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„Philippe Pozzo di Borgo ist ein ganz besonderer Mensch, der eine ungeheure Entwicklung durchgemacht hat“

An diesem Freitag erscheint auf Deutsch die Autobiografie von Philippe Pozzo di Borgo – die den Stoff für den wunderbaren Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“ lieferte. Lesen Sie aus diesem Anlass exklusiv das große ROLLINGPLANET-Interview mit Bettina Bach. Sie ist eine von drei Übersetzerinnen des Buchs. Sie schildert, warum sie von di Borgo, seiner Entwicklung als Persönlichkeit und seiner hochgebildeten Sprache so fasziniert ist, und wie die Franzosen sprachlich mit “Behinderten” umgehen.

Bettina Bach

Bettina Bach (Foto: BB)

Bettina Bach wurde 1965 in Heilbronn geboren und wuchs seit ihrem vierten Lebensjahr teils in Frankreich, teils in Deutschland auf. Sie absolvierte eine Ausbildung an der Pariser Verlagsfachschule, studierte Germanistik in Berlin und Kulturwissenschaften in Amsterdam. Sie lebt in Jena.

Seit 1996 ist Bettina Bach in Deutschland als Korrektorin, Redakteurin und inzwischen fast ausschließlich als Übersetzerin tätig. Bach ist ein Multitalent – sie überträgt vorwiegend Belletristik aus dem Französischen, Englischen und Niederländischen ins Deutsche. Während ihrer Arbeit, sagt sie, „tauche ich tief in die Welt des Romans ein und muss erst wieder richtig rauskommen, ehe ich in die nächste komplexe Welt abtauchen kann.“

Mit ihren Kolleginnen Dorit Gesa Engelhardt und Marlies Ruß übersetzte sie „Ziemlich beste Freunde“ (Hanser Berlin). Trotz einer fiebrigen Erkältung nahm Bettina Bach sich die Zeit für ein großes ROLLINGPLANET-Interview.


Text- und Hörprobe „Ziemlich beste Freunde“


„Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch“

Ihr Verlag hat die Rechte relativ spät erworben. Der Druck, mit dem Buch so schnell wie möglich auf den Markt zu kommen, war vermutlich enorm. Sie sind einen Monat früher als geplant fertig geworden. Mussten Sie viele Nachtschichten einlegen, sind Sie jetzt urlaubsreif?

Wir Übersetzerinnen haben zwar sehr schnell gearbeitet, sind aber im Prinzip nicht schneller als geplant fertig geworden. Dass noch so viel zusätzliche Zeit gewonnen wurde, ist der Lektorin und der gesamten Herstellung im Verlag zu danken. Ich glaube, unseren Zustand nach Abgabe der Übersetzung könnte man mit den Worten „erschöpft, aber glücklich“ zusammenfassen.

Wann haben Sie den Anruf bekommen, die Übersetzung zu übernehmen und wie lange hatten Sie Zeit?

Der Anruf kam Anfang Januar, insgesamt hatten wir etwa vier Wochen Zeit.

Sie waren zu dritt. Das Buch hat 260 Seiten, jede von Ihnen musste theoretisch also ungefähr 87 Seiten übersetzen. Wie viel Zeit ist für solch einen Umfang ansonsten üblich?

Ich möchte hier nicht für andere Übersetzer sprechen, jeder hat ein anderes Arbeitstempo. Persönlich rechne ich, da ich mich neben dem Übersetzen noch anderen Dingen widme, am liebsten mit 5 Seiten pro Tag. Bei 87 Seiten wäre man damit bei knapp 20 Tagen, also genau vier Wochen!

Cover Ziemlich beste Freunde

Seit heute im Handel: “Ziemlich beste Freunde” als Buch (Hanser Berlin, 260 Seiten, ISBN 978-3-446-24044-5, 14,90 Euro) oder Hörbuch (GoyaLiT, 4 CDs, ISBN 978-3-8337-2939-3, 19,99 Euro).

Als Übersetzerin kannten Sie bisher vermutlich eher „falsche Freunde“ als „Ziemlich beste Freunde“. (Anm. d. Red.: „Falsche Freunde“ sind Wörter, die in mehreren Sprachen orthografisch und phonetisch ähnlich sind, deren Bedeutungen sich jedoch unterscheiden. Beispielsweise ist mit dem auch im Deutschen verwendeten „body bag“ im Englischen nicht eine am Körper getragene Tasche, sondern ein Leichensack gemeint.) Was war vor dieser Übersetzung Ihr Bezug zu behinderten Menschen? Haben Sie diesbezüglich durch die Übersetzung von „Le second souffle“ (Der zweite Atem) etwas hinzugelernt?

Frei nach Gertrude Stein: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. An dieser Überzeugung hat das Buch nichts geändert, im Gegenteil. Und Philippe Pozzo di Borgo ist ein ganz besonderer Mensch mit einem außergewöhnlichen Leben, der eine ungeheure Entwicklung durchgemacht hat und diese in faszinierenden Worten zu schildern weiß. Dass er querschnittsgelähmt ist, spielt für mich keine große Rolle.

