose Anti-Doping-Haltung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) mit der Bestätigung des Banns gegen Russland gestärkt (ROLLINGPLANET berichtete: Paralympics definitiv ohne russische Sportler). Nebenbei erhielt das IOC, das sich vor einem Komplett-Ausschluss der russischen Sportler für die Olympischen Spiele gedrückt hatte, vom Internationalen Sportgerichtshof einen Seitenhieb verpasst. Je nach Blickwinkel erwartungsgemäß oder auch nicht erwartungsgemäß bestätigte der CAS am Dienstag den Ausschluss der Russen von den Paralympics vom 7. bis 18. September in Rio de Janeiro. „So hätte das IOC auch entscheiden können“, sagte der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner.

Das russische Paralympics Komitee (NPC Russia) hatte gegen die Aussetzung seiner Mitgliedschaft im IPC Einspruch eingelegt. Wegen seiner Verwicklungen in das staatlich gelenkte Doping-System war das NPC am 7. August suspendiert worden. Der CAS bestätigte diesen Schritt, weil das NPC gegen die Anti-Doping-Richtlinien des Komitees und der Welt-Anti-Doping-Behörde WADA verstoßen habe. Die Russen (angereist waren NPC-Präsident Wladimir Ljukin, Vizepräsident Pawel Roschkow sowie Dmitri Kokarew, Wiktoria Potapowa, Jelena Gorlowa und Sportjuristen) hätten bei einer Anhörung am Montag in Rio die Vorwürfe nicht entkräften können.

„Nicht berechenbar“

Noch gestern hatte der renommierte Sportrechtler Rainer Cherkeh die Auffassung vertreten, der Russland-Ausschluss bei den Paralympics sei juristisch nur „schwer durchsetzbar“. Dieser könne auch nach dem Anti-Doping-Code des IPC nur erfolgen, wenn während der Dauer der Paralympics mehrere Dopingfälle innerhalb einer Mannschaft festgestellt werden. „Ein Komplett-Ausschluss im Vorfeld der Paralympics dürfte also auch vor der Ad-hoc-Kammer des Internationalen Sportgerichtshofs CAS nur schwer durchzusetzen sein“, so Cherkeh, „zumal auch rechtsstaatliche Grundprinzipien wie das rechtliche Gehör und die Unschuldsvermutung eine erhebliche Rolle spielen werden.“

Wie es am Ende vor dem CAS ausgehe, sei dennoch offen. „Der CAS ist nicht berechenbar und auch kapitale Fehlentscheidungen – egal in welche Richtung – sind dort denkbar“, sagte der Jurist aus Hannover vor einigen Stunden. Der „nicht berechenbare CAS“ hat nun indes ein klares Urteil zugunsten des IPC und gegen Russland gefällt.

6 deutsche Behindertensportler/innen profitieren
Das russische Team sollte ursprünglich mehr als 200 Athleten umfassen. Durch seinen Komplett-Ausschluss rücken Sportler aus anderen Ländern nach – aus Deutschland werden es voraussichtlich sechs zusätzliche Teilnehmer/innen aus den Sportarten Leichtathletik, Kanu, Radsport und Tischtennis sein, die in Rio de Janeiro antreten. Die organisatorischen Gespräche zu diesem Plan B laufen seit einigen Wochen hinter den Kulissen. Die Gesamtzahl der aktiven Vertreter des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) steigt damit von 148 auf 154.

Weitgehend positives Echo

Allenthalben fand die CAS-Entscheidung ein positives Echo. Die NADA, der Deutsche Behindertensportverband und Sportrechtler begrüßten den Richterspruch. „Die Entscheidung ist die Konsequenz aus dem nachgewiesenen Doping. Insgesamt für den Sport ist das ein gutes Zeichen und ein Beleg für Null-Toleranz-Politik gegenüber dopenden Sportlern und Sportlerinnen“, sagte der deutsche Verbandspräsident Julius Beucher. „Diese Entscheidung ist im Sinne der sauberen Sportlerinnen und Sportler“, teilte die Nationale Anti-Doping-Agentur Deutschland (NADA) in einer ROLLINGPLANET vorliegenden Erklärung mit.

Der in vielen Doping-Prozessen gestählte Jurist Lehner begrüßte die Entscheidung. Das IOC, das vor den Spielen nur einen Teilausschluss russischer Leichtathleten und Gewichtheber zugelassen hatte, hätte sich auch so entscheiden können. „Aber sie wollten sich die Hände so ein bisschen in Unschuld waschen und haben es den Verbänden überlassen. So oder so war es eine politische Entscheidung“, sagte Lehner der Deutschen Presse-Agentur.

