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Paralympics-Sieger David Behre: IPC droht „meinen Beruf zu zerstören“

Die Leichtathleten mit Behinderung haben ein gravierendes Systemproblem. Für einen deutschen Leistungssportler könnte das sogar das Karriere-Ende bedeuten. Von Holger Schmidt

David Behre am 20. September 2016 in Frankfurt am Main nach seiner Rückkehrer aus Rio auf dem Flughafen mit seiner Gold-, Silber- und Bronzemedaille um den Hals. (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

David Behre am 20. September 2016 in Frankfurt am Main nach seiner Rückkehrer aus Rio auf dem Flughafen mit seiner Gold-, Silber- und Bronzemedaille um den Hals. (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Vor seinem Unfall maß David Behre 1,83 Meter. Heute dürfte er 1,91 Meter groß sein. Er geht aber mit 1,82 Meter durchs Leben und sprintet mit 1,86 Meter über die Laufbahnen. In Zukunft darf er nur noch 1,79 Meter groß sein. Vielleicht sogar nur 1,76 Meter. Oder 1,78 Meter. Klingt verrückt? Ist es auch.

Doch lustig findet das Staffel-Paralympicssieger Behre überhaupt nicht. Im Gegenteil. „Wenn das IPC das so durchzieht, droht es, meinen Beruf zu zerstören“, sagt der 30 Jahre alte Prothesen-Sprinter, der seinen WM-Titel in der durch „Blade Runner“ Oscar Pistorius bekannt gewordenen 400-Meter-Klasse wegen einer Verletzung in London kampflos abgeben musste, der Deutschen Presse-Agentur.

Neue Formel soll Betrug stoppen

Der Hintergrund ist genauso simpel wie kompliziert. Bei den Doppelamputierten versucht das Internationale Paralympische Komitee durch Vermessungen zu eruieren, wie groß die Athleten mit gesunden Beinen wären. Auf diese Höhe dürfen die Prothesen eingestellt werden. Die bisherige Formel bot zu viele Hintertürchen. Und so hüpfte mancher Athlet mit sichtbar zu hohen Prothesen an der verdutzten Konkurrenz vorbei ins Ziel.

Dem will das IPC nun Einhalt gebieten durch eine neue Formel. Da manche Sportler lange Oberkörper haben, andere lange Beine oder lange Arme, versucht man, sich dem wahren Wert durch vier Maße zu nähern: Der Sitzhöhe, der Länge des Oberschenkelknochens sowie Humerus (Oberarmknochen) und Radius des Armes.

„Die Formel an sich ist gut“, erklärt der deutsche Mannschaftsarzt Helmut Hoffmann. „Sie bekämpft einen Großteil der Pfuscher. Das Problem ist, dass sie von Menschen umgesetzt wird. Und Menschen machen Fehler. Deshalb kann man das so nicht lassen.“

Achillesferse des Para-Sports

Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), sagt: „Veränderungen sind überfällig. Aber hier wird keine Gerechtigkeit produziert. Deshalb fordere ich das IPC auf, nachzubessern. Die Vergleichbarkeit für Sportler und Zuschauer ist die Achillesferse des Para-Sports. Wenn bei vier Messungen vier Ergebnisse rauskommen, kann das nicht sein.“

Behre wurde zunächst mit 1,78 Meter vermessen. Der DBS legte Beschwerde ein – die erneuten Messungen ergaben 1,76 und 1,79 Meter. Allein die Streuung zeigt, dass das System fehlerhaft ist. „Das macht die Klasse kaputt. Ein paar Zentimeter Körpergröße können einige Zehntel ausmachen“, sagt Hoffmann, auch wenn er Wert darauf legt, „dass eine höhere Prothese einen nicht automatisch schneller macht. Man muss sich wohlfühlen und muss die Frequenz bringen.“

Das Entscheidende aber ist: Behre (der bei der Para-WM verletzungsbedingt ausfällt) ist als einziger der Weltklasse-Athleten seiner Klasse mit zwei gesunden Beinen geboren worden. Er verlor sie erst durch einen Unfall im Alter von 20 Jahren. „Es gibt eindeutige, offizielle Dokumente – zum Beispiel von der Musterung, die belegen, dass ich 1,83 Meter war“, erklärte Behre. Er könnte somit ideal für die Formel-Validierung dienen.

IPC hält sich bedeckt

Vor allem aber fordert Hoffmann eine eindeutige Messung. „Ein MRT würde untrügliche Ergebnisse liefern“, versichert der Mediziner, der selbst 25 Jahre lang Klassifizierungen durchführte. „Das IPC argumentiert, dass dies für viele Athleten zu teuer wäre und damit diskriminierend wäre. Aber es sind aktuell vielleicht 20 Sportler, im Jahr kommen maximal drei oder vier dazu. Und man müsste sie einmal in der Laufbahn testen. Wenn wir professionellen Sport betreiben, sollte diese einmalige Investition durch das IPC möglich sein.“

Das IPC erklärte auf dpa-Nachfrage nur, „der aktuelle Plan“ sehe vor, die neue Formel zum 1. Januar 2018 einzuführen.

(dpa)

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