""

PhoeNIX: Wurden Verbände der Hörbehinderten bei den Rundfunkbeitrag-Verhandlungen belogen?

Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. wehrt sich dagegen, dass „Tagesschau“ und „heute journal“ künftig ohne Gebärdenspracheinblendung ausgestrahlt wird.

"Tagesschau" mit Gebärdensprachdolmetscher – am 7. Juli 2013 soll es damit vorbei sein

„Tagesschau“ mit Gebärdensprachdolmetscher – am 7. Juli 2013 soll es damit vorbei sein

Der von ARD und ZDF gemeinsam betriebene Nachrichtensender Phoenix will mehr Sendungen untertiteln, dafür jedoch bei „Tagesschau“ und „heute journal“ auf Gebärdensprachdolmetscher verzichten (ROLLINGPLANET berichtete: PhoeNIX: Untertitel und Zynismus statt Gebärdensprache).

Nachdem bereits die wissenschaftliche Referentin des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V., Bettina Herrmann, scharfe Kritik übte („Der absolut falsche Weg“), nimmt nun ihr Verband offiziell Stellung. Der sieht sich auch getäuscht: Der Einführung des ermäßigten Rundfunkbeitrags hätten die Verbände der Selbsthilfe von Menschen mit Hörbehinderung, darunter auch der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V., „nur unter der Voraussetzung zugestimmt, dass neben der vollständigen Untertitelung die Quote der Gebärdenspracheinblendungen auf fünf Prozent erhöht wird.“

ROLLINGPLANET dokumentiert nachfolgend den Protest des Deutschen Gehörlosen-Bundes.

„Verdolmetschungen im Fernsehen ausbauen, nicht abbauen!“

Gebärdensprache muss in der „Tagesschau“ und im „heute journal“ erhalten bleiben

Wie bekannt wurde, plant Phoenix, die nahezu einzigen Sendungen mit Gebärdensprach-Verdolmetschung im deutschen Fernsehen zu streichen. Es handelt sich dabei um die „Tagesschau“ und um das „heute journal“, die auf Phoenix bislang mit Gebärdenspracheinblendung zu sehen sind. Der Sender stiehlt sich aus seiner Verantwortung, wenn er künftig statt der Verdolmetschung nur noch auf das Untertitel-Angebot von ARD und ZDF zurückgreifen möchte.

Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. fordert den Sender dazu auf, dieses absurde Vorhaben unverzü̈glich aufzugeben! Eine Streichung der Verdolmetschung missachtet die Rechte gehörloser Menschen massiv und stellt eine Diskriminierung von öffentlicher Seite dar. Zudem verletzt es die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, in welcher die Gebärdensprache an vielen Stellen gestärkt wird, unter anderem ausdrücklich in Artikel 21 „…Zugang zu Informationen“, in dem die Medien aufgefordert sind, die barrierefreie Zugänglichkeit sicher zu stellen.

Erst vor einem halben Monat, am 14. Juni 2013, gingen in Berlin 12.000 Menschen auf die Straße, um für die vollständige Anerkennung der Gebärdensprache und für die Umsetzung in allen Lebensbereichen zu demonstrieren. Eine ausdrückliche Forderung war dabei auch der Ausbau der Verdolmetschungen in den Fernseh- und Radioprogrammen.

In einem offenen Brief vom 18. Juni 2013 fordert der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. für die Berichterstattung über die Hochwasserkatastrophe mehr Verdolmetschungen, um auch gehörlose und andere Menschen mit einer Hörbehinderung im Katastrophenfall zügig und unmittelbar zu erreichen, und appelliert in diesem Zusammenhang an den politischen Willen, der Gebärdensprache mehr gesellschaftliche Anerkennung entgegen zu bringen. Fakt ist, dass ein Ausbau der Gebärdensprachverdolmetschungen im Fernsehen notwendig ist.

Dass Phoenix (und damit ARD und ZDF) nun das bestehende Gebärdensprachangebot stoppen möchte, ist ein Rückschritt ohnegleichen. Untertitel sind keineswegs ein gleichwertiger Ersatz für Gebärdenspracheinblendungen! Viele Gehörlose und andere Menschen mit einer Hörbehinderung sind des geschriebenen Deutsch nicht ausreichend mächtig, um die komplexen Inhalte der tagesaktuellen Nachrichten verstehen zu können. Aus diesem Grund müssen die „Tagesschau“ und das „heute journal“ auch in Zukunft unabdingbar in Deutscher Gebärdensprache zugänglich sein.

Seit Anfang des Jahres bezahlen auch Gehörlose und andere Menschen mit Hörbehinderung den Rundfunkbeitrag, der ausdrücklich zum Ausbau der barrierefreien Angebote benutzt werden sollte. Der Einführung dieses ermäßigten Rundfunkbeitrags haben die Verbände der Selbsthilfe von Menschen mit Hörbehinderung, darunter auch der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V., nur unter der Voraussetzung zugestimmt, dass neben der vollständigen Untertitelung auch die Quote der Gebärdenspracheinblendungen auf 5 Prozent erhöht wird.

Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. fordert vor diesen Hintergründen alle Verantwortlichen dringend auf, sicher zu stellen, dass die „Tagesschau“ und das „heute journal“ weiterhin unverändert in Gebärdensprache zugänglich sind. Außerdem müssen der Ausbau und eine qualitative Verbesserung der Untertitel dringend vorangebracht und der Umfang des Angebots an Beiträgen, die in Gebärdensprache gedolmetscht werden, unbedingt erweitert werden.

(RP/PM)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • Christina Götze

    Meine Meinung ist, das es eine riesen Frechheit der
    Sender ist, die Gebärdensprache zu streichen.
    Es ist auch eine Schande, daß Behinderte jetzt bezahlen
    sollen, die von Rundfunkgebühren befreit waren u. die Ver-
    bände auch noch zugestimmt haben. Merke : Sozialgesetze wurden vom Bund beschlossen, folg-
    lich haben die Länder nicht das Recht diese auszuhe-
    beln.
    Gerade auch Hörbehinderte haben es schwer Teilhabe
    am Arbeitsleben zu bekommen usw. sowie das Sonstige
    Leben zu gestalten u. dann sollen wir auch noch einen
    Moloch wie den ÖRR finanzieren der im Jahr 8Mrd. €
    einnnimmt. Schämen sollten die sich. Das ist meine
    Meinung dazu. LG Chr. G.

    3. Juli 2013 at 20:21

KOMMENTAR SCHREIBEN