Was der Film nicht verrät

Was hat Sie an dem Buch am meisten begeistert?

Die Sprache des hoch gebildeten Autors hat mich begeistert, man merkt ihm die klassische französische Schulbildung an, bei der viel Wert auf Sprache, schriftlichen Ausdruck gelegt wird. Fesselnd ist auch die Entwicklung, die Pozzo di Borgo durchgemacht hat. Zunächst hat seine Frau, was man im Film nicht erfährt, in ihren Schwangerschaften ein Kind nach dem anderen verloren, bis sich herausstellte, dass sie unheilbar krank ist. Pozzo di Borgo hat sich in Hyperaktivität, in Arbeits- und sportliche Exzesse geflüchtet, bis er verunglückt ist. Danach fing seine „eigentliche“ Entwicklung an: Weil es ihm unmöglich war, weiterzumachen wie bisher, hat er, wie er sagt, die Stille kennengelernt und ist dadurch menschlicher, solidarischer geworden. Aus einem Getriebenen ist ein sehr kritischer und solidarischer Mensch geworden. Diese tiefgreifende Entwicklung und wie er sie in Worte fasst, hat mich auch fasziniert.

Anders als die Deutschen – wie Franzosen sprachlich mit „Behinderten“ umgehen

Sie können uns ja bestimmt sagen, was „Rollstuhl“ auf Französisch heißt.

„Fauteuil roulant“, also wörtlich rollender Sessel, Rollsessel – klingt eigentlich gemütlicher als im Deutschen!

Im Deutschen darf man nicht mehr „Behinderte“ sagen, sonst fühlen sich „behinderte Menschen“ diskriminiert. Wie sieht das im Französischen aus? Wie sagt man es ursprünglich umgangssprachlich und heute politisch korrekt?

„Handicapés“ ist die wörtliche Übersetzung für Behinderte und meines Wissens kann man das auch noch politisch korrekt sagen. Ich schätze mal, im Deutschen ist das nur anders, weil „behindert“ heute auch in einem anderen Kontext benutzt wird. Das ist im Französischen nicht der Fall, da ist „handicapé“ keine Beleidigung.

Pozzo di Borgo spricht übrigens in seinem Buch häufig von den „valides“, den Gesunden, Unversehrten und benennt damit ein anderes Gegensatzpaar. Sich selbst bezeichnet er allerdings ostentativ als „den Behinderten“.

In einem Dokumentarfilm unter anderem über die Premiere des Films richtete er sich an den ganzen Saal und widmete „Ziemlich beste Freunde“ den Behinderten – fügte allerdings hinzu, „also Ihnen allen, denn wir alle sind vom Leben behindert.“ Und hier könnte man „handicapé“ als auch mit „gezeichnet“ übersetzt, denn wir sind nun wirklich alle vom Leben gezeichnet. Sie sehen, der Autor geht auf eine sehr interessante Weise mit Sprache um.

„In diesen Kapiteln gibt es viele Brüche“

Man sagt, dass die französische Sprache sehr viel präziser ist als die deutsche. Hat Ihnen das bei der Übersetzung geholfen?

Ich weiß gar nicht, ob ich Ihnen da unbedingt zustimmen würde, in jeder Sprache kann man sich Freiheiten herausnehmen, es hängt nur von der Perspektive ab. Geholfen hat mir allerdings, dass der Autor sich sehr gut ausdrücken kann. Was mir im Allgemeinen bei meiner Arbeit hilft, ist Zeit, mich in den Autor einzufühlen. Und die war hier nicht überreichlich vorhanden.

Vom Zeitdruck und der Koordination untereinander abgesehen: Was waren aus übersetzungstechnischer Sicht die größten inhaltlichen Herausforderungen und Schwierigkeiten?

Die schwierigsten Passagen waren meines Erachtens die, die der Autor als Erstes aufgenommen hat. Relativ bald nach seinem Unfall, als er noch gar nicht richtig atmen konnte, hat man ihm ein Tonband auf den Bauch gelegt, das automatisch ansprang, wenn er sprach. Allerdings nicht immer, sondern nur, wenn seine Stimme kraftvoll genug war. In diesen Kapiteln gibt es sehr viele Brüche, die Chronologie ist nicht immer eindeutig. Hinzu kommt, dass der Autor — wie jeder gut ausgebildete Franzose — auf Schriftsprache und guten Ausdruck gedrillt war. Er musste sich also zunächst selbst noch daran gewöhnen, sich ohne Blatt Papier vor sich auszudrücken, ohne die Möglichkeit, das, was er als weniger gelungen ansieht zu löschen.

Wie haben Sie es geschafft, dass der Sprachrhythmus des Buchs homogen und die identische Übersetzung für wiederkehrende Ausdrücke gewährleistet ist, trotzdem drei Personen parallel daran arbeiten? Gab es eine prima inter pares, die dann noch mal alles gelesen und vereinheitlicht hat?

