Paralympics-Prämien: 7.500 statt 4.500 Euro für Gold. Czyz meckert: „Das können sie sich sparen“

Das ist mehr als bisher geplant – aber immer noch halb so viel, wie die nichtbehinderten Olympiasieger erhalten haben.

Wojtek Czyz bei den IWAS Games im indischen Bangalore 2009 (Archivfoto: Deutsche Sporthochschule Köln)

Wie ROLLINGPLANET bereits am Nachmittag berichtete, sollen die deutschen Medaillengewinner bei den Paralympics höhere Prämien als bisher geplant erhalten. Eigentlich sollte diese Nachricht erst morgen auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben werden. Wie die „Sport Bild“ in diesen Stunden vorab meldete, sind für eine Goldmedaille nun 7.500 statt bislang 4.500 Euro vorgesehen, für Silber solle es 5.000 statt 3.000 Euro geben, für Bronze 3.000 statt 1500 Euro. „Das wurde vor allem durch Gelder der Deutschen Fußball-Liga mit der Bundesliga-Stiftung möglich“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Sporthilfe, Michael Ilgner, dem Blatt.

Von Gleichheit kann aber noch lange nicht die Rede sein. So bekamen die deutschen Goldmedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele immerhin 15.000 Euro. Die große Differenz hatte bei Behindertensportlern Unmut ausgelöst. „Der Behindertensportverband hatte den Wunsch, dass die Paralympics-Prämien 60 bis 70 Prozent der Olympia-Prämien ausmachen. Immerhin haben wir 50 Prozent geschafft“, sagte Ilgner und betonte: „Im Vergleich zu Sydney 2000, wo es 1.350 Euro für Gold gab, haben sich die Paralympics-Prämien mehr als verfünffacht, die Olympia-Prämien sind gleichgeblieben.“

Wie der für die Finanzen zuständige Vizepräsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), Michael Rosenbaum, heute in Frankfurt erklärte, habe es „anscheinend in letzter Sekunde” eine Einigung zwischen dem DBS und dem Sozialwerk des deutschen Sports gegeben.

Kanarienvogel Wyludda?

Als der Lufthansa-Flug 908 heute Mittag gegen 13.45 Uhr von Frankfurt am Main aus in Richtung London abhob, hatten viele deutsche Behindertensportler auch eine gehörige Portion Wut im Bauch. Denn bei aller Vorfreude auf die am Mittwoch in der britischen Hauptstadt beginnenden Paralympics – dass es nach wie vor keine Gleichbehandlung mit den nichtbehinderten Athleten gibt, sorgt bei den meisten Sportlern mit Handicap für Unmut. „Der Behindertensport hat in Deutschland leider Gottes immer noch nicht den Stellenwert, den er verdient“, sagte Diskuswerferin Ilke Wyludda.

Die gebürtige Leipzigerin hat dreimal an Olympischen Spielen teilgenommen, gewann 1996 in Atlanta die Goldmedaille. Nachdem die Diskuswerferin im Dezember 2010 wegen einer Infektion den rechten Unterschenkel verloren hatte, steht sie nun vor ihrem ersten Start bei den Paralympics – und vor ungeahnten Problemen.

„Ich habe noch nicht einmal eine komplette Ausrüstung“, sagte die 43-Jährige. „In ihrer Größe haben wir leider nichts mehr, Pech gehabt“, erzählte Wyludda von ihren Erfahrungen. „Es kann doch nicht sein, dass wir bei der Eröffnungsfeier als deutsches Team rumlaufen wie die Kanarienvögel.“

Wojtek Czyz ist schon jetzt frustriert

Der viermalige Goldmedaillen-Gewinner Wojtek Czyz stimmte Wyluddas grundsätzlicher Kritik zu. «Es geht nicht um das Geld, sondern um die Anerkennung. Von einer Gleichbehandlung sind wir leider noch weit entfernt“, sagte Czyz. „Auf uns wartet in London keine MS Deutschland, es gibt keinen Empfang in Hamburg“, sagte der Leichtathlet, der über 100 und 200 Meter sowie im Weitsprung an den Start geht. Auch die Ankündigung, die Prämien zu erhöhen, stimmt ihn nicht milde. „Das können sie sich sparen, so lange es nicht 15.000 Euro sind“, sagte er der „Bild“. „Eine Erhöhung ist keine Anerkennung für unsere Leistungen. Da hätten sie das Geld besser gespart und woanders eingesetzt.“

Czyz hat neben der mangelnden finanziellen Akzeptanz noch weiteren Ärger. Wie schon 2008 in Peking starten in London Oberschenkel- und Unterschenkelamputierte im Weitsprung in einem Wettkampf. „Jeder weiß, dass das keinen Sinn macht, aber es ändert sich nichts. Eine Chance auf den Sieg habe ich damit nicht“, sagte der 32-Jährige frustriert.

Bei allen Unregelmäßigkeiten auf dem Weg zu mehr Professionalität im Behindertensport war bei den Athleten während der offiziellen Verabschiedung des deutschen Teams aber auch Vorfreude zu spüren. „Ich lasse alles auf mich zukommen. Dass ich überhaupt dabei bin, ist eine tolle Sache. Alles andere ist Zugabe“, sagte Wyludda und versprach: „Ich werde es genießen.“

(dpa)


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1 Kommentar

  • Optimist2012

    Man sollte dankbar über die weitere Erhöhung der Mediallenprämie sein, denn schließlich ist und bleibt es eine Anerkennung der Leistungen im Behindertensport. Auch wenn die Prämie immer noch nicht dem olympischen Siegesgeld entspricht, so ist es trotzdem eine Entgegenkommen.
    Vorschlag: wenn ein Athlet diese Anerkennung nicht zu schätzen weiß, dann kann er diese ja gerne für gemeinnützige Zwecke spenden.

    28. August 2012 at 13:54

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