""

Parkinson: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Erkrankung ist nicht heilbar, lässt sich aber hinauszögern – vor allem mit Tabletten, im späten Stadium mit einer OP.

Mit einer Tiefen Hirnstimulation (THS) lasse sich der Medikamentenbedarf deutlich verringern, sagen Ärzte (Foto: (Foto: Universitätsklinikum Schleswig-Holstein)

Mit einer Tiefen Hirnstimulation (THS) lasse sich der Medikamentenbedarf deutlich verringern, sagen Ärzte (Foto: Universitätsklinikum Schleswig-Holstein)

Parkinson ist eine fortschreitende und bislang nicht heilbare Erkrankung des Zentralen Nervensystems. In den meisten Fällen liegt der Erkrankung eine Fehlsteuerung bestimmter Eiweiße im Gehirn zugrunde, die ihrerseits im Verlauf zu einem Mangel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn führt.

Neben Krankengymnastik tragen vor allem Medikamente dazu bei, Beschwerden zu lindern und die motorischen Fähigkeiten so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Laut Prof. Wolfgang Oertel von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Siegen gibt es bislang drei gleichwertige Mittel zur Therapie im frühen Stadium.

Mittel 1: L-Dopa

Der Wirkstoff L-Dopa ist eine Vorstufe des Dopamins, das die Nervenzellen im Gehirn eines Parkinson-Kranken nicht mehr oder nicht ausreichend produzieren. Patienten müssen Oertel zufolge anfangs alle sechs bis acht Stunden eine Tablette nehmen. Eiweißhaltiges Essen wie Fisch oder Fleisch verringert die Wirkung, so dass der Patient eine Stunde vor dem Essen eine Tablette nehmen muss, um das zu vermeiden.

Mittel 2: Dopaminagonisten

„Die sogenannten Dopaminagonisten, das sind Dopaminersatzstoffe, wirken bis zu 24 Stunden, so dass der Patient nur eine Tablette am Tag nehmen muss“, erklärt der Mediziner, der auch Sprecher des Kompetenznetzes Parkinson ist. Allerdings sei der Dopaminersatz nicht so wirksam wie der Wirkstoff L-Dopa, weil er dem körpereigenen Botenstoff nur nachgebaut ist. „Nach drei bis vier Jahren reicht dieser Ersatz außerdem nicht mehr, der Patient braucht dann sowieso zusätzlich L-Dopa.“

Mittel 3: MAO-B-Hemmer

Als drittes bieten sich sogenannte MAO-B-Hemmer an, die mildeste Variante der Medikamente. „Sie blockieren im Hirn den Abbau von Dopamin, so dass der Körper den Rest nutzen kann, der noch vorhanden ist“, erläutert Oertel. Der Patient sollte zusammen mit seinem Arzt entscheiden, mit welchem der drei Mittel er als erstes therapiert werden will.

Im Test: Nikotinpflaster

Eine internationale Forschergruppe um Oertel an der Universität Marburg testet derzeit außerdem ein Nikotinpflaster. „Aus experimentellen Studien weiß man, dass Nikotin einen positiven Effekt auf die Dopaminzellen hat“, erklärt der Mediziner.

Die Wissenschaftler wollen nun klinisch prüfen, ob sich die motorischen Fähigkeiten damit länger erhalten lassen und ob es positiv auf Schlafstörungen, Stimmung oder Gedächtnisfunktion wirkt.

Wenn die Wirkung der Medikamente nachlässt

Im Laufe der Jahre wirkt L-Dopa immer kürzer, da das Gehirn das Medikament nicht mehr speichert. Die Wirkung kann manchmal abrupt aussetzen und erst nach der erneuten Einnahme einer Tablette mit Verzögerung wieder eintreten. In wenigen Fällen benötigt der Patient laut Oertel dann acht bis zehn Tabletten am Tag.

Zum Zeitpunkt der maximalen Wirkung könne es dann zu unwillkürlichen Bewegungen kommen, die der Patient nicht steuern kann. Mit einer Tiefen Hirnstimulation (THS) lasse sich der Medikamentenbedarf deutlich verringern. Auch die Intensität und Häufigkeit der unwillkürlichen Bewegungen sinke dann.

Tiefe Hirnstimulation als Standardbehandlung

Die THS ist nach Angaben von Prof. Thomas Gasser vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort Tübingen mittlerweile Standardbehandlung im fortgeschrittenen Stadium von Parkinson. Dabei werden mit Elektroden elektrische Impulse in eine bestimmte Hirnregion geleitet, die von einem Schrittmacher unter der Haut angeregt werden.

Neben den damit verbundenen, unmittelbaren Operationsrisiken wie Blutungen könne es sein, dass der Eingriff nicht den Gewinn bringt, den der Patient sich davon verspricht, erläutert Gasser. „Wir können auch damit die Krankheit nicht heilen.“

“Uhr um fünf Jahre zurückgedreht“

In vielen Fällen lasse sich bei den Bewegungsstörungen aber „die Uhr um gut fünf Jahre zurückdrehen“, erklärt der Neurologe. „Das ist für die Patienten schon ganz erheblich.“ Kognitive Symptome wie Orientierungs- und Planungsstörungen, die Blutdruckregulation oder parkinsontypische Depressionen ließen sich dadurch aber nicht verbessern.

Auch bestimmte Formen von Gangstörungen, Freezing genannt, seien damit noch nicht so gut behandelbar – auch wenn dazu unter anderem in Tübingen derzeit intensiv geforscht wird.

THS in frühem Krankheitsstadium

Eine deutsch-französische Studie um den Neurologen Prof. Günther Deuschl von der Universität Kiel zeigte kürzlich, dass die THS auch in einem frühen Krankheitsstadium Sinn haben und der alleinigen Gabe von L-Dopa überlegen sein kann.

Die teilnehmenden Patienten waren im Durchschnitt 52 Jahre alt und seit siebeneinhalb Jahren an Parkinson erkrankt. Diejenigen, die operiert wurden, waren anschließend zufriedener mit ihrer Lebensqualität und fühlten sich auch besser in Bezug auf allgemeine Leistungs- und Kommunikationsfähigkeit. Außerdem sank ihr Medikamentenbedarf.

Deuschl rechnet damit, dass diese Ergebnisse dazu führen werden, dass die THS künftig bei Parkinson viel früher angewendet wird.

Wie groß ist das Risiko?

Oertel weist allerdings darauf hin: „Die THS ist eine Operation, das darf man nicht vergessen.“ Unklar sei bislang auch, wie sich die THS bei Patienten auswirkt, die nach siebenjähriger Krankheitsdauer zum Beispiel 65 Jahre und älter sind und anders als die Studienteilnehmer auch Begleiterkrankungen haben.

ROLLINGPLANET berichtete vor kurzem darüber: Parkinson: Wissenschaftler empfehlen frühzeitige OP. Userin Eva kommentierte: „Leider kein Wort von den erheblichen Wesensänderungen als Nebenwirkungen. Es gibt eine nicht geringe Zahl von Patienten, die mit dieser Stimulation zum absoluten Egoisten mutieren und teilweise komplet durchdrehen.“

(RP/dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN