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PhoeNIX: Behindertenbeauftragter fordert ARD und ZDF auf, Entscheidung rückgängig zu machen

Übersetzung von „Tagesschau“ und „heute journal“ in Gebärdensprache vor dem Aus.

phoenix-Programmgeschäfsführer Michaela Kolster und Michael Hirz erklärten am Freitag das Aus für die Gebärdensprachdolmetscher bei den Nachrichtensendungen (Foto: Phoenix)

phoenix-Programmgeschäfsführer Michaela Kolster und Michael Hirz erklärten am Freitag das Aus für die Gebärdensprachdolmetscher bei den Nachrichtensendungen (Foto: Phoenix)

Beim Nachrichtensender phoenix wird es ab dem 8. Juli keinen Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern bei den Nachrichtensendungen „Tagesschau“ und „heute journal“ mehr geben (ROLLINGPLANET berichtete: PhoeNIX: Untertitel und Zynismus statt Gebärdensprache). Nun gibt es aus der Politik die erste Reaktion dazu.

Hubert Hüppe„Diese Entscheidung ist ein fatales Signal an gehörlose Menschen und ein herber Rückschritt für ihre politische Teilhabe“, kritisierte der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe (Foto).

„Anscheinend haben Verantwortliche von phoenix vom Schreibtisch aus entschieden, ohne gehörlose Menschen zu beteiligen. ARD und ZDF sind aufgerufen, darauf hinzuwirken, dass diese Entscheidung unverzüglich rückgängig gemacht wird.“

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung kündigte an, sich in der Angelegenheit an die entscheidenden Gremien von ARD und ZDF zu wenden.

„Teil des Bildungsauftrags“

„Das bisherige Angebot in Gebärdensprache ist auch ein Teil des Bildungsauftrags des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Statt der geplanten Streichung muss man sich die Frage stellen, warum Tagesschau und heute journal nicht direkt in Gebärdensprache angeboten werden. Dies könnte sicher einen großen Beitrag dazu leisten, dass sich Zuschauer der Belange gehörloser Menschen bewusster werden“, betonte der Beauftragte.

Die Gebärdensprache sei nicht nur kulturell wichtig, sondern für viele gehörlose Menschen das einzige Mittel, sich zu verständigen. Deshalb könnten gehörlose Menschen oft nicht von ausschließlichen Angeboten mit Untertiteln profitieren, die laut phoenix zukünftig ausgebaut werden. Seit 2002 ist Gebärdensprache als eigenständige Sprache in Deutschland gesetzlich anerkannt.

„Der absolut falsche Weg“

bettina_herrmann_webAuch der Deutsche Gehörlosen-Bund übte Kritik. Viele Gehörlose hätten Schwierigkeiten, die Schriftsprache überhaupt zu lesen und seien auf Gebärdensprachdolmetscher angewiesen.

Dies sagte die wissenschaftliche Referentin des Verbandes, Bettina Herrmann (Foto), am Montag der Nachrichtenagentur dpa in Berlin. Dem Gehörlosen-Bund zufolge gibt es in Deutschland 80.000 Gehörlose.

Seit Einführung des neuen Rundfunkbeitrags am 1. Januar dieses Jahres sind Blinde und Gehörlose nicht mehr generell von den Beitragszahlungen befreit. Nur Taubblinde und Empfänger von Blindenhilfe müssen auch jetzt nicht zahlen. Im Gegenzug kündigten die öffentlich-rechtlichen Sender mehr Untertitel und Hörfilme an.

Gerade vor diesem Hintergrund sei das nicht zu verstehen, sagte Herrmann über die Phoenix-Entscheidung, bei den beiden Nachrichtensendungen auf die Gebärdendolmetscher zu verzichten. Die Streichung sei „der absolut falsche Weg“, sagte die Referentin.

(PM/dpa)


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2 Kommentare

  • Joachim Jäck

    Da hat der Behindertenbeauftragter Recht! Die Dolmetscher müssen bleiben, die Untertitel sind nur Zusatz für eine vollständige Barrierefreiheit, also Dolmetscher und Untertitel zusammen wären optimal!

    1. Juli 2013 at 15:46
  • Rudolf Dresler

    Ich möchte an alle Verantwortlichen in der Politik und in den Medien appellieren, sich für die Beibehaltung der Gebärdensprache bei aktuellen Fernsehsendungen einzusetzen. Was da geschieht, ist ein Schlag ins Gesicht der behinderten Mitbürger, die genau wie alle Nichtbehinderten ein Recht auf Teilnahme am öffentlichen Leben haben. Ist es denn verwunderlich, dass die Politikverdrossenheit immer größer wird, wenn keine Wahl-versprechen mehr eingehalten werden und Minderheiten immer mehr benachteiligt werden? Wenn es eine reine Kostenfrage ist, dann frage ich mich, warum Unsummen für lächerliche Unterhaltungssendungen auf Mallorca oder dem Traumschiff ausgegeben werden und für soziale Zwecke kein Geld mehr da ist.

    Freundliche Grüße
    Rudolf Dresler

    2. Juli 2013 at 09:52

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