„Unerhörte Frechheit und Prinzpienlosigkeit“

IPC-Präsident Sir Philip Craven (Foto: dpa)

IPC-Präsident Sir Philip Craven (Foto: dpa)

Naturgemäß stieß der rechtskräftige Total-Ausschluss in Moskau auf scharfe Kritik. Der CAS habe politisch und nicht juristisch entschieden, sagte Sportminister Witali Mutko. „Es gab keinen Grund für den Ausschluss, und doch ist es so gekommen“, sagte er der Agentur Tass. Der Vorsitzende im Sportausschuss des russischen Parlaments, Dmitri Swischtschow, sprach von „unerhörter Frechheit und Prinzipienlosigkeit“ des CAS.

Russlands Superstar Jelena Issinbajewa (Foto: dpa)

Russlands Superstar Jelena Issinbajewa (Foto: dpa)

Stabhochsprung-Superstar Jelena Issinbajewa (durfte in Rio ebenfalls nicht starten) hat den Komplettausschluss der russischen Behindertensportler von den Paralympics als unbarmherzig und grausam kritisiert. „Wir dachten, sie würden den größten Teil (der Mannschaft) zulassen. Sie haben eine schreckliche Entscheidung getroffen“, sagte Issinbajewa in Moskau.

Widerspruch nicht wahrscheinlich

Russland könne das Urteil vor dem Schweizer Bundesgericht anfechten, falls es Formfehler gegeben habe, sagte der Sportjurist Michail Prokopez der Agentur Tass. Dies sei aber wenig aussichtsreich, und komme vermutlich zu spät. Die Paralympics, zu denen mehr als 3500 Sportler aus 164 Nationen erwartet werden, beginnen in zwei Wochen.

Nach massiven Doping-Vorwürfen im Report des unabhängigen Ermittlers Richard McLaren für die WADA hatte das IPC die Suspendierung mit mangelnden Anstrengungen der Russen im Anti-Doping-Kampf begründet. „Der McLaren-Report markierte einen der dunkelsten Momente des Sports“, sagte IPC-Chef Philip Craven.

Nach Rio wieder Frieden?

Das IPC hatte von McLaren die Namen von 35 Sportlern erhalten, die in Verbindung mit verschwundenen positiven Dopingproben aus dem Moskauer Kontrolllabor stehen sollen. Zudem schickte der Dachverband 19 Dopingproben der Winter-Paralympics 2014 in Sotschi zur Nachkontrolle.

Aber es soll auch ein Zurück geben. „Wir hoffen, dass die Entscheidung ein Katalysator für den Wandel in Russland sein wird und dass wir das russische Paralympische Komitee als Mitglied wieder begrüßen können“, sagte Craven. Nach den Paralympics in Rio will das IPC in Kooperation mit der WADA Kriterien zur Wiederaufnahme Russlands aufstellen.

Bis dahin gilt es jedoch zunächst, die Paralympics zu feiern. Die Vorfreude darauf ist getrübt: Angesichts der brasilianischen Finanzprobleme und des vermutlich sehr geringen Zuschauerinteresses sprach Craven bereits von den „schwierigste Umständen in der Paralympics-Historie“.

(RP/Andreas Zellmer,Martin Kloth, dpa)

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2 Kommentare

  • Erika Hoffmann-Zbranek

    ich finde es schlimm das es nur die paralympics trifft .wie hieß es doch in einer rede es gab für die nicht behinderten olympia keine öffentlichen gelder .alles private Sponsoren.langsam drängt sich bei mir der verdacht auf das das team nicht so viele private sponsoren hat .ich frage mich warum wurden die nicht behinderten Athleten auch ausgeschloßen .warum nur die behinderten athleten .ich finde es empörent .mir ist bis heute nicht bekannt das ein behindert athlet positiv war ..!!!

    24. August 2016 at 07:44
  • Niels Grunenberg

    Wir alle wissen, daß in den Paralympics deutlich mehr gedopt wird als bei Olympia. Der Ausschluß der russischen Behindertensportler ist gerechtfertigt und mitnichten eine politische Entscheidung.
    Die normalen Oylmpiaatheleten sollen sich vorsehen. Sollten sie den Weg ihrer Behinderten Kollegen gehen, muß ihnen das Startrecht für Tokyo entzogen werden.

    24. August 2016 at 09:09

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