Politik und schulische Inklusion: Seid endlich ehrlich

Ein Gast-Kommentar des „Westfalen-Blatt“ zum gemeinsamen Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern.

(Foto: Wilhelmine Wulff/pixelio.de)

(Foto: Wilhelmine Wulff/pixelio.de)

Wer sagt, die Umsetzung der Inklusion in Deutschland sei auf einem guten Weg, verschließt die Augen vor der Realität. Die Teilhabe von Menschen mit Behinderung, aber vor allem der gemeinsame Schulunterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern funktioniert alles andere als optimal. Natürlich gibt es Leuchttürme. Die bleiben aber die Ausnahme. Auch wenn sie gerne von der Politik der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dennoch: Das Schulsystem ist überfordert mit dieser Herkulesaufgabe.

Das liegt nicht an mangelndem Willen der Lehrer, sondern an schlechter Vorbereitung durch das Land. Viel zu spät wurden die Strukturen in den Schulen an den Rechtsanspruch behinderter Kinder, eine Regelschule zu besuchen, angepasst. Dieser existiert in Nordrhein-Westfalen seit dem Schuljahr 2014/15. Zunächst lag das Augenmerk mehr auf baulichen Veränderungen. Es wurde von der Politik viel darüber geredet, die pädagogische Kompetenz für diese Aufgabe zu schaffen. Im Schulalltag kam aber nicht viel davon an. Die Weiterbildung von Lehrern wurde übereilt und oft konzeptlos umgesetzt. Schulen erfuhren häufig erst spät, welchen Förderbedarf die zu unterrichtenden, behinderten Kinder haben. Das hat sich bis heute nicht geändert. Ein Einstellen und professionelles Vorbereiten auf die neue Situation ist dadurch oft unmöglich.

Hinzu kommt, dass die Schulen aktuell ohnehin vor einem Berg an Zusatzaufgaben stehen, die sie – trotz verbesserter, aber nicht ausreichender Personalausstattung – leisten sollen. Nicht nur behinderte Kinder sollen in das Regelschulsystem integriert werden. Auch Flüchtlingskindern soll das System Schule möglichst ideale Startbedingungen zur Integration verschaffen. Inklusion und Integration: Das sind zwei enorm große Aufgaben innerhalb kürzester Zeit. Sie sind keine Selbstläufer und überfordern Lehrer und Schüler. Auch wenn das Land für mehr Personal gesorgt hat, reicht das nicht. Erst wenn in jeder Inklusions- und Integrationsklasse ein Sonderpädagoge fest zum Team gehört, haben Inklusion und Integration eine Erfolgschance.

Der wichtigste Appell in Richtung Politik beim Thema Inklusion lautet jedoch: Seid endlich ehrlich. Tut nicht länger so, als würde niemand Förderschulen abschaffen wollen. Nur um diejenigen nicht als Wähler zu verlieren, die diese für den idealen Ort zur Förderung bestimmter Kinder halten. Nicht für jedes Kind ist eine Regelschule sinnvoll. Zu große Klassen, zu wenig Personal, fehlende technische Voraussetzungen zum Beispiel für Seh- oder Hörbehinderte, schlecht ausgebildete Pädagogen sind nur einige Stichworte.

Die Wahrheit ist: Die UN hat Deutschland klar aufgefordert, Förderschulen abzuschaffen. Wer das verheimlicht, täuscht den Wähler aus Machtkalkül.

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2 Kommentare

  • Michael Ziegert

    Langfristig haltbare stabile Strukturen schafft man nicht, in dem man etwas abschafft – sondern etwas Neues, hoffentlich Besseres schafft.

    „Diejenigen“ die Förderschulen derzeit für die bessere Wahl gegenüber Regelschulen für „bestimmte Kinder“ halten, sind in der Regel die Eltern dieser Kinder, denen man also unterstellen darf, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen. Warum sollten das „Westfalen-Blatt“ das besser wissen, als diese Eltern.

    Wenn wir eine offene, freidenkende, vielfältige Gesellschaft schaffen – mit (finanzieller) Unterstützung der Politik – dann werden wir auch eine inklusive Gesellschaft schaffen. Vielleicht werden dann die Förderschulen überflüssig sein.

    Aber man schafft Inklusion nicht dadurch, dass man die Förderschulen abschafft und die Menschen in Schulen zwingt, die derzeit damit überfordert sind.

    In 2014/2015 sind allein in NRW 2000 bereits eingeschulte Kinder von den Regelschulen auf Förderschulen gewechselt. Wurden sie gezwungen? Wohl kaum. Aber offensichtlich war es (derzeit) die bessere Wahl.

    Das gleiche gilt auch für die Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Lasst uns dafür sorgen, dass Unternehmen völlig selbstverständlich Menschen mit Behinderung einstellen und dazu auch die nötige Unterstützung von Bund und Land erhalten. Das gelingt derzeit ja nicht mal für Menschen, die ohne große Probleme auf dem Arbeitsmarkt aktiv sein könnten – statt dessen aber arbeitslos sind. Wenn uns allein dies schon gelungen ist, so ist viel geholfen. Und irgendwann dann werden die Werkstätten (vielleicht) irgendwann nicht mehr gefragt sein. Aber derzeit sind sie für die Mehrheit der Menschen, die dort arbeiten, unverzichtbar.

    6. Juni 2016 at 15:13
  • Carl Gerhardt

    ich kann nur immer wieder sagen : ich habe in einer körperbehindertenschule mein realschulabschluss gemacht. das wäre wahrscheinlich an einer regelschule nicht möglich. ( z.B. durch Schuljahrsplittung auf 2 jahre in der 10 kl. kostenlose Mathenachife in der Schule, Mitschreibe / Schreib Assistenz )

    6. Juni 2016 at 15:13

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