Polio: Immer noch gefährlich – auch für Erwachsene

Am 28. Oktober ist Weltpoliotag. ROLLINGPLANET erklärt, warum die Kinderlähmung besonders für Reisende ein Risiko darstellt.

Darstellung eines vermutlich Poliokranken, Ägypten 18. Dynastie

Die hoch ansteckende Kinderlähmung (Poliomyelitis) infiziert vor allem kleine Kinder und kann Hirnschäden und dauerhafte Lähmungen verursachen. Die Krankheit gibt es noch in Afrika und Asien. 2011 registrierte die Weltgesundheitsorganisation WHO 252 Fälle, die meisten im Tschad (85), in der Demokratischen Republik Kongo (60) und in Pakistan (58).

Nach Massenimpfungen erklärte die WHO Europa 2002 für poliofrei. In Deutschland gab es 1992 letzte Fälle. Zum Weltpoliotag weisen Organisationen darauf hin, dass Kinderlähmung wieder ausbrechen kann. Am 28. Oktober 1914 wurde der Bakteriologe James Salk geboren, der den ersten wirksamen Impfstoff entwickelte.

Die Gefahr neuer Infektionen mit Polio bestehe noch immer, warnt der Präsident des Robert Koch-Instituts in Berlin, Professor Reinhard Burger. Reisende könnten die Krankheit aus Nigeria, Afghanistan oder Pakistan einschleppen.

Interview mit Professor Burger: „Sie können andere Menschen leicht anstecken“

Professor Reinhard Burger

Weltweit ist Polio so gut wie ausgerottet. Vor zehn Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Europa für poliofrei erklärt. Warum sollen wir uns trotzdem impfen lassen?

Es gibt Polio heute noch in Afghanistan, Pakistan und Nigeria. In diesem Jahr wurden der Weltgesundheitsorganisation insgesamt 444 Fälle gemeldet. Aus diesen Ländern kann die Krankheit durch Reisende exportiert werden. Das Virus ist sehr robust und problematisch, weil die meisten Infizierten keine auffallenden Symptome zeigen. Sie können andere Menschen leicht anstecken. Deshalb ist die Impfung sehr wichtig. Wenn wir die letzten Polioherde nicht ausrotten, kann das irgendwann auch wieder eine große Bedrohung für andere Länder sein.

Gab es in den vergangenen Jahren Fälle in anderen Ländern?

Ein Beispiel ist der Polio-Ausbruch in Tadschikistan 2010 durch ein eingeschlepptes Virus, das auch in Russland, Kasachstan und Turkmenistan weiterverbreitet wurde. Insgesamt wurden damals 475 Poliofälle in diesen vier zur WHO-Region Europa zählenden Ländern registriert. Sofortige nationale Impfkampagnen verhinderten die weitere Ausbreitung der Erreger. Damit blieb die WHO-Region Europa poliofrei.»

Warum ist es immer noch nicht gelungen, die Kinderlähmung endgültig zu bekämpfen?

Die betroffenen Länder haben schwierige Strukturen im Gesundheitswesen, und die Lage ist politisch instabil. Dort ist es sehr schwer, die Kinder zu erreichen und flächendeckend zu impfen. Es kommen auch ideologische Aspekte dazu. In Pakistan sollen Taliban Impfaktionen blockiert haben. (ROLLINGPLANET berichtete: Taliban verbieten Polioimpfungen). Dort wurde auch ein Impfhelfer erschossen. Wir dürfen aber jetzt nicht nachlassen. Die Erfahrungen zeigen, dass man durch organisiertes Vorgehen Polio auch in einem Land mit schwieriger Infrastruktur ausrotten kann: Indien war im Jahr 2011 erstmals seit langem poliofrei.“

Fürchten Sie, dass die Impfquote hierzulande sinkt, weil die Krankheit augenscheinlich nicht mehr existiert?

Die Impfquote bei Schulanfängern liegt in Deutschland bei etwa 95 Prozent. Damit können wir gut leben. Die Quote sollte nur nicht fallen, denn dann könnte sich das Virus verbreiten, wenn Polio eingeschleppt wird. Es ist eine sehr schwere Krankheit, die nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene treffen kann.

(Interview: Anja Sokolow/dpa, Foto: Wikipedia/Deutsches Grünes Kreuz. GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 oder eine spätere Version)

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