Paralympics-Siegerin: Franziska Liebhardt hat es allen gezeigt

Die 34-Jährige ist unheilbar krank. Jetzt hat sie in Rio Gold gewonnen, aber noch ein großes Ziel – sie will für Organspenden werben.

Franziska Liebhardt (Foto: dpa)

Franziska Liebhardt (Foto: dpa)

Vor sieben Jahren war Franziska Liebhardt fast schon tot. Wegen einer unheilbaren Autoimmunkrankheit versagte ihre Lunge. Gehen, essen, atmen – all das ging nicht mehr. Sie wurde in ein künstliches Koma versetzt, dachte: Das war es jetzt. Doch in buchstäblich letzter Sekunde erhielt sie 2009 ein Spenderorgan. Das erste Mal atmen ohne Sauerstoffgerät: „Ich habe Rotz und Wasser geheult“, erzählt sie.

Sieben Jahre später hat Liebhardt das geschafft, was ihre Ärzte und viele andere für undenkbar hielten. Bei den Paralympics hat die 34-Jährige an diesem Dienstagabend Gold gewonnen – mit der Weltrekordweite von 13,96 Metern. Damit verbesserte sie ihre eigene Bestmarke um 14 Zentimeter.

Jetzt ist nichts mehr normal

Noch vor zwei Jahren wollte Liebhardt nur in Rio dabei sein. „Das ging wie im Zeitraffer. Ich will zeigen, dass ich ganz vorne mitmischen kann“, sagte die frühere Volleyballerin, die innerhalb von nur zwei Jahren zur weltbesten Kugelstoßerin ihrer Klasse wurde – und nun auf dem vorläufigen Gipfel ihrer sportlichen Karriere ist. Die Europameisterin und WM-Zweite, die bei der früheren Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius in Leverkusen trainiert, startet auch noch im Weitsprung.

Bis vor zehn Jahren verlief das Leben von Franziska Liebhardt völlig normal. Sport, Freunde, Reisen, Arbeit. Dann, aus dem Nichts, die erschütternde und alles verändernde Diagnose: Kollagenose, ihr Körper wandelt gesunde Zellen in nutzloses Bindegewebe um. Die Ärzte gaben ihr noch zehn Jahre. Nach dem ersten Schock nimmt sie ihr Schicksal an, kämpft, will leben, ihre restliche Zeit so intensiv es nur geht nutzen. Ihre Familie unterstützt die Kinderphysiotheraupetin.

Liebhardt ist ein medizinisches Wunder

„Ich war vor der Lungentransplantation so gut wie tot, es war wirklich in letzter Minute“, sagte Franziska Liebhardt. Der Eingriff gelingt, ihr Körper nimmt das Organ an. Ihr erster Gedanke: „Ich kann atmen, ich kann wieder Sport machen.“ Die Ärzte schauen sie ungläubig an: Sport? Ein bisschen vielleicht. Leistungssport? Auf keinen Fall.

Aber Franziska Liebhardt denkt: „Denen zeige ich’s.“ 2010 erleidet sie einen Schlaganfall, hat als Folge dessen eine Halbseitenspastik. Deshalb startet sie bei den Behindertensportlern.

2012 der nächste Schicksalsschlag. Jetzt versagen die Nieren. Eine Lebendspende ihres Vaters rettet sie. Erst will sie das „Geschenk“ nicht annehmen, aber über die Transplantationsliste hätte es viel zu lange gedauert. Acht bis zehn Jahre Dialyse, das hätte ihre Lunge nicht mitgemacht. Sie sagt zu, alles geht gut.

Sie will für Organspenden werben

Doch als Folge der Organspenden muss Liebhardt nun lebenslang Medikamente nehmen, damit der Körper die fremden Organe nicht abstößt. Sie schluckt 42 Tabletten, jeden Tag. Die sind hochgiftig, wie sie sagt, führen zu gravierenden Nebenwirkungen und schwächen erheblich die Immunabwehr. Zudem bleiben nach der Operation Teilfunktionsstörungen der Organe bestehen.

Franziska Liebhardt saugt das Leben trotzdem auf, sie will die begrenzte Zeit mit allem füllen, was möglich ist. „Nach Rio ist Schluss“, sagt die 34-Jährige, der vor allem ein Thema besonders am Herzen liegt: Organspende. Die Bühne Rio will sie nutzen, um darauf aufmerksam zu machen. „In Deutschland ist dieses Thema eher negativ behaftet. Das muss sich ändern!“

Nachtrag 14.9.2016: Nur einen Tag nach ihrem Gold in Kugelstoßen hat Franziska Liebhardt heute auch Silber im Weitsprung gewonnen.

(RP/ Sandra Degenhardt/dpa)

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