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Parkinson? Das stinkt dem Riechforscher Amir Madany

Der Lübecker arbeitet an einem Riechtest zur Früherkennung der Krankheit. Ein Labor-Besuch.

Amir Madany, Professor am Institut für Neuro- und Bioinformatik der Universität zu Lübeck, mit Riechprobenflaschen aus seiner Forschungsreihe zur Entwicklung eines Standard-Riechtests. (Foto: Markus Scholz/dpa)

Amir Madany, Professor am Institut für Neuro- und Bioinformatik der Universität zu Lübeck, mit Riechprobenflaschen aus seiner Forschungsreihe zur Entwicklung eines Standard-Riechtests. (Foto: Markus Scholz/dpa)

Die Sehfähigkeit wird in Dioptrien gemessen, das Hörvermögen in Hertz. Für das Riechvermögen dagegen gibt es keine Maßeinheit und auch keine standardisierten Tests. „Dabei ist das Nachlassen des Geruchssinns ein typisches Anzeichen für degenerative Erkrankungen wie Parkinson“, sagt Amir Madany vom Institut für Neuro- und Bioinformatik der Universität Lübeck.

Gemeinsam mit seinem Team arbeitet der 38-Jährige an der Entwicklung eines Riechtests zur Früherkennung der Parkinson-Krankheit. „Wir hoffen, dass wir in rund zwei Jahren mit den klinischen Studien beginnen können“, sagt er.

Wird Parkinson früh erkannt, ist Hilfe möglich

„Wenn die Krankheit sehr früh erkannt wird, können Medikamente das Auftreten der typischen Symptome wie Muskelsteife, Bewegungsstörungen und Zittern hinauszögern“, sagt Madany. Die Parkinson-Krankheit, auch Schüttelkrankheit oder -lähmung genannt, entsteht durch das Absterben bestimmter Areale im Mittelhirn.

Das führt zu einem Mangel von Botenstoffen, sogenannten Neurotransmittern, so dass die Reizweiterleitung zwischen Nervenzellen und Gehirn gestört ist. Die Krankheit gilt bislang als unheilbar.

„Wenn es gelänge, ein Medikament gegen Parkinson zu entwickeln, wäre ein Früherkennungstest natürlich sinnvoll. Ob aber ein Riechtest dafür ausreicht, bezweifle ich“, sagt der Neurologe und Schriftführer der Deutschen Parkinson-Gesellschaft, Georg Ebersbach.

Was ist Parkinson?

Morbus Parkinson ist eine der bekanntesten und häufigsten Erkrankungen des Nervensystems. Ihren Namen verdankt sie dem britischen Arzt, James Parkinson, der 1817 erstmalig die typischen Symptome ausführlich beschrieb.

Parkinson ist eine langsam fortschreitende neurologische Erkrankung, die vor allem bestimmte Teile des Gehirns betrifft. Diese Hirnbereiche weisen einen Mangel an dem Botenstoff Dopamin auf, da Dopamin-haltige Nervenzellen aus bisher noch ungeklärten Gründen nach und nach absterben. Hirnbereiche mit Dopamin-haltigen Nervenzellen kontrollieren willkürliche und unwillkürliche Bewegungen. Bewegungsstörungen gehören daher zu den typischen Hauptsymptomen der Erkrankung.

Erst seit kurzem weiß man, dass bei Morbus Parkinson außer dem Gehirn auch andere Teile des Nervensystems von der Krankheit betroffen sind. Die krankheitsbedingten Veränderungen im Nervensystem des Magen-Darm-Trakts lassen sich sogar erheblich früher nachweisen als im Gehirn. Somit können viele weitere Symptome erklärt werden, wie Verdauungsstörungen oder Riechstörungen, die lange Zeit vor den Bewegungsstörungen auftreten.

Der Geruchssinn ist noch wenig erforscht

Im Vergleich zum Sehen und Hören ist der Geruchssinn noch wenig erforscht. Erst 2004 haben die amerikanischen Wissenschaftler Richard Axel und Linda Buck den Medizin-Nobelpreis für die Erforschung der Riechrezeptoren und der Organisation des olfaktorischen (den Riechnerv betreffenden) Systems erhalten.

„Sie haben bewiesen, dass die Geruchsrezeptoren in der Nasenschleimhaut so miteinander verschaltet sind, dass es für jeden Duftstoff einen Code gibt, der im Riechkolben des Gehirns verarbeitet wird“, erläutert Madany.

Im Labor von Amir Madany (Foto: Markus Scholz/dpa)

Im Labor von Amir Madany (Foto: Markus Scholz/dpa)

„Wir sind auf der Suche nach einer Geruchskarte als Entsprechung zum Farbenkreis. Dazu lassen wir Testpersonen an kleinen Plastikflaschen riechen und bitten sie, die darin enthaltenen Duftstoffe zu vergleichen und zu beschreiben. Damit wollen wir herausfinden, ob sich die Ergebnisse der Versuche mit Ratten auf Menschen übertragen lassen“, erläutert der Lübecker Riechforscher.

US-Forscher haben Grundstein gelegt

US-Forschern war es gelungen, in den Gehirnen von Ratten neun verschiedene Bereiche zu lokalisieren, die jeweils durch bestimmte Geruchsstoffe aktiviert werden. „Im nächsten Schritt wollen wir testen, ob es Unterschiede nach Alter, Geschlecht oder ethnischer Herkunft gibt. In der übernächsten Versuchsreihe wird es um den Vergleich von Gesunden mit Parkinson-Patienten gehen“, sagt Madany.

Eigentlich hat Madany in Berlin Informatik studiert, zum Riechforscher wurde er durch Zufall. „Ich habe mich während des Studiums mit der Robotik beschäftigt. Dabei ist mir aufgefallen, dass die fehlenden Sinneswahrnehmungen der Leistungsfähigkeit von Robotern Grenzen setzen“, sagt er.

Während eines Aufenthaltes in den USA besuchte er ein Seminar zum Thema Geruchssinn – und schon war es passiert: „Ich bin da eher zufällig reingegangen und war sofort von dem Thema fasziniert.“

(dpa)

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