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Paralympicssieger Niko Kappel hat keine Lust auf Donald Trump und warnt vor falscher Inklusion

Seit seinem Erfolg vor einem Jahr Rio ist der kleinwüchsige Kugelstoßer omnipräsent – und gilt als der „Außenminister“ des Behindertensportverbandes.

Niko Kappel nach seinem Goldwurf bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. (Archivfoto: Kay Nietfeld/dpa)

Niko Kappel nach seinem Goldwurf bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. (Archivfoto: Kay Nietfeld/dpa)

Seit dem großen Erfolg war der kleine Mann auf fast jeder großen Bühne. Im vergangenen Jahr bekam Paralympicssieger Niko Kappel das Silberne Lorbeerblatt aus der Hand von Bundespräsident Joachim Gauck. Er wurde als Wahlmann bei der Kür von dessen Nachfolger Frank-Walter Steinmeier berufen. Und er gewann beim lockeren Bühnentalk mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zahlreiche Sympathien. Kurzum: Der kleinwüchsige Kugelstoßer war so etwas wie der Außenminister des deutschen Behindertensports.

„Außenminister, ja das Wort passt auf jeden Fall“,

sagt Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), der Deutschen Presse-Agentur: „Wir haben einige Athleten, die das gut machen. Aber Niko ist nicht nur ein Top-Athlet mit unbekanntem Potenzial, bei ihm kommt auch eine große Charme-Offensive dazu. Er macht das richtig souverän, manchmal ist es kaum zu glauben, dass er erst 22 Jahre alt ist. Es macht richtig Spaß, einen solchen Athleten in den Reihen zu haben.“

Er ist CDU-Gemeinderat in Welzheim

Kappel fühlt sich durch die Worte „sehr geehrt“ und sagte der dpa mit seinem typischen Humor und Lausbubencharme:

„Wenn ich die Wahl hätte, Außenminister des DBS zu sein oder normaler Außenminister, würde ich den DBS wählen. Da darf ich mich um schönere Dinge kümmern als unser aktueller Außenminister. Ich hätte aktuell jedenfalls keine Lust, nach Amerika zu reisen, um mich mit Donald Trump zu treffen. Und meine Freundin würde ich auch nicht zu ihm mitnehmen.“

Eine große politische Karriere strebt Deutschlands Behindertensportler des Jahres derzeit sowieso nicht an. Obwohl sie naheliegend wäre. Denn Kappel sitzt auch für die CDU im Gemeinderat von Welzheim in seiner schwäbischen Heimat. „Im Moment habe ich da definitiv keine Ambitionen“, antwortet Kappel auf die Frage, ob er eine Laufbahn im Stile von Verena Bentele im Auge habe. Die zwölfmalige Winter-Paralympicssiegerin ist seit 2014 Behindertenbeauftragte der Bundesregierung.

„Ich halte Politik für ein spannendes Thema. Und wenn die Zeit bleibt, werde ich auch gerne im Rat bleiben. Aber der Sport steht für mich an oberster Stelle“, erklärt Kappel. Ihm ist aber schon bewusst, dass er auch eine Botschafter-Rolle einnimmt. Übrigens nicht nur bei offiziellen politischen Anlässen, sondern auch in Talkshows wie bei Markus Lanz oder als SWR-Moderator eines Sport-Jahresrückblicks an der Seite seines ebenfalls kleinwüchsigen Freundes Mathias Mester.

Frischgebackener Weltmeister

„Ich möchte den Behindertensport nach vorne bringen und will verhindern, dass er nach den Paralympics wieder für vier Jahre aus der Öffentlichkeit verschwindet“, erklärt er: „Aber ich weiß: Das liegt auch an mir. Ich kann das verhindern, indem ich sportlich Leistung bringe, Präsenz zeige, Freundlichkeit und Freude am Sport.“

Ein Jahr nach seinem Paralympics-Coup holte Kappel am gestrigen Donnerstagabend sein erstes WM-Gold. Er wuchtete im Londoner Olympiastadion die Kugel auf die neue Weltrekordweite von 13,81 Meter. „Ich bin das erste Mal als Mitfavorit in einen Wettkampf gegangen, und die Erwartungen waren von allen Seiten etwas höher, auch von meiner Seite an mich selbst. Aber ich habe dem standgehalten und freue mich sehr.“ Er verwies den Briten Kyron Duke (12,28 Meter) und Zhiwei Xia (11,86 Meter) aus China auf die Plätze.

In Rio war er ohne große Erwartungen in seinen Wettkampf gegangen. Diesmal war es anders. „In Rio ist man einfach aufgestanden und hat sich gedacht ,Leckt mich alle am Arsch, heute komm ich und entweder klappt es oder nicht‘. Hier in London war es schon eine andere Einstellung, da musste man etwas behutsamer reingehen. Aber ich bin gut damit klar gekommen“, so Kappel.

Gewagte These?

Nach dem WM-Gold äußerte sich Kappel gestern Abend auch zum Thema Inklusion. Er warnte vor einem angeblich falschen gesellschaftlichen Trend:

„Ich sehe eine Entwicklung zur Bevorzugung der Behinderten. Inklusion bedeutet aber Gleichstellung“,

sagte er dem Sport-Informations-Dienst (SID). Nach seiner Meinung dürfe besonders auch bei den Auswahlkriterien in der Arbeitswelt eine Behinderung eines Kandidaten keine Rolle spielen. „Es sollte nur darum gehen, ob einer für den Job geeignet ist – oder eben nicht“.

Der Weltmeister weiter: „Inklusion bedeutet für mich, dass innerhalb der Gruppe eine Gleichstellung auf Augenhöhe stattfindet. Es ist toll, wenn man auch als Handicap-Sportler die Leute begeistern kann.“

(RP/mit Materialien von Holger Schmidt, dpa)

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3 Kommentare

  • Klaus-Peter Drechsel

    Wie kommt er denn zu der Idee von der Tendenz der Bevorzugung von MmB bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle? Und das im Zusammenhang mit Inklusion? Stosser bleib bei deinen Kugeln!

    22. Juli 2017 at 00:13
  • Katrin Kurtz

    Der Mann lebt da wohl in einer Parallelwelt mit seinem Sport. Sein Erfolg ist ihm gegönnt. Aber wer sich für einen Sprecher von Menschen mit Behinderungen hält sollte sich über die Vielschichtigkeit dieser Problematik informieren. Seine CDU Freunde wird dieses undifferenzierte Gerede jedoch freuen. Sie werden das als weitere Begründung nehmen sich über das Völkerrecht hinweg zu setzen und Inklusion in der Schule, beim Wohnen, Arbeiten und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben weiter zu boykottieren.

    22. Juli 2017 at 01:34
  • Wolfsspitz

    Was die Inklusion angeht, frage ich mich ob Herr Niko Kappel schon mal ein Bewerbungsgespräch erlebt hat bei dem der Gegenüber ganz klar zu verstehen gibt das er Menschen mit Behinderung nicht einstellt.

    22. Juli 2017 at 16:54

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