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Pflegebedürftigen in einkommensstarken Haushalten wird oft ein höherer Pflegegrad bewilligt als sozial schwächeren Antragstellern

Studie stellt außerdem fest: Pflege durch osteuropäische Hilfskräfte nimmt zu.

Der Kuchen ist nicht fair verteilt – eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung kritisiert soziale Ungerechtigkeit bei der Pflegeberatung. (Foto: dpa)

Der Kuchen ist nicht fair verteilt – eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung kritisiert soziale Ungerechtigkeit bei der Pflegeberatung. (Foto: dpa)

Laut einer Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erreichen Angebote zur Pflegeberatung Hauptpflegepersonen aus bildungsfernen Schichten oft nicht. Auffällig sei, dass Pflegebedürftige in einkommensstarken Haushalten oft in höhere Pflegestufen (siehe ROLLINGPLANET-Bericht: Neue Pflegegrade ab 1.1.2017: Was Sie jetzt wissen sollten) eingruppiert seien als solche aus sozial schwächeren Kreisen. Vermutlich, so die Autoren, gelinge es den Angehörigen höherer Schichten besser, gegenüber der Pflegeversicherung einen größeren Bedarf geltend zu machen.

Aus der Studie geht außerdem hervor, dass Pflegebedürftige in Deutschland zunehmend von Hilfskräften aus Osteuropa versorgt werden. In schätzungsweise 163.000 Privathaushalten lebt bereits eine osteuropäische Hilfskraft für eine „Rund-um-die-Uhr“-Betreuung eines Pflegebedürftigen. Das entspreche acht Prozent aller Haushalte, in denen mindestens ein Pflegebedürftiger wohnt. Dieses Modell erscheine vor allem für die Mittelschicht als Alternative zum Heim attraktiv. Die osteuropäischen Hilfskräfte stünden jedoch unter einer extremen Arbeitszeitbelastung. Sie benötigten täglich im Durchschnitt rund zehn Stunden Zeit für ihre Pflege- und Betreuungsaufgaben.

Am häufigsten pflegt die Tochter

In einer wachsenden Zahl von Haushalten mit einem hohen Pflege- und Betreuungsaufwand werde nach Alternativen zur Heimunterbringung gesucht. Einer Unterbringung in einem Pflegeheim stünden viele Pflegebedürftige und Angehörige skeptisch gegenüber: Sie fürchteten einen Verlust an Selbstständigkeit und an Pflege- beziehungsweise Versorgungsqualität. Demenzkranken falle überdies ein Auszug aus der vertrauten Umgebung besonders schwer. In diese Versorgungslücke stießen Angebote zur „24-Stunden-Pflege“. Dabei handele es sich um Arbeitskräfte zumeist aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern, die in der Regel einige Wochen oder Monate mit im Haushalt wohnten und die Versorgung des pflegebedürftigen Familienmitglieds leisteten.

Bei den meisten Pflegebedürftigen in Deutschland würden aber nach wie vor nahe Angehörige die Betreuung schultern. Gut 70 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden laut der Studie zu Hause gepflegt. Am häufigsten ist die Tochter die Hauptpflegeperson (29 Prozent). Fast ebenso häufig übernehmen die Lebenspartner die Pflege. Mehr als die Hälfte der befragten Haushalte verzichtet vollkommen auf Unterstützung durch Pflegedienste oder andere professionelle Hilfe.

Schwierig ist die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, wie auch die Autoren hervorheben: Rund ein Drittel der Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter habe die Arbeitszeit im Job reduziert. 44 Prozent dieser Gruppe seien gar nicht erwerbstätig. Die Pflegenden riskierten damit, im Alter selber mit wenig Geld dazustehen.

(dpa)

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2 Kommentare

  • Gabriel Nistor

    Das grenzt, meines Erachtens nach, schon an Korruption. Warum werden die Gutachter nicht verpflichtet, „Pro“ und „Contra“, offenzulegen? Dem Gutachter werden sicherlich angewiesen, ständig niedrige Stufe zu wählen… (wer weiß, ob Gutachter hinter dem Rücken Prämie kriegt)

    20. Juni 2017 at 14:34
  • Andrea Bröker

    Das könnte auch daran liegen, dass Personen aus einkommensstärkeren Familien gebildeter sind und somit die Gesetzgebung besser verstehen und zudem wesentlich besser in der Lage, zu schildern, was das zu pflegende Familienmitglied wirklich benötigt.

    20. Juni 2017 at 15:34

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