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Polizei suchte bei ihm nach Waffen und Sprengstoff: „Meine Herkunft beeinträchtigt mich mehr als meine Behinderung!“

Ayman Mosen und seine beiden Kinder


Als Ayman Mohsen 1988 als Zwölfjähriger nach Deutschland kam, hatte er bereits Erfahrungen gemacht, die für ein ganzes Leben reichen. Geboren 1976 als mittleres von drei Kindern, lebte er mit seiner Familie im Palästinenser-Lager Shatila in Beirut, Libanon. Die widrigen Umstände im Lager durch die schlechte gesundheitliche Versorgung, mangelnde Bildungsmöglichkeiten und ständige Angst vor Angriffen beherrschten seine Kindheit im Bürgerkrieg. Von Daniela Klähn und Thomas Boldin

Getroffen von einer Handgranate

Mit elf Jahren wurde Ayman beim Spielen mit anderen Kindern von einer Handgranate getroffen und verlor beide Beine und die Finger der linken Hand. Das Rote Kreuz vermittelte die Kinder in eine Einrichtung nach Lyon, Frankreich. Dort bekam Ayman die nötige medizinische Versorgung. Er begann, mit den für ihn angefertigten Prothesen wieder neu laufen zu lernen und die linke Hand weitestgehend mit Hilfe des Daumens zu benutzen. Nach sieben Monaten stand fest, dass eine Rückkehr in den Libanon, nach Hause ins Lager zur Familie, für Ayman nicht in Frage kam. Seine Behinderung war so gravierend, dass es ihm unter den Umständen dort nie möglich gewesen wäre, ein eigenständiges Leben zu führen. Er berichtet von einer Mutter, die damals ihren 15jährigen querschnittsgelähmten Sohn in einer Schubkarre umherfuhr. Da bereits entfernte Verwandte der Familie in Berlin lebten, wurde er hierher vermittelt.

Am 20. September 1988 zog Ayman ins Kinderheim des Fürst Donnersmarck-Hauses auf die damalige Gruppe 5. Er konnte kein Wort Deutsch und war von den neuen Eindrücken, der fremden Sprache und der Konfrontation mit den anderen Kindern mit teilweise massiven körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen schier überwältigt. Intensive Gespräche mit den Betreuern und besonders mit anderen arabischen Jugendlichen, die ebenfalls im Fürst Donnersmarck-Haus wohnten, und sein großer Wille halfen ihm, die Barrieren, die ihm durch die Behinderung und die fehlenden Sprachkenntnisse gesetzt waren, größtenteils zu überwinden und die neue Situation anzunehmen.

Rückblickend lieber eine Regelschule besucht

Es folgte der Besuch an der Toulouse-Lautrec-Schule für Körperbehinderte. Mit großem Engagement schaffte er nach dem Hauptschulabschluss mit Hilfe der Abendschule den Abschluss der mittleren Reife und schließlich 1995 den Auszug in die eigene Wohnung. Rückblickend sagt Ayman, dass sein beruflicher Weg positiver verlaufen wäre, wenn er damals eine Regelschule besucht hätte und eine Ausbildung hätte absolvieren können.

Trifft man Ayman „Momo“ Mohsen heute, dann begegnet man einem engagierten Mann, der eine klare Meinung vertritt und der sagt, er sei froh, dass er als Wanderer zwischen den Kulturen das für ihn jeweils Beste herausholen konnte. Er weiß es sehr zu schätzen, dass er hier in Frieden und relativem Wohlstand lebt und ist sich dessen stets bewusst, wenn er „gerade Hühnchen isst, während seine Eltern und Geschwister im Libanon an einer Gurke knabbern“.

Ein Mann zwischen zwei Kulturen

Durch seinen langen Aufenthalt im Rehabilitationszentrum hat Ayman sich mehr an deutschen Männern orientiert. „Über Gefühle kann ich besser mit meinen deutschen Freunden sprechen. So habe ich mich anders entwickelt, eben nicht so machohaft. Oft werde ich zum Vermitteln bei Familienkonflikten hinzugezogen. Mit arabischen Freunden spreche ich über Probleme. Wenn ich über Gefühle reden würde, würden sie über mich lachen.“

Er passt sich der deutschen Kultur an. Ayman fühlt sich in Berlin zu Hause, sein Deutsch ist besser als sein Arabisch. Seit 2006 besitzt er endlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Er ist mit einer Frau aus Shatila verheiratet und stolzer Vater von zwei Kindern.

Ayman engagiert sich ehrenamtlich sowohl im Basketball-Verein, wo er Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung trainiert, als auch in verschiedenen Selbsthilfe-Vereinen in Berlin. Bei der Gelegenheit will er anmerken, dass er sich über finanzielle Unterstützung oder Sponsoren sehr freuen würden (Sportgemeinschaft Handicap Berlin: www.sgh-berlin.de). Er möchte Menschen mit Behinderung UND Migrationshintergrund helfen, denn aus seiner Sicht gibt es für diesen Personenkreis noch zuwenig Hilfs- und Beratungsangebote in der Stadt.

Feindseligkeit im Supermarkt

Da die Familie nach der Geburt des zweiten Kindes im letzten Jahr eine größere Wohnung benötigte, zog sie von Spandau nach Reinickendorf-Ost. Dort machte Ayman bereits nach kurzer Zeit Erfahrungen, die seiner Meinung nach mehr seiner dunklen Hautfarbe als seiner Körperbehinderung zuzuschreiben sind. Im Supermarkt beispielsweise, wo ihm bereits öfter Hilfe durch andere Kunden versagt wurde, hat er eher das Gefühl einer Feindseligkeit gegenüber „dem Ausländer“ als gegenüber „dem Behinderten“. Insgesamt beeinträchtige ihn hier in Deutschland seine Herkunft stets mehr als seine körperliche Behinderung.

Besonders seit dem 11. September 2001 merkt er, dass er oft „anders angeschaut“ wird. Und dann berichtet er von einer Begebenheit, die man kaum glauben mag: Ayman besuchte regelmäßig einen ebenfalls körperbehinderten Freund, mit dessen Nachbarn, einem älteren Herrn, sie häufig ins Gespräch kamen. Eines Tages wurde Ayman zu Hause bereits von Polizisten empfangen und nach gründlicher Wohnungsdurchsuchung nach Waffen zur intensiven Befragung mit aufs Revier genommen. Der Nachbar hatte ihn als „Freund von Bin Laden“ gemeldet, und in der Aufregung um die Terroranschläge in den USA gingen die Behörden damals jedem noch so absurden Hinweis nach.

Arabische Herkunft macht ihn zum Verdächtigen

Heute erzählt Ayman das mit einer Prise Humor, aber es ist ihm anzumerken, dass es ihn doch ärgert, nur aufgrund seiner arabischen Herkunft verdächtigt worden zu sein. Sogar sein Keller, den Ayman nie in seinem Leben be“rollt“ hatte, da er nur durch Treppen zu erreichen war, wurde nach Waffen und Sprengstoff durchsucht. Im Prozess wurden dann allerdings glücklicherweise alle Vorwürfe fallen gelassen.

Wir haben den Beitrag mit freundlicher Genehmigung dem Magazin „Wir“ der Fürst Donnersmarck-Stiftung entnommen. Die Ausgabe 2/11 beschäftigt sich mit behinderten Menschen, die einen Migrationshintergrund haben. „Wir“ lässt sich unter diesem Link kostenlos herunterladen: Download

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