Premiere für Gehörlosendrama „Sippschaft“ in Hamburg

Viel Beifall: Nina Raines Familienstück über die Macht der Worte feierte gestern Abend im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater deutschsprachige Erstaufführung. Eine der Hauptrollen spielt der gehörlose Künstler Eyk Kauly.

Die Schauspieler (lr) Sven Gey als „Daniel“, Eyk Kauly als „Billy“, Katharina Pütter als „Sylvia“, Carsten Klemm als „Christopher“, Isabella Vertes-Schütter, als „Beth“ und Theresa Rose als „Ruth“ (Foto: dpa)

Nina Raines „Sippschaft“ ist im doppelten Sinn ein Konversationsstück. Denn in dem realistischen Familiendrama der preisgekrönten Britin (36) wird nicht nur fast ausschließlich geredet und gestritten – Thema der Dispute ist meist das gesprochene Wort selbst und seine Bedeutung für das Leben.

Überdies kommt mit der Gehörlosigkeit des Sohnes Billy und der Gebärdensprache eine weitere Ebene dazu. Bei der deutschsprachigen Erstaufführung in der Inszenierung von Peter Hailer spendete das Publikum am Donnerstagabend im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater viel Beifall.

Die Macht des Wortes

Isabella Vertes-Schütter ist auch Intendantin des Ernst Deutsch Theaters und spielt die Mutter (Foto: dpa)

Auf heller, kühl gestylter Bühne (Ausstattung: Etienne Pluss) erlebt man ein in die Jahre gekommenes Intellektuellen-Ehepaar (Carsten Klemm, Isabella Vértes-Schütter), deren drei Kinder immer noch im Nest hocken. Scharf und witzig, auch gemein und vulgär wird am Esstisch über alles und jeden diskutiert, denn vor allem Vater Chris glaubt an die Macht des Wortes.

„Wir wissen nicht mal, was Gefühle sind, bevor wir sie nicht in Worte fassen“, erklärt der Schriftsteller. Dagegen erklingt viel Musik – von der „Zauberflöte“ über Janis Joplin zu Disneys „Dschungelbuch“. Vor allem Mutter Beth und Tochter Ruth (Therese Rose), die sich abmüht, Opernsängerin zu werden, spüren hier Gefühle jenseits aller Worte.

Am Ende gerät „Sippschaft“ zum Stück über die schwierige Suche junger Menschen nach sich selbst – und über die Liebe. Denn vor allem die junge Sylvia (Katharina Pütter), die gerade ihr Gehör verliert, bringt das alte Familiengefüge durcheinander.

Mit Künstler Eyk Kauly

Isabella Vertes-Schütter und Eyk Kauly (Foto: dpa)

In Hamburg spielt ein hochmotiviertes sechsköpfiges Ensemble, darunter der gehörlose 24-jährige Künstler Eyk Kauly aus Dresden als Billy. Die Aufführung mit Obertiteln über der Bühne entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg.

Kauly kam gehörlos zur Welt und wuchs in einer „hörenden“ Familie auf. Im November vergangenen Jahres machte er mit seiner ersten eigenen „Eyk Kauly Show“– einer bunten Mischung aus Bildern, Tanz, Gebärdensprachpoesie und Theater – in Berlin auf sich aufmerksam. Hier geht es zu seinem You Tube-Kanal.

(dpa)

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