""

Paralympics-Star Czyz und Freundin wollen mindestens vier Jahre lang um die Welt segeln

Mit „sailing4Handicaps“ verwirklicht der Oberschenkelamputierte einen Lebenstraum und ein bemerkenswertes Charity-Projekt. Von Frank Kastner

Wojtek Czyz ist leidenschaftlicher Segler (Foto: Privat)

Wojtek Czyz ist leidenschaftlicher Segler (Foto: Privat)

40 Fuß-Katamaran  „Imagine“ (Foto: sailing4Handicaps)

40 Fuß-Katamaran „Imagine“ (Foto: sailing4Handicaps)

Noch liegt der 40 Fuß-Katamaran namens „Imagine“ fest vertaut in der Lübecker Bucht. Spätestens 2015 soll die Lagoon 410 mit dem viermaligen Paralympics-Sieger Wojtek Czyz und seiner italienischen Lebensgefährtin und ehemaligen Hochspringerin Elena Brambilla (30, Fotos: siehe unten) in See stechen – es geht über die sogenannte „Barfuß-Route“ auf Weltreise.

Der ehemalige Profifußballer, dessen linkes Bein 2001 nach einem Foul amputiert werden musste und der am 30. August in Eisenberg/Pfalz seine Laufbahn als Athlet beendet (ROLLINGPLANET berichtete), will mit seinem Projekt „sailing4Handicaps“ Behinderten in weniger wohlhabenden Ländern helfen, an Prothesen zu kommen.

„Seit Jahren in meinem Herzen“

„Segeln ist meine Passion, diese Idee ist schon seit Jahren in meinem Herzen. Wir wollen für die Menschen da draußen etwas tun, dafür bringe ich gerne Opfer“, sagte Czyz am Montag in einem Gespräch der Nachrichtenagentur dpa.

Während seiner Reisen als Sportler machte der gebürtige Pole die Erfahrung, dass Behinderte in vielen Ländern als Belastung für ihre Familien gesehen und vom gesellschaftlichen Leben praktisch ausgeschlossen werden. Diesen Menschen ist durch fehlenden Zugang zu Prothesen oft die Zukunft verbaut. Das will Czyz mit seiner karitativen Organisation ändern und behinderten Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben.

„Mit Wissenstransfer Behinderten neuen Mut machen“

„Vor Ort werden wir einen Arzt sowie einen Prothesenspezialisten einfliegen. Wir werden den Menschen zeigen, wie man Prothesen baut, anpasst, trägt und wartet und mit diesem Wissenstransfer Behinderten neuen Mut machen“, so Czyz. Als Aktiver habe er mal zwei Prothesen nach Afrika vermittelt und selbst gesehen, „wie die Motivation der Menschen plötzlich gestiegen ist. Das war phänomenal.“

Hierzulande sei das schwer vorstellbar. „Meine Prothese kostet 35.000 Euro und ich habe das wahnsinnige Glück, in Deutschland damit versorgt zu sein. In anderen Ländern sieht das ganz anders aus. Ich spreche nicht über Topathleten, sondern über Menschen, die keine Sau interessieren. Bei denen schämt sich die eigene Familie für ihre Kinder. Viele sind nicht mehr leistungsfähig. Genau da setzen wir an.“

Vier bis sechs Jahre mit Elena auf dem Wasser

30429_108533875858606_6026887_n

425326_567043720007617_270806799_n

294335_443194485725875_2022181572_n

225888_200470983331561_6623292_n

Hochsprung
Freundin Elena Brambilla (Fotos: privat/Facebook)

Vier bis sechs Jahre will der Sprinter und Weitspringer auf dem Wasser bleiben. „Ich habe meine Ersparnisse genommen und die Lagoon gekauft und mit meiner Lebensgefährtin Elena einen Verein gegründet. Wir segeln so oft wir können, wir müssen das Schiff nun auf Vordermann bringen, damit wir alle Teile an Bord haben, die man so für eine Weltumsegelung dringend braucht“, sagte der 32-Jährige, der auch seine Route schon fest im Kopf hat: „Wir bewegen uns auf der sogenannten Barfuß-Route.“

So geht die Barfuß-Route

Czyz will im schleswig-holsteinischen Neustadt starten, über den Atlantik zu den Kanaren und von dort in die Karibik nach Haiti. Danach soll es über den Panama-Kanal und Südamerika zu den Galapagos-Inseln und Französisch-Polynesien bis nach Australien und Neuseeland gehen. Auf dem Rückweg segelt er über Thailand und Afrika. Pro Jahr hat er 80.000 Euro veranschlagt: „Diese Geschichte mache ich aber nicht von Sponsoren abhängig, notfalls schippere ich allein.“

Warum der siebenfache Medaillengewinner der Paralympics, der im Vorjahr in London nach Vorwürfen an seinem Teamkollegen Heinrich Popow („technisches Doping“) beim Behindertensportverband in Ungnade gefallen ist, drei Jahre vor Rio de Janeiro seine Karriere beendet, habe primär gesundheitliche Gründe.

„Der Verband hat in meinen Entscheidungen noch nie eine große Rolle gespielt. Normalerweise bin ich eher andersherum gestrickt, nach dem Motto: komm jetzt erst recht. Aber ich bin immer ehrlich zu mir selbst. Die Verletzungen nehmen zu, man kann die Topleistungen nicht mehr abrufen“, erklärt Czyz. Und in Rio einfach die Sportart zu wechseln und als Skipper zu starten, kam für ihn nicht infrage: „Ich bin kein Regatta-Segler.“

Größte Erfolge von Wojtek Czyz


London 2012 Paralympic Games -  Leichathletik
Wojtek Czyz bei den Paralympics 2012 in London (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)


4 x Paralympics-Gold: 100 m (2004), 200 m (2004), Weitsprung (2004 und 2008 )
1 x Paralympics-Silber: 100 m (2012)
3 x Weltmeister: 100 m (2006), 200 m (2006), Weitsprung (2006)
3 x Vizeweltmeister: Weitsprung (2011)
7 x Gold IWAS World Games: Weitsprung (2007, 2009, 2011), 100 m (2009, 2011), 200 m (2011), 4 x 100 m (2009)
3 x Europameister: 100 m (2005), 200 m (2005), Weitsprung (2005)

(RP/dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • Stephan Kindler

    haben sie noch Platz an Bord?

    29. Juli 2013 at 15:57
  • Friedhelm Peetz

    activ für alle – Integration in Sport und Kultur e.V. segelt seit 15 Jahren mit behinderten Menschen im Mittelmeer. Wir wünschen viel Erfolg bei diesem inklusiven Unternehmen 🙂

    29. Juli 2013 at 16:02

KOMMENTAR SCHREIBEN