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Petting gegen Flugstress

Immer mehr US-Flughäfen kommen auf den Therapiehund. Die Tiere sollen genervte Passagiere beruhigen. Von Barbara Munker

Stürmische Begrüßung am Flughafen: Der als Blindenführhund ausgebildete

Stürmische Begrüßung am Flughafen: Der als Blindenführhund ausgebildete „Donner“ kümmert sich gerade um die Stressbewältigung einer jungen Passagierin. (Foto: dpa/Barbara Munker)

Auf dem belebten Terminal 2 des Flughafens in San Francisco werden Hunde gegen den Flug-Stress eingesetzt. (Foto: dpa/San Francisco International Airport)

Auf dem belebten Terminal 2 des Flughafens in San Francisco werden Hunde gegen den Flug-Stress eingesetzt. (Foto: dpa/San Francisco International Airport)

Auf dem belebten Terminal 2 des Flughafens in San Francisco fallen die Mitarbeiter der neuen „Wag Brigade“ sofort auf. Um sie herum hetzen Reisende vom Ticketschalter zu den Sicherheitskontrollen. Unterdessen spaziert Toby langsam durch die Flughalle, Jenna lehnt entspannt an einem Rollkoffer, Donner hat es sich in einer Warteecke gemütlich gemacht. Sie sind nicht etwa Vielflieger, denen die übliche Hektik am Flughafen nichts mehr ausmacht. Toby, Jenna und Donner sind Hunde, die zum Streicheln einladen.

Sie tragen eine graue Weste mit der Aufschrift „Pet Me“ („Streichel mich“), daneben ihr Name und ihre Berufsbezeichnung „Wedel-Brigade“. Toby ist ein dreijähriger Golden Doodle, halb Pudel, halb Golden Retriever. Er ist groß, tapsig und scheint mit heraushängender Zunge zu grinsen. Jenna ist ein kleines weißes Lockenbündel, Donner ein schwarzer Labrador mit samtweichem Fell.

Eindeutige Aufforderung: Pudelmischling „Jenna“  mit Weste, auf der „Pet me!“ („Streichel mich!") steht (Foto: dpa/ Barbara Munker)

Eindeutige Aufforderung: Pudelmischling „Jenna“ mit Weste, auf der „Pet me!“ („Streichel mich!“) steht (Foto: dpa/ Barbara Munker)

Wedel- und Streichel-Streifzüge

Sie zählen zu einer Gruppe von acht ausgebildeten Therapiehunden, die mit Beginn der Weihnachtsreisesaison am Flughafen von San Francisco Dienst tun. Sie sehen ganz unterschiedlich aus, doch als „Kuscheltiere“ haben sie dieselbe Aufgabe: Stressabbau. „Reisen kann sehr anstrengend sein, vor allem an den Feiertagen“, meint Flughafensprecher Doug Yakel. „Nichts wirkt besser gegen Stress, als einen süßen Hund zu streicheln, dazu laden wir alle Reisenden ein.“

Täglich soll mindestens einer der Hunde mit seinem Herrchen oder Frauchen auf Streichel-Streifzüge gehen. Auch nach der weihnachtlichen Flug-Hochsaison will der Flughafen das Programm fortsetzen. Alle Vierbeiner haben bereits reichlich Erfahrung als Therapiehunde, die Krankenhäuser, Altersheime und Schulen besuchen. Sie wurden vom Tierschutzverein (SPCA) in San Francisco ausgebildet.

„Besser geht’s nicht“ (für den Hund)

Ähnliche Initiativen gibt es an den Flughäfen in Los Angeles, Fort Lauderdale und Miami. Das „PUP“-Programm (Pets Unstressing Passengers) in Los Angeles stellt 19 Hunde mit Fotos, Namen und ihren Eigenschaften auf seiner Webseite vor. Tiffany und Mikey zählen zu den sechs Flughafen-Hunden in Fort Lauderdale (Florida). In Miami ist die fünfjährige Golden-Retriever-Hündin Casey seit Februar 2012 im Einsatz.

Kuscheliger Therapeut: "Toby" lädt gestresste Reisende am Flughafen in San Francisco zum Streicheln ein. (Foto: dpa/San Francisco International Airport)

Kuscheliger Therapeut: „Toby“ lädt gestresste Reisende am Flughafen in San Francisco zum Streicheln ein. (Foto: dpa/San Francisco International Airport)

„Der Flughafen-Ausflug ist wie ein Tag im Wellness-Spa für ihn“, meint Tobys Besitzerin Shari Marks. „Er bekommt so viel Aufmerksamkeit, jeder streichelt ihn, besser geht’s nicht“. Toby macht an einer Sitzecke Halt, sofort wird er von mehreren Fluggästen in Beschlag genommen. Der Golden Doodle lässt alles geduldig mit sich machen.

Auch Jennas Herrchen ist von dem Kuscheleffekt seines kleinen Pudelmischlings fest überzeugt. „Jenna zaubert ein Lächeln in die Gesichter der Reisenden“, sagt Fabio Giuntarelli. Sie würden ihm erzählen, wie sehr sie ihren eigenen Hund vermissen und wie gut es sich anfühlt, ein Tier zu streicheln.

Ein treuer Hundeblick – und alles ist vergessen

Hauptberuflich ist Giuntarelli Häusermakler, doch ehrenamtlich ist er mit seinem Therapiehund häufig auf der Intensivstation von Kinderkrankenhäusern unterwegs. „Stressabbau auf dem Flughafen tut uns beiden zur Abwechslung recht gut“, sagt der gebürtige Italiener mit einem Grinsen.

Donner ist als Blindenführhund ausgebildet. „Nichts bringt ihn aus der Ruhe, nicht einmal eine großen Menschenmenge“, versichert Herrchen Rick Oberst. Der schwarze Labrador ist unterdessen schwer beschäftigt. Er gibt Pfötchen und verteilt Hundeküsse. Ein kleines Mädchen sitzt neben ihm auf dem Boden. Andere Reisende halten inne und schauen lachend zu. Ein treuer Hundeblick, und schon sind Hetze und Hektik für einen Augenblick vergessen.

(dpa)

Allerdings: Nicht immer hilft Petting gegen Stress am Flughafen – ganz im Gegenteil: Manchmal sorgt es sogar erst recht für Stress. Etwa dann, wenn der Blindenführhund nicht mit an Bord darf – siehe beispielsweise hier: Behindertenfeindliche Airlines? Daran kann wohl selbst der liebe Herrgott nichts ändern

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