""

Paralympics-Sieger zu DLV-Vorstoß: „Ein Skandal“

Dramatischer Rückschritt geplant: Übernimmt der Leichtathletik-Weltverband eine Regeländerung des DLV, dürfte beispielsweise Oscar Pistorius nicht mehr auf Prothesen gegen Nichtbehinderte antreten. Von Ralf Jarkowski

War sein hart erkämpfter Ausflug in den inklusiven Sport nur von kurzer Dauer? Superstar Oscar Pistorius machte vielen Behinderten Mut (Foto: dpa)

Wer dachte, dass mit Oscar Pistorius ein inklusiver Fortschritt im Sport gelang, sieht sich demnächst wohl bitter enttäuscht – statt einen Schritt nach vorne geht es demnächst offensichtlich mit Riesenschritten rückwärts.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband strebt eine einschneidende Regeländerung für Athleten mit einem Handicap an, die technische Hilfsmittel für ihren Wettkampf benötigen. Diese Sportler sollen künftig nicht mehr bei Wettbewerben mit Nichtbehinderten gemeinsam gewertet werden. Über die Initiative der DLV-Regelkommission berichtet der „Spiegel“ morgen in seiner neuen Ausgabe.

Der DLV bestätigte den Bericht des Nachrichtenmagazins. „Es geht uns nicht um einen Ausschluss von behinderten Athleten, sondern um eine klare Trennung in der Wertung“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa. „Dies entspricht im Übrigen auch der Differenzierung bei den Behindertensportlern selbst, die ja viele unterschiedliche Schadensklassen haben.“ Eine klare Abgrenzung sei notwendig, meinte Prokop, „sonst bekommen wir eine Endlos-Diskussion“.

Popow: „Es reicht nicht, NEIN zu sagen“

Heinrich Popow nach seinem Triumph über 100 Meter in der Klasse T42 bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Mit heftiger Kritik reagierte Paralympics-Sieger Heinrich Popow noch am Sonntag. In einer Stellungnahme erklärte er vor einer Stunde:

„Sollte der DLV den gemeinsamen Sport von Menschen mit und ohne Behinderungen aktiv verhindern, ist das ein Skandal und weit entfernt von der Lebenswirklichkeit und dem Sport. Der DLV zementiert damit die Spaltung des Sports und zerstört die Vorbildfunktion der Leichtathletik für die Gesellschaft insgesamt.

Es ist entlarvend, wenn der Leiter der Wettkampforganisation davon spricht, dass ihm die Gleichbehandlung zu ,unsicher‘ sei. Wenn er Sportlern wie mir und Tausenden anderen Sportlerinnen und Sportlern grundsätzlich Unfairness unterstellt, dann ist das frech. Denn im Sport geht es nicht um Gleichmacherei, sondern um Gemeinsamkeit, um Leistung, um fairen Wettbewerb. Ich will nicht besser gestellt werden, ich will nicht bedauert werden, ich will einfach nur Sport treiben und mich mit anderen messen.

Es reicht nicht, NEIN zu sagen. Das kann jeder. Wir definieren uns nicht über unsere Behinderung, und ich mich nicht über meine Prothese, sondern über meinen Sport, über mein Training, meine Leistung und meine Leidenschaft für den Sport und den Wettkampf. Wenn der DLV das in Frage stellt, stellt er die Gleichberechtigung von Menschen und auch die Gleichbehandlung im Sport in Frage. Was ist das nächste Ziel des DLV: getrennte Wettbewerbe, getrennte Trainings, getrennter Sportunterricht?

Der DLV zerstört unsere Arbeit für gemeinsamen Sport, für die Inklusion, die insbesondere mit den Spielen in London endlich Fahrt aufgenommen hat. Der Bundespräsident ehrte Olympioniken und Paralympioniken gemeinsam für unsere Leistungen. Wir Paralympioniken sind keine Gefahr für den Sport. Wir gehören einfach nur dazu, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da sind nicht-behinderte und behinderte Sportlerinnen und Sportler und viele Vereine und Landesverbände längst weiter als der DLV.“

Chancengleichheit für Nichtbehinderte…

Die Regeländerung „dient zur Vermeidung von Streitfällen und beugt technischen Manipulationen vor“, erklärte DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen. Ein Grund für die nationale Initiative, die auch dem Weltverband IAAF als „Regeländerungsantrag“ unterbreitet werden soll, sei die Chancengleichheit. Bei Athleten, die Hilfsmittel wie Prothesen für ihren Wettkampf benötigen „kann ein Wettbewerbsvorteil nicht ausgeschlossen» und daher „innerhalb eines Wettbewerbes keine gemeinsame Wertung zugrunde gelegt werden“, argumentiert der DLV.

Würde die IAAF die Regel übernehmen, dürfte ein Weltklasse-Leichtathlet wie 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius nicht mehr an Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen teilnehmen. Der beinamputierte Südafrikaner, der auf Hightech-Karbon-Prothesen sprintet, hatte sich sein Startrecht bei den Nichtbehinderten erst erkämpfen müssen. Selbst Experten sind sich bis heute nicht einig, ob die technischen Hilfsmittel wie ein „Antrieb»“ wirken und ihm einen Vorteil verschaffen. Auch Markus Rehm peilte nach seinem sensationellen Weltrekord Anfang September Olympia 2016 an.

„Die Behindertensportszene ist sich untereinander nicht mal einig. Bei den Paralympics beschuldigten sich Sportler gegenseitig, unerlaubte Prothesen einzusetzen. Solange es keine Möglichkeit gibt, Vorteilsnahme auszuschließen, ist uns eine Gleichbehandlung zu unsicher“, zitierte der „Spiegel“ Manfred Mamontow von der DLV Wettkampforganisation. Gemeint waren – ROLLINGPLANET berichtete – Vorwürfe von Oscar Pistorius und Popow-Konkurrenten Wojtek Czyz. Mamontow: „Die Prothesentechnik könnte bald so ausgefeilt sein, dass der faire Wettkampf in Gefahr wäre.“

(dpa/RP)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN