""

PhoeNIX: Untertitel und Zynismus statt Gebärdensprache

Der Sender hat eine besonders verlogene Erklärung parat. Möglicherweise neue Demo geplant – dieses Mal in Bonn.

fastnix
ROLLINGPLANET vorliegenden Informationen zufolge planen der Deutsche Gehörlosen Bund e.V. und die Deutsche Gesellschaft der Hörgeschädigten e.V. einen Protestbrief an Phoenix wegen der Entscheidung, Gebärdensprachdolmetscher durch Untertitel zu ersetzen. Außerdem denkt man noch nicht bestätigten Informationen zufolge über eine Demonstration – ähnlich wie unlängst in Berlin – nach. Sie würde dieses Mal in Bonn stattfinden, dem Sitz des gemeinsam von ARD und ZDF betriebenen öffentlich-rechtlichen Senders. Offizielle Details sollen in den kommenden Tagen bekannt gegeben werden.

Wie der Sender am Freitag mitteilte, wird Phoenix sein bisheriges Angebot für Gehörlose/Hörgeschädigte erheblich reduzieren. Am 7. Juli zeigt Phoenix zum letzten Mal die „Tagesschau“ mit eingeblendetem Gebärdensprachdolmetscher. Ab dem 8. Juli wird das Angebot ebenso wie beim „heute-journal“ durch Untertitel ersetzt. „Das waren die einzigen Sendungen, mit denen sich auch Gehörlose, die auf Gebärdensprache angewiesen sind, über die aktuellen Geschehnisse informieren konnten“, kommentiert die Verlegerin Karin Kestner (Webseite) die Folgen für rund 80.000 bis 100.000 Betroffene.

Wofür Rundfunkgebühren bezahlen?

In einem zweiten Schritt soll diese Maßnahmen für weitere Sendungen folgen wie beispielsweise die von ARD und ZDF übernommenen Talkshows „Günther Jauch“, „Maybrit lllner“ und „Presseclub“. Dies geschehe im Zuge der allgemeinen Einführung von Untertiteln bei Phoenix. Nicht betroffen von der Einstellung des Gebärdensprachen-Angebots ist das „TV-Duell.“

Dies erstaunt umso mehr, da seit Anfang des Jahres gehörlose Menschen ein Drittel Rundfunkgebühren bezahlen müssen. Dafür wird ihnen laut Staatsvertrag versprochen, dass Anbieter „über ihr bereits bestehendes Engagement hinaus im Rahmen ihrer technischen und finanziellen Möglichkeiten barrierefreie Angebote vermehrt aufnehmen“.

Zynismus pur


Kolster_Hirz_allg_AB
Michaela Kolster und Michael Hirz (Foto: Phoenix)

Die Verlegerin und Gebärdensprachdolmetscherin Karin Kestner – und nicht nur sie – ist angewidert von dem Zynismus, mit dem die beiden phoenix-Programmgeschäftsführer Michaela Kolster und Michael Hirz im besten Marketingsprech erklärten: „Unser Ziel ist es, einem möglichst breiten Kreis von Zuschauerinnen und Zuschauern einen barrierefreien Zugang zu unserem Programm zu ermöglichen. In diesem Sinne wollen wir das Angebot für Gehörlose und Hörgeschädigte deutlich erweitern.“

Protest an die Bundeskanzlerin schreiben

Kestner fragt: „Warum glauben die Intendanten, gibt es Dolmetscher für Gehörlose? Aus Spaß? Hat irgendjemand die Intendanten mal darüber aufgeklärt, dass die meisten Gehörlosen den Untertiteln nicht folgen können, dass sie oft nicht mal in der Lage sind, amtliche Schreiben zu entziffern, übrigens auch nicht die neuen Gebührenbescheide der Rundfunkanstalten!? Gehörlose haben das Recht auf Gebärdensprachdolmetscher, weil sie sie benötigen! Nicht aus Jux und Tollerei oder weil sie so gerne Gesellschaft haben von Menschen, die auch Gebärdensprache beherrschen! Da werden also Dolmetscher gestrichen, und wird die Öffentlichkeit belogen!“

Der gehörlose Aktivist Marco Strauß (Webseite) aus Halle ruft ebenso wie Kestner dazu auf, sich bei Bundeskanzlerin Angela Merkel – die in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen habe, wie wichtig die Kultur der Gebärdensprache sei – zu beschweren. Dies kann über das Kontaktformular der Kanzlerin oder schriftlich an die unten genannte Adresse erfolgen. ROLLINGPLANET veröffentlicht als Muster das gemeinsam mit unserer Redaktion entstandene Schreiben von Strauß, das sich hier auch als PDF herunterladen lässt:

Protestschreiben wegen Phoenix (Muster)

An Frau Bundeskanzlerin
Dr. Angela Merkel
Bundeskanzleramt
Willy Brandt Straße 1

10557 Berlin
Halle (Saale), den 30. Juni 2013

Betreff: Einstellung der Gebärdensprachdolmetschereinblendung im TV-Sender Phoenix

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel!

Mein Name ist Marco Strauß, ich bin 35 Jahre alt und komme aus Halle Saale. Ich bin spätertaubt.

Wie viele Gehörlose verfüge ich zwar über gute Kenntnisse in der Schriftsprache Deutsch, bin aber im Alltag dringend auf die Deutsche Gebärdensprache angewiesen.

Wie Sie sicherlich wissen, will der öffentlich-rechtliche Sender Phoenix ab 8. Juli 2013 die Gebärdensprachdolmetschereinblendung einstellen und stattdessen fast ausschließlich nur noch Untertitel einsetzen. Dies ist für uns Betroffene ein Schlag ins Gesicht und widerspricht unserem Recht der Teilhabe am politischen Leben – „Tagesschau“ und „heute-journal“ mit den Gebärdesprachdolmetschern sind die einzigen Sendungen, bei denen sich Gehörlose, die auf Gebärdensprache angewiesen sind, über die aktuellen Geschehnisse informieren können.

Sie haben während Ihrer Rede beim Jahresempfang des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen am 13.05.2013 gesagt: „Die Gebärdensprache ist nicht etwa nur eine hilfsweise Kommunikation, sondern sie ist ein kultureller Wert an sich – ein Wert der Gehörlosenkultur, die wiederum Teil unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens ist. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen – ich habe es zumindest bis vor kurzem nicht gewusst, das sage ich ganz klar –, dass Gebärdensprache einmal bei Strafe verboten war. Es war ein harter Kampf, bis sie endlich als unverzichtbares Element einer barrierefreien und inklusiven Gesellschaft anerkannt wurde.“

Ich erlaube mir, auch eine Mitteilung der CDU Sachsen zu zitieren: „Die behindertenpolitische Sprecherin von CDU/CSU Maria Michalk appelliert an die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten sowie an die Geschäftsführer der privaten Fernsehanbieter deutlich mehr Medienangebote für Menschen mit Behinderung zu schaffen (…) Der Rundfunkstaatsvertrag beauftragt die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, Angebote zu machen, die der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung dienen. Im Grundgesetz steht, dass jeder das Recht hat, sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Diese Grundversorgung muss auch Menschen mit Behinderung offen stehen“.

Ich bitte Sie eindringlich, Ihren Worten Taten folgen zu lassen und sich persönlich bei Phoenix dafür einzusetzen, dass die Entscheidung, auf Gebärdensprachdolmetscher zu verzichten, zurückgenommen wird.

Mit gebärdensprachlichen Grüßen

Marco Strauß


Behindertenbeauftragter fordert ARD und ZDF auf, Entscheidung rückgängig zu machen
Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

5 Kommentare

  • Moritz

    Liebe Leute, wir haben hierzulande kein Staatsfernsehen, die Bundeskanzlerin hat mit Phonix genau so viel zu tun wie der der Deutsche Gehörlosenbund.

    30. Juni 2013 at 17:51
  • Björn

    Hallo Moritz.

    Dies insofern inkorrekt, als sowohl ARD, ZDF und alle gemeinsam betriebenen Rundfunkanstalten eben öffentlich-rechtlich sind und einen gesetzlichen Auftrag wahrnehmen.
    Auch der RundfunkSTAATSvertrag gibt einen entsprechenden Hinweis.

    30. Juni 2013 at 18:24
  • Andrea

    Es kann aber nicht schade, wenn Frau Merkel mal mitbekommt, mit welchen Problemen die Menschen in ihrem Land zu tun haben. Die Frau Bundeskanlerin schwelgt doch derart in Milliardenmaßstäben und mit Spitzenpolitikern herum, dass sie den Blick dafür längst verloren zu haben scheint.

    30. Juni 2013 at 21:24
  • Hartmut

    Auch die privaten Sender muessen sich verantwortlich fuer die Gesellschaft besonnen. sein. Wir haben an Anrecht einen Platz auch im Programmangebot der Privatsender zu erhalten.

    Unser Geld steckt doch drin. Wir sind auch Verbraucher der Konsumgueter, die auf dem Fernsehen Reklame gemacht werden, und zahlen die gleichen Preise wie jeder andere, denn die Kosten fuer alle Reklame sind in den Preisen als Produktionskosten einbegriffen. Wir als Verbraucher haben die Reklame und folglich die Privatfernseher mit finanziert.

    1. Juli 2013 at 07:13
  • Rudolf Stzengel

    Phoenix soll in Zukunft nur Untertiteln- aber bei ARD + ZDF ist schon U.T. da wozu extra bei Phoenix auch U.T.??? Viele werden Gebärden Dolmetscher/in vermisst…Wer ist Hauptverantwortlich bei TV? Micaela Kolster soll Absetzen.. Sie beleidigt uns- Gehörlosen- Menschen ist auch Wertvolle Arbeitskräfte als andere…

    2. Juli 2013 at 13:13

KOMMENTAR SCHREIBEN