Kirsten Bruhn mahnt barrierefreie Spiele für Hamburg an

Werden Versprechen eingehalten? Die dreimalige Paralympics-Siegerin trommelt eifrig für die Olympia-Bewerbung, sieht jedoch reichlich Nachholbedarf. Von Britta Körber

Kirsten Bruhn (Foto: dpa)

Kirsten Bruhn (Foto: dpa)

Kirsten Bruhn hasst öffentliche Verkehrsmittel. Sechsmal hat es die 45-Jährige mit der Bahn versucht – die Aufzüge waren jedes Mal defekt, und die dreimalige Paralympics-Siegerin stand vor der Wahl, sich von Helfern die Treppen hochtragen zu lassen oder mit ihrem Rollstuhl umzukehren. „Es tut weh, wenn man sieht, man ist nicht gewollt“, sagt die sechsmalige Schwimm-Weltmeisterin, die nach einem schweren Motorradunfall seit 24 Jahren nur noch sehr eingeschränkt laufen kann.

Ihr Herzensanliegen ist es, für Olympische Spiele 2024 ohne Barrieren zu kämpfen. Zwei- bis dreimal die Woche fährt sie im Auto von Berlin in die Hansestadt, um die Werbetrommel für das Referendum am 29. November zu rühren. In ihrem Hauptberuf ist sie Botschafterin für das Unfallkrankenhaus Berlin, spricht mit Schülern und verunglückten Kindern, um ihnen Mut für Integration und Sport zu machen. „Wir müssen nicht hundertprozentig leistungsfähige Körper haben, um Sport zu treiben“, betont die vielfache Weltrekordlerin.

Schwimmhalle nach ihr benannt

Sie ist das beste Beispiel: „Trotz“ ihrer Behinderung ging sie ihren Weg und wurde Vorbild für viele. In ihrer Heimatstadt Eutin wurde die Schwimmhalle kürzlich in Kirsten-Bruhn-Bad umbenannt. Wenn sie die Eltern besucht, nutzt sie die Halle immer noch. Nach Jahren des Hochleistungssport muss die achtmalige Europameisterin abtrainieren.

Die Erfahrung von London 2012, als Olympische und Paralympische Spiele einfach „London Games“ hießen und kleinwüchsige Behindertensportler neben Leichtathletik-Star Usain Bolt auf Werbeplakaten zu sehen waren, hat sie nachhaltig beeindruckt. Sie wünscht sich, dass die Hamburger Bewerbung auf ein prominentes Gesicht zur Außendarstellung verzichten wird und stattdessen ein junges Team aus Sportlern mit und ohne Handicap in den nächsten Jahren auf dem Weg zu Olympia begleitet.

Behinderte sollen gefragt werden

„Katarina Witt musste bei der Münchner Bewerbung eine viel zu große Last tragen“, meint Bruhn über die exponierte Rolle der Eiskunstlauf-Olympiasiegerin für das gescheiterte Vorhaben Winterspiele 2018.

Bruhn will auch Mahnerin sein, dass die öffentlichen Versprechen für Athleten mit Handicap 2024 eingehalten werden. Bisher hat die Hamburger Hochbahn erst 60 Prozent barrierefreie Haltestellen. Sie sieht zwar die große Chance, dass das einhundert Jahre alte U-Bahn-System durch Olympia modernisiert wird, wünscht sich aber schon in der Planungsphase die Einbeziehung von Menschen mit Behinderung: „Jetzt wird Alarm gemacht. Ich hoffe, dass man uns auch nach 2017 bei einem möglichen Zuschlag einbezieht.“

(RP/dpa)

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1 Kommentar

  • Manfred Wolter

    Lieber keine „olumpige“ Spiele in Hamburg, aber wenn es denn doch passiert, dann auf jeden Fall BARRIEREFREI

    15. Oktober 2015 at 14:03

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