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Pferdefleisch: Gott sei Dank, Samuel Koch lebt noch

ROLLINGPLANET empfiehlt: Verdächtige Lasagne lieber zurückbringen, um sicher zu gehen, dass Sie keinen Tetraplegiker aufessen.

Hier galoppiert Ihre Lasagne (Foto: Elisa Al Rashid/pixelio.de)

Eigentlich gehört statt einer bezaubernden Frau doch der lahme Gaul erschossen, den Oscar Pistorius im Dezember in Doha bei einem Showlaufen über 200 Meter besiegte. Maserati hieß der angebliche Vollbüter. Die Realität sieht bekanntlich leider anders aus. Andererseits können wir nie ganz sicher sein, ob Samuel Koch auf Sie lauert, wenn Sie Ihren Gefrierschrank öffnen. Den skrupellosen Geschäftemachern in der Lebensmittelindustrie trauen wir inzwischen auch ohne weiteres zu, dass sie Rollstuhlfahrer und derlei kleinhacken und profitabel verkaufen.

Zwar ist Samuel glücklicherweise bester Laune und feiert fröhlich, aber man will ja nie ausschließen – auch wenn wir es ihm ganz bestimmt nicht wünschen –, dass er zwischendurch von einer kleiner Depression befallen wird. Und dann müssen wir etwas aufpassen: „Es gab vor allem auf der Intensivstation Momente, in denen ich dachte: Schade eigentlich, dass ich kein Pferd bin, dann hätte man mich längst eingeschläfert oder mir den Gnadenschuss verpasst“, erzählt Deutschlands bekanntester Tetraplegiker. „Meine Mama sagt: ,Es gibt Tage, an denen einfach alles schiefgeht oder Samuel einen herben Rückschlag erleidet. Dann sagt er auch mal: ,Mama, das ist doch alles Scheiße. Hol den Tierarzt.‘“ Bitte nicht, Samuel, spätestens seit dem aktuellen Pferdefleischskandal solltest Du solch einen Quatsch nie wieder auch nur ansatzweise denken. Denk an uns, an die Tiefkühlkost-Konsumenten.

Lasagne, Ravioli, Gulasch

Was aber, wenn im Fertigessen tatsächlich nur Pferdefleisch und kein Behinderter drin ist? Der Skandal weitet sich auch Deutschland immer mehr aus: Außer in Tiefkühl-Lasagne vermuten manche Anbieter nun ebenso in anderen ihrer Fertigprodukte wie Ravioli oder Gulasch Pferdefleischanteile. Verbraucher, die noch entsprechende Produkte zu Hause haben, sollten vorsorglich wegen möglicher Gesundheitsrisiken auf den Verzehr verzichten und sie ins Geschäft zurückbringen. Das rät Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen. Kunden können dann damit rechnen, den Kaufpreis erstattet zu bekommen.

Hintergrund der Empfehlung, auf den Verzehr zu verzichten, sind mögliche Rückstände von Doping- und Arzneimitteln im Fleisch. Noch seien zwar keine Gesundheitsgefahren vorhanden, sagte der Ernährungsexperte Achim Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Denn der Anteil des Pferdefleisches am gesamten Produkt sei eher gering. „Aber wer mit Pferd nichts zu tun haben will, muss auf solche Produkte verzichten“, betonte Valet. Der Verbraucherschützer geht davon aus, dass noch mehr Produkte als bisher bekannt Pferdefleisch enthalten.

Wer auf den Verzehr verzichtet, geht Andrea Schauff zufolge sicher, dass er nicht unwissentlich Medikamente zu sich nehme. Genusstaugliches Pferdefleisch müsse frei davon sein. „Rückstände gehören da einfach nicht rein“, betonte sie.

Wer will schon Dopingmittel essen?

Tests hatten ergeben, dass Fleisch von Pferden mit dem Arzneimittel Phenylbutazon gespritzten Pferden wohl in die Nahrungskette geraten sind. Das Medikament wird nach Angaben der Verbraucherzentrale Hamburg bei Pferden zur Therapie eingesetzt, aber auch als Dopingmittel für Sportpferde missbraucht. Maserati (siehe oben) dürfte das Zeug allerdings bestimmt nicht bekommen haben. Soll das Tier als Lebensmittel dienen, dürfe es damit nicht behandelt werden. In anderen Ländern sei das nicht verboten, darunter die USA oder Mexiko, die Pferdefleisch nach Europa exportieren.

Vereinzelt bekommen Menschen Phenylbutazon als Mittel gegen Rheuma. Den Hamburgern Verbraucherschützern zufolge kann es schon nach kurzer Zeit zu Nebenwirkungen wie Blutungen im Magendarmtrakt oder Magenschleimhautgeschwüre führen. Die Gefahren, die entsprechend belasteten Lebensmitteln ausgehen, seien noch nicht ausreichend untersucht.

Was passiert übrigens, wenn jemand freiwillig Pferdefleisch kaufen will? Als blinder Mensch wird man mit seinem Blindenführhund rausgeworfen, so wie es im niederbayerischen Deggendorf geschah – dann doch lieber Ravioli oder Samuel Koch aus der Dose?

(RP/dpa)

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