Philipp Hubbe: Über Behinderte darf man doch bitteschön lachen

Seine Cartoons mit drolligen, knollennasigen Menschen sind oft bitterböse. Wahrscheinlich kann der Magdeburger nur deshalb behinderte Menschen so auf die Schippe nehmen, weil er selbst Multiple Sklerose hat. „Normalos“ sind geschockt. Von Dörthe Hein

Philipp Hubbe bei der Eröffnung einer Ausstellung mit seinen Cartoons (Archivfoto 2009, dpa)

In freudiger Erwartung sprintet ein Pärchen knapp aneinander vorbei. Beide tragen eine schwarze Brille und eine Blindenbinde. „Blind Date“ schrieb Philipp Hubbe unter seine Zeichnung. Blinde, Rollstuhlfahrer und Menschen mit fehlenden Gliedmaßen stellt der 46 Jahre alte Karikaturist und Cartoonist aus Magdeburg seit vielen Jahren in den Vordergrund – und schenkt ihnen damit nicht nur Aufmerksamkeit während der Paralympics.

Hubbes Cartoons mit drolligen, knollennasigen Menschen sind oft bitterböse. Viele Leser von Tageszeitungen kennen Hubbe wegen seiner politischen Karikaturen in Blättern von Schwerin bis Konstanz. Seine Zeichnungen über Behinderte sind dagegen weit weniger bekannt – in unserer Szene allerdings ist Hubbe längst ein bekannter Humor-Star.

Brav lassen sich die Cartoons über Behinderte in der Tat nicht nennen. Etwa so: „Ich habe etwas Finger-Food vorbereitet. Bitte, bedienen Sie sich!“, sagt eine Gastgeberin zu zwei verdutzten Contergan-Geschädigten. Arme haben sie nicht. Der Grundsatz des selbst behinderten Familienvaters ist: Behinderte zu ignorieren, ist genau das Falsche, dann lieber lachen – und so auf das eine oder andere Problem aufmerksam machen.

Viele wollen, dass ihre Behinderung auch mal vorkommt

Die meisten Behinderten sind begeistert von Hubbes Zeichnungen. „Es melden sich Leute, die wollen, dass auch ihre Behinderung vorkommt“, sagt Hubbe. Epileptiker, Depressive, Taubstumme. Allerdings will er nur zeichnen, wovon er auch Ahnung hat. „Platter Witz soll es nicht werden und auch keine Geschmacklosigkeit.“ Kleine Vereine, Verbände, sogar die Aktion Mensch verwenden seine Cartoons über Rollstuhlfahrer, Blinde und Co. in Broschüren, auf Websites und auch als Blickfang bei Messen.

Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, Ulrike Mascher, bescheinigt Hubbe sensible Antennen für das, was gehe. Drastisch seien die Zeichnungen, aber nie unter der Gürtellinie. Nichtbehinderten gäben sie den Anstoß, über ihr Verhalten nachzudenken. „Es ist eines der großen Probleme, dass es keine Selbstverständlichkeit im Umgang mit Behinderten gibt.“

Selbst von Kritikern lässt sich Hubbe nicht reinreden. „Ich kann nicht auf jeden Rücksicht nehmen.“ Er wolle keine Schranke im Kopf. Bei ihm steht eben eine Prostituierte im Krankenschwester-Outfit vor einem Bordell. Hinein führt eine Rampe für Rollstuhlfahrer.

Hubbe bekam 1988 die Diagnose MS

Hubbe: „Hubbe nicht reinreden. „Ich kann nicht auf jeden Rücksicht nehmen.“ (Foto: dpa)

Das alles kann Hubbe wahrscheinlich nur zeichnen, weil er selbst eine Behinderung hat. Die Multiple Sklerose, MS abgekürzt, hat Hubbe auch künstlerisch umgesetzt. In einer Zeichnung steht da neben der riesigen MS Titanic, der MS Arkona und der MS Berlin der winzige „MS Rainer“ – im Rollstuhl am Kai.

Hubbe selbst sitzt nicht im Rollstuhl, auch wenn ihn die Erkrankung schon Jahrzehnte begleitet. Den großen, schlanken Hubbe schränkt heute vor allem ein, dass er nicht belastbar ist, schnell müde wird und nur schwer mit Anspannung umgehen kann.

Damit kommt er zurecht, hat einen festen Tagesrhythmus. „Für mich wäre es die größte Einschränkung, wenn ich nicht mehr zeichnen könnte.“

1988 erhielt er die Diagnose MS – eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die ganz unterschiedlich verlaufen kann. Von einem Grafikstudium rieten ihm Ärzte damals ab.

Er hielt sich glücklicherweise nicht an den Ratschlag und zeichnete weiter. Schon in den 90er Jahren lebte er von seinen Cartoons, die in Zeitungen erschienen und in Broschüren. Die Behinderten kamen um das Jahr 2000 erstmals vor.

Hubbes Witze werden zunehmend schärfer

„Ja, ich werde schärfer“, sagt Hubbe zu seinem Witz. „Ich habe gemerkt, dass die schwärzesten Witze oft die beliebtesten sind.“ In seinen Ausstellungen, die ihn quer durch Deutschland führen, beobachtet er gern die Besucher. Vor allem, wer sich unbeobachtet fühle, traue sich, herzlich zu lachen. Inzwischen gibt es vier Bücher mit seinen Behinderten-Cartoons.

Wie kommt der Cartoonist auf seine Ideen? In erster Linie: Beobachtung im Alltag. Erst neulich habe er vor einer Bäckerei direkt neben dem Fahrradständer einen leeren Rollstuhl gesehen. „Ich habe gleich gedacht: Fahrerflucht?“

Homepage Philipp Hubbe: www.hubbe-cartoons.de/

dpa

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