Paralympics: Psychokrieg zwischen Wojtek Czyz und Heinrich Popow

Freunde werden die beiden nicht mehr: Vor dem 100-Meter-Finale heute Abend wirft Czyz dem Goldfavoriten „technisches Doping“ vor und kündigt an, ihm in den Arsch zu treten. Popow und Ottobock streiten alles ab.

Wojtek Czyz bei seinem 200-Meter-Lauf in London (Foto: dpa)

Eigentlich verbindet die beiden einiges: Sie haben ein gesundes rechtes Bein + links eine Prothese, sind ähnlich alt, haben den gleichen Sport, sind im ehemaligen Ostblock geboren, besessen vom Erfolg und lieben es, in die Mikrofone zu sprechen. Dass sich die beiden deutschen Leichtathletik-Stars Wojtek Czyz (29, gebürtiger Pole) und Heinrich Popow (31, kam als Achtjähriger von Kasachstan nach Deutschland) jedoch nicht grün sind, weiß man in der Szene schon lange.

So dauerte es vor dem Beginn der Paralympics auch nur wenige Stunden, bis Popow zur Kritik von Czyz an den aus seiner Sicht zu geringen Prämien für die Paralympics-Sieger („Das können sie sich sparen“) sofort Gegenstellung bezog (ROLLINGPLANET berichtete: Streit um Paralympics-Prämien: Popow und Schmidt widersprechen Motzki Czyz). Während Czyz unter der Kategorie alternder Ex-Superstar läuft, wächst Popow aus dessen Schatten heraus („Ich will Gold“.)

Vorwurf „Technik-Doping“

Nun hat der Sprinter und viermalige Paralympics-Sieger Wojtek Czyz – der beinahe Profifußballer geworden wäre, ehe ihm nach einem Zusammenprall auf dem Platz und Behandlungsfehlern sein linkes Bein oberhalb des Knies amputiert werden musste – mit einem schweren Vorwurf gegen seinen Teamkollegen Heinrich Popow (wegen einer Krebserkrankung im Alter von neun Jahren prophylaktisch das linke Bein amputiert) für Aufruhr gesorgt. Vor dem 100-Meter-Finales heute Abend (22 Uhr deutscher Zeit) hat der Kaiserslauterer seinen Gegner bei den Paralympics in London und Ottobock attackiert. Sein Vorwurf lautet: „technisches Doping“.

Czyz sagt, er habe eine große Portion „Wut im Bauch“ – und der Grund dafür laufe neben ihm auf der Tartanbahn. „Wenn man sich so einen Vorteil verschafft, dann ist das für mich kein paralympischer Sport, sondern einfach eine Materialschlacht. Dann gewinnt nicht mehr der beste Athlet, sondern der mit dem besten Material. Wenn das der Fall ist, dann gute Nacht.“

Der oberschenkelamputierte Popow habe von Ausrüster Ottobock ein künstliches Kniegelenk erhalten, das anderen Athleten bis kurz vor Beginn der Spiele vorenthalten worden sei, sagte Czyz, der sich dabei auf Sprinterin Vanessa Low berief, der es genauso ergangen sei. Ein Sprecher des Prothesen-Bauers wies die Vorwürfe als haltlos zurück.

Czyz sagte, er und andere Sportler hätten vor Monaten eine Anfrage gestellt, um das Knie-Modell zu kaufen. „Da wurde mir gesagt, dieses Knie ist reserviert für Heinrich Popow“, sagte Czyz. „Das ist für mich die Paradedisziplin technisches Doping.“

Dass das Gelenk wie vorgeschrieben vor Start der Spiele erhältlich war, räumte selbst Czyz ein. Allerdings sei die Markteinführung so kurz vor den Paralympics erfolgt, dass es für Athleten schlicht unmöglich war, sich rechtzeitig an das Knie zu gewöhnen. Popow laufe als einziger Athlet in London mit der Prothese und habe damit auch schon lange trainieren können. „Das verstößt zwar nicht gegen die Regel, aber es ist eine Grauzone und ein unlauterer Vorteil“.

