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Post an Franz Josef Wagner

Zum Vergrößern aufs Bild klicken (Quelle: http://www.facebook.com/Leidmedien)

14 Tote in Titisee-Neustadt. Wagner schrieb dazu in „Bild“. Leidmedien.de hat ihm geantwortet. ROLLINGPLANET kommentiert.

Seine Stimme ist dunkel und kräftig, seine Gestalt die eines Riesen. In der Münchner Arabellastraße erblickte Franz Josef Wagner (69) einst einen Rollstuhlfahrer und war verblüfft: „Schnell sind Sie! Wie machen Sie das?“

Wagner ist in der Medienbranche immer noch eine große Nummer, auch wenn ihm die ganz große Nummer versagt blieb: Der Mann, der als Ghostwriter die Biografien von Franz Beckenbauer und Udo Jürgens schrieb und sich als Deutschlands begnadetester Boulevardjournalist sah, durfte nie Chefredakteur der „Bild“ werden. Das war sein glühender Traum. Eine seiner legendären Schlagzeilen, damals für die Illustrierte „Super!“, lautete: „Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen – Ganz Bernau ist glücklich, daß er tot ist“ (1991).

Für die vollendete Karriere war der Ruf des ehemaligen Klosterschülers, der das Abitur nicht schaffte, doch zu sehr angekratzt: Spätestens seit seiner Zeit als „Bunte“-Diktator, als ihn selbst der für seine Loyalität bekannte Verleger Dr. Burda nicht mehr ertrug, galt Wagner als Menschenfeind, den man auf keine Redaktion mehr loslassen durfte. Als Oberjournalist in der modernen Medienwelt, in der bereits jeder Ressortleiter budgettreu denken muss, eignete sich der Dinosaurier auch nicht: Bei „Bunte“ kostete der wegen seiner blumigen Sprache auch „Goethe für Arme“ genannte Wagner seinem Herausgeber ein kleines Vermögen, wenn er von seinem Büro in München die Maschinen in Offenburg anhielten und Seiten neu drucken ließ, weil ihm beim späten Wein eine neue Überschrift eingefallen war.

Auch Wagner hat eine Behinderung: Er leidet (!) unter einem Mutter- und Gotteskomplex.

Die unmögliche Kolumne über behinderte Menschen

Immerhin durfte Wagner dann doch bei „Bild“ ran – seit elf Jahren als Springers und Deutschlands irrster Chefkolumnist. Mal geliebt, mal unfreiwillig komisch, mal daneben – so wie in seiner gestrigen „Bild“-Post (siehe Screenshot oben) zur Tragödie in Titisee-Neustadt, bei der 13 behinderte Menschen und eine Betreuerin starben. Wagners Texte erfordern mehr Können, als viele glauben – was spätestens jene feststellen, die ihn nachzumachen versuchen: Wagner wurde oft parodiert, und oft misslang das. Leidmedien.de ist es gelungen, Wagner zu imitieren: Das Portal, das Journalisten dazu ermahnen will, Rollstuhlfahrer nicht zu fesseln oder andere verbale Gedankenlosigkeiten dieser Art aufzuschreiben, hat die entsprechende Antwort gegeben (siehe ebenfalls Screenshot).

Ob wir Menschen mit Behinderung uns nun ärgern sollten? ROLLINGPLANET findet, dass wir noch gut weggekommen sind. Einer der geschmacklosesten Sprüche, die Wagner in seiner „Bunte“-Zeit einer Mitarbeiterin, mit deren Arbeit er nicht zufrieden war, entgegenschmetterte, soll gewesen sein: „Ihnen gehört ungelöschter Kalk in die Gebärmutter geschüttet.“

Wurde jedenfalls dem Rollstuhlfahrer erzählt, der sich damals erkundigte, wem er da in der Arabellastraße beinahe über die Füße gefahren wäre. Aber da sind wir wieder bei dem Ur-Thema Gott. Der wollte das wahrscheinlich nicht, warum auch immer.

(Franz Schubert)

Wir sind auf die Leidmedien.de-Post aufmerksam geworden durch Jan Kampmann.

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