Proteste vergebens: Bluttest auf Trisomien als Kassenleistung wird geprüft

„Verstoß gegen die Prinzipien der Behindertenrechtskonvention“: Das oberste Entscheidungsgremium im Gesundheitswesen hat ein Bewertungsverfahren beschlossen.

Hubert Hüppe (CDU) warnt seit Jahren vor Selektion. (Foto: Privat)

Hubert Hüppe (CDU) warnt seit Jahren vor Selektion. (Foto: Privat)

Mögliche Trisomien per Bluttest feststellen: Ob die Krankenkassen das im Fall von Risikoschwangerschaften zahlen sollen, lassen Ärzte, Krankenkassen, Kliniken und Patientenvertreter prüfen. Verbände und Bundestagsabgeordnete unterschiedlichster Fraktionen hatten dagegen vehement protestiert (ROLLINGPLANET berichtete). Ungeachtet dessen sprach sich der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das oberste Entscheidungsgremium im Gesundheitswesen, am Donnerstag für ein Bewertungsverfahren aus. Experten prüfen nun, ob die bisherigen Kassenleistungen wie Plazenta-Punktion oder Untersuchung des Fruchtwassers durch die nicht-invasive Methode ergänzt werden sollen.

Bluttests, die Trisomie 21 – bekannt als Down-Syndrom – ebenso wie Trisomie 18 und Trisomie 13 relativ sicher feststellen, gibt es seit einigen Jahren. Dabei wird im Blut der Mutter nach Erbgut des Kindes gesucht. Vollständige Sicherheit bietet der Test nicht. Er kostet derzeit zwischen 500 und 900 Euro.

„Verstoß gegen die Prinzipien der Behindertenrechtskonvention“

Das Bewertungsverfahren dauert bis zu drei Jahre. Kritiker fürchten, dass der Weg zu einem Routine-Bluttest für alle Schwangeren geebnet wird, die sich dann vermehrt für eine Abtreibung entscheiden könnten. „Die Einführung einer kassenfinanzierten Routineuntersuchung zum Beispiel auf das Down-Syndrom verstößt gegen die Prinzipien der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen“, sagte die SPD-Abgeordnete Ulla Schmidt, die auch Bundesvorsitzende des Vereins Lebenshilfe ist. Eine Praxis, die in diese Richtung führe, müsse verhindert werden.

„Bei diesen Tests geht es nur um Selektion“, sagte der Ethikexperte der Unionsfraktion und frühere Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), der „Rheinischen Post“. „Es gibt keinen therapeutischen Nutzen.“ Damit seien sie auch ein Verstoß gegen das Gendiagnostikgesetz.

„Einführung in die Regelversorgung von Schwangeren wahrscheinlich“

Das Gen-ethische Netzwerk e.V. (Berlin) kommentiert:

Das GeN kritisiert vehement den heutigen Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), ein Methodenbewertungsverfahren für so genannte nicht-invasive pränataldiagnostische Tests (NIPT) einzuleiten. Damit wird deren Einführung in die Regelversorgung von Schwangeren wahrscheinlich. Das Gen-ethische Netzwerk wird sich diesem Vorhaben auch weiterhin mit allen Kräften entgegenstellen. Es kann und darf nicht sein, dass die mit einer selektiven Praxis verbundenen NIPT Routine in der Schwangerenversorgung werden!
 
„Immerhin ist unsere Kritik im G-BA angekommen“, so Uta Wagenmann vom Gen-ethischen Netzwerk. Das GeN hatte vergangene Woche in einem Offenen Brief an den G-BA gegen die geplante Einleitung eines Methodenbewertungsverfahren protestiert, weil hier lediglich der diagnostische Nutzen, die medizinische Notwendigkeit und die Wirtschaftlichkeit der neuen Methode im Vergleich zu etablierten Kassen­leistun­gen bewertet werden. Damit wird der selektive Charakter der heutigen pränataldiagnostischen Praxis nicht in Frage gestellt, sondern im Gegenteil zur Grundlage der Bewertung. Diese Problematik fand auf der heutigen Sitzung zwar Erwähnung, für ihre Lösung wurde aber an den Gesetzgeber verwiesen.
 
„Wir begrüßen es, dass in der heutigen Beratung im G-BA Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung der Kassenfinanzierung von NIPT demonstriert und die Unzulänglichkeit des Methodenbewertungsverfahrens thematisiert wurde“, so Wagenmann. „Umso befremdlicher ist es, dass im Anschluss die Einleitung des Verfahrens einstimmig beschlossen wurde.“ Zwar sei in der Sitzung ausdrücklich und mehrfach der Wunsch nach einer breiten gesellschaftlichen Debatte um NIPT geäußert worden. „Wozu soll eine solche Debatte aber geführt werden, wenn losgelöst davon im G-BA über den diagnostischen und medizinischen Nutzen von NIPT und deren Kassenfinanzierung befunden wird? Damit wir uns alle besser fühlen?“  
 
Das GeN bleibt dabei:  NIPT gehören nicht in die Regelversorgung von Schwangeren! Beim Fötus gezielt nach dem Vorliegen einer Trisomie 13, 18 oder 21  zu suchen, stellt diese als besonders vermeidenswert heraus; die Versorgung der Schwangeren oder des werdenden Kindes wird dadurch nicht verbessert. