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Paralympics: Philip Craven attackiert deutsche Bundesregierung

„Sie versucht, diese Spiele zu überschatten“: Interview mit dem Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees.

IPC-Chef Philip Craven blickt immer noch zuversichtlich auf das Großereignis Paralympics (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

IPC-Chef Philip Craven blickt immer noch zuversichtlich auf das Großereignis Paralympics (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Sir Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), bedauert die Absage von Verena Bentele für die Paralympics in Sotschi und kritisiert die Bundesregierung (ROLLINGPLANET berichtete). „Das ist sehr enttäuschend für mich. Die Regierung versucht, diese Spiele zu überschatten“, sagt der ehemalige Rollstuhlbasketballer in unserem Interview und spricht über die Rolle von Bentele, die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung ist. Das Großereignis für Behindertensportler startet mit der Eröffnungsfeier an diesem Freitag. Michael Brehme und Martin Kloth stellten die Fragen.

„Verena ist eine sehr gute Freundin von mir“

Herr Craven, es gibt Informationen, dass außer Russland die restlichen G8-Staaten keine Regierungsvertreter zu den Paralympics nach Sotschi schicken wollen. Was sagen Sie dazu?

Ich habe immer in den letzten Tagen gesagt: Das sind politische Entscheidungen. Wir sind für den Sport hier, für fantastische Paralympische Winterspiele mit mehr Athleten und Nationen als jemals zuvor. Ich bin enttäuscht, dass Politiker und einige Oberhäupter von Staaten nicht hier sein werden.

Meine größte Enttäuschung betrifft aber die Athleten: Definitiv sind die Entscheidungen, die getroffen und vertreten werden von einigen Staatsoberhäuptern, politischer Natur. Viele von ihnen wünschen den Athleten ihrer Länder aber immer noch das Beste im Sport. Ich denke, dass wir selbst bei solchen Entscheidungen weiterhin zwischen Politik und Sport differenzieren müssen.

Philip Craven (r)  heute im paralympischen Dorf (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Philip Craven (r) heute im paralympischen Dorf (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass Paralympics an sich komplett von der Krim-Krise überstrahlt werden?

Keineswegs. Vor vielen Olympischen Spielen oder Paralympics gibt es Themen, die auf die Agenda kommen. Aber wenn der Sport startet, konzentrieren wir uns auf den Sport. Das ist eine ernste Sache, wir bestreiten diesen Fakt nicht, wir beobachten die Situation sehr genau. Wir informieren jeden, der bei den Paralympics involviert ist, über alles, was wir wissen. Aber wir haben nur einen richtigen Fokus – auf die Spiele selbst.

Haben Sie Angst, dass nun auch noch das ukrainische Team seinen Start kurzfristig absagen wird?

Ich habe keine Angst davor. Aber wenn sie es tun würden, wäre ich erneut enttäuscht. Da habe ich zurzeit überhaupt keinen Einfluss drauf. Wir würden das Thema behandeln, wenn es soweit ist.

Wann wird es eine Entscheidung darüber geben?

Ich weiß es nicht. Das ist in den Händen der Ukrainer, nicht in meinen Händen.

Was erwarten Sie generell von den Paralympics?

Fantastischen Sport, dafür sind wir hier. Es sind die Leistungen der Athleten, die Menschen verblüffen, und die auch Wahrnehmungen in der Denkweise von Menschen verändern. Das ist bei vielen Paralympischen Spielen in der Vergangenheit passiert. Wir sind das erste Mal in Russland – was für eine unglaubliche Möglichkeit, Wahrnehmungen und Leben zu wandeln, und zwar von allen Russen.

Wird Wladimir Putin zur Eröffnungsfeier kommen?

Na, wenigstens der kommt: Gastgeber Wladimir Putin (Foto: dpa)

Na, wenigstens der kommt: Gastgeber Wladimir Putin (Foto: dpa)

Ja, Wladimir Putin wird hier bei der Eröffnungsfeier sein.

Verena Bentele wird als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung dagegen nicht zu ihrer Ehrung am Samstag kommen – eigentlich sollte sie dann in die paralympische Hall of Fame aufgenommen werden.

Das ist sehr enttäuschend für mich. Die Regierung versucht, diese Spiele zu überschatten. Verena ist eine sehr gute Freundin von mir. Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich zunächst dran erinnert hätte, dass sie eine Athletin ist. Sie ist in dieser Position, weil sie eine hervorragende Athletin gewesen ist und eine so wunderbare Person ist.

Sie soll sehr traurig reagiert haben.

Da bin ich mir sicher. Ich habe auch sehr traurig reagiert.

Die deutsche Paralympics-Ikone Verena Bentele – hier nach dem Gewinn der Goldmedaille im 5 km Ski-Langlauf 2010 in Vancouver – wollte ursprünglich auch in Sotschi antreten, ehe sie vor drei Jahren überraschend ankündigte, ihre sportliche Karriere nicht fortzusetzen. (Foto: dpa)

Die deutsche Paralympics-Ikone Verena Bentele – hier nach dem Gewinn der Goldmedaille im 5 km Ski-Langlauf 2010 in Vancouver – wollte ursprünglich auch in Sotschi antreten, ehe sie vor drei Jahren überraschend ankündigte, ihre sportliche Karriere nicht fortzusetzen. (Foto: dpa)

(dpa)

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1 Kommentar

  • Charlie

    Wir dürfen wohl raten, warum er nicht das IOC dafür kritisiert, die Spiele an so demokratische Staaten wie China und Russland zu vergeben. Was hätte Russland eigentlich tun müssen, damit er das Land verurteilt? Ein paar Atombomben auf Kiev? Es ist eine schöne Illusion zu glauben, man könne Sport und Politik trennen, falls es einen Krieg gibt, werden die Medien hoffentlich darüber berichten und nicht über die Paralympics. Man sollte ein für alle mal klarstellen, dass es Russland ist, das diese Situation geschaffen hat, Russland ist kein Opfer und die Paralympics ausch nicht.

    6. März 2014 at 15:16

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