Die Vorteile seien eklatant: „Wenn ein Athlet seine 200-Meter-Zeit um sieben Zehntelsekunden verbessert, spricht das Bände“, meinte Czyz. Selbst Popows Trainer habe zugegeben, dass solche Bauteile ein Jahr vor den Spielen erhältlich sein müssten. Er wolle seinem Rivalen „nichts Böses, aber die Chancengleichheit muss da sein“. Im Paralympics-Sprinterfeld sei der Unmut angeblich groß.

Zuletzt hatte Oscar Pistorius bei den Paralympics eine Debatte über „Technik-Doping“ entfacht. „Das ist absolut lächerlich“, schimpfte Pistorius nach seiner überraschenden Niederlage gegen den Brasilianer Alan Oliveira beim 200-Meter-Rennen. Nach Ansicht von Pistorius und auch anderer Rivalen sind Oliveiras Unterschenkelprothesen zu lang. „Wir laufen hier kein faires Rennen“, sagte der viermalige Paralympics-Champion aus Südafrika, der auch bei Olympia antrat und dem – von nichtbehinderten Sportlern und Funktionären – selbst „Technik-Doping“ vorgeworfen wird.

“Schön in den Arsch treten“

Heinrich Popow (Foto: Neuspree Media GmbH)

Czyz kündigte für das Finale an: „Trotz des Vorteils, will ich ihm im Finale schön in den Arsch treten“. Czyz war heute Vormittag hinter Popow und Scott Reardon aus Australien 100-Meter-Vorlaufdritter geworden.

Gold-Favorit Popow reagierte mit Unverständnis auf die Kritik seines Konkurrenten. „Das ist totaler Humbug. Ein typisches Psychospielchen von Wojtek, aber das ist mir egal. Mich interessiert nur der Sport, nicht so ein unfairer Quatsch“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Popow: „Meine Antwort gebe ich ihm im Finale.“

Ottobock-Sprecher Rüdiger Herzog erklärte auf dpa-Anfrage: „Wir halten uns an das Regelwerk.“ Popow, der bei dem niedersächsischen Unternehmen unter Vertrag steht, laufe mit einem „Serien-Kniegelenk“, das schon seit Monaten auch für andere Athleten erhältlich sei. Die Anschuldigungen von Czyz bezeichnete Herzog als „Psychoterror“. Übrigens: Bereits 2011 holte Popow Sprintgold bei der Weltmeisterschaft in Christchurch – trotz „normalen“ Kniegelenks.

Im Team reagierte man mit Befremden auf den Auftritt von Czyz. Der deutsche Chef de Mission Karl Quade sagte zu dem Streit: „Das ist schade. Aber ich kann das nicht verhindern. Die Athleten sind erwachsen und kriegen auch keinen Maulkorb. Die Leistungen der beiden Athleten waren heute überragend, beide kämpfen offen um Gold.“ Quade behauptet: „Da entscheiden andere Dinge als ein Kniegelenk über Sieg oder Niederlage“.

Allerdings bemängelte er den „denkbar ungünstigen Zeitpunkt“ der Kritik – „noch dazu teamintern“. Der Teamchef gab außerdem zu bedenken, dass „Oscar Pistorius nach den 200 Metern auch eine Diskussion über zu lange Prothesen vom Zaun gebrochen hat, bei der er nachher wieder zurückstecken musste.“ Quade will die beiden Sportler und ihre Trainer zu einem Gespräch einladen.

(RP/dpa/dapd)


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1 Kommentar

  • Willi Schroeder

    Der Vergleich mit den Prämien war ja nicht verkehrt, da hatte Czyz sicher recht, aber in der anderen Sache muss ich sagen, das klingt nach Futterneid …

    7. September 2012 at 15:33

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