Der Ausgangstext war gut, das ist immer hilfreich. Außerdem haben wir uns sehr intensiv ausgetauscht. Zunächst haben wir das ganze Buch gelesen, da bemerkt man schon mal die wiederkehrenden Ausdrücke. Anschließend haben wir den Text aufgeteilt und uns „häppchenweise“ ausgetauscht, immer reihum. Jede von uns hat dann den gesamten Text gegengelesen, mit Anmerkungen versehen etcetera. Hier war es in meinen Augen sogar hilfreich, dass wir dem eigenen Text nicht den letzten Schliff gegeben haben, ehe wir ihn weitergaben, sondern dass der Feinschliff eben in Zusammenarbeit entstanden ist. Und das Schöne ist, dass es fantastisch funktioniert hat und uns allen viel Spaß gemacht hat. Es gab keine prima inter pares, das war schlicht nicht nötig, weil alle immer offen und bereit waren, einzuspringen, wenn es nötig war.

„Wir hatten mit dem Autor Glück“

Sie haben zu den meisten Autoren der von Ihnen übersetzten Bücher Kontakt. Wie ist das bei Philippe Pozzo di Borgo?

Persönlich hatte ich keinen Kontakt zu ihm. Ich hätte es auch nicht schön gefunden, wenn wir alle drei auf ihn zugegangen wären und somit quasi den Zeitdruck auf den Autor übertragen hätten. So etwas sollte man nicht tun. Aber es gab doch ein, zwei kleinere Fragen, die er schnell und bereitwillig beantwortet hat. Also hatten wir auch mit dem Autor Glück.

Eine Frage zum Literaturbetrieb: Was zeichnet einen Verlag im Hinblick auf Übersetzer als ziemlich besten Freund aus?

Eine schwierige Frage. Damit eine gute Übersetzung gut wird, muss der Übersetzer den Text mögen, Zugang dazu haben. Das ist sehr wichtig. Fast genauso wichtig ist das Verhältnis zwischen Übersetzer und Lektor, mit dem man im Idealfall auch auf einer Wellenlänge liegen sollte. Bei längerer Zusammenarbeit hat der Lektor/der Verlag auch einen ganz feinen Riecher dafür, wer welchen Text übersetzen könnte, und er ist derjenige, der im Verlag respektvoll mit dem Text und der Übersetzung umgeht. Und im Fall von „Ziemlich beste Freunde“ war die Zusammenarbeit mit dem Verlag, repräsentiert durch die Lektorin, genauso großartig wie die mit meinen beiden Mitstreiterinnen. Ich hoffe, ich habe Ihre Frage beantwortet.

Ja, das haben Sie. Hand aufs Herz, haben Sie schon den Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“ gesehen – oder hätte Sie das nur verwirrt, so wie überzeugte Lesemenschen gerne sagen, dass sie erst das Buch kennen möchten, bevor sie dessen Verfilmung anschauen?

Das war das Erste, was ich gemacht habe, nachdem die Anfrage kam! Allein schon aus beruflichen Gründen: Ich wollte hören, ob in dem Film Ausdrücke verwendet werden, die ich bei der Übersetzung verwenden kann oder sollte. Aber die Überschneidungen waren nicht so groß, es gab kein spezifisches Vokabular, das im Buch vorkommt.

Eine letzte persönliche Frage: Sie arbeiten unter dem Pseudonym Bettina Bach. Wieso hat man als Übersetzerin einen Künstlernamen?

Die Frage ist ganz einfach zu beantworten. Als ich geheiratet und den Namen meines Mannes angenommen habe, war eine Übersetzung im Verlagsprospekt bereits unter meinem Namen „Bettina Bach“ als Übersetzerin angekündigt. Der Verlag wollte es zwischen Ankündigung und Veröffentlichung nicht ändern, und so habe ich mich sehr schnell damit angefreundet, meinen Geburtsnamen, den ich ebenfalls sehr schön finde, beruflich zu behalten. Zudem gefällt er besonders Niederländern und Franzosen sehr gut. Und so komme ich in den Genuss zweier Namen, die ich sehr schön finde, und kann auf einen Doppelnamen verzichten!

Frau Bach, vielen Dank für dieses Interview.

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3 Kommentare

  • Reck

    Vielen Dank für dieses großartige Interview. Eine Frage habe ich dennoch vermisst: Wie Frau Bach die durch den Kinoerfolg vorgegebene Übersetzung des Titels „Ziemlich beste Freunde“, der sehr weit entfernt vom französischen Original ist, empfindet?

    16. März 2012 at 15:39
  • Heiner Bach

    Ich bin immer wieder fasziniert von Ihren Beiträgen, die von humorvoll bis intellektuell wie dieses Interview reichen. Schön, dass man hier so direkt über die Arbeit an dem Buch erfahren konnte. (Ich bin mit Frau Bach nicht verwandt, habe nur den gleichen schönen Namen)

    17. März 2012 at 13:28
  • Susann

    Beeindruckt von dem Film und dem großartigen Interview habe ich -entgegen meinen Gewohnheiten- beschlossen, nun auch so schnell wie möglich das Buch zu erwerben und zu lesen ! Danke für die vielen guten zusätzlichen Informationen !

    17. März 2012 at 22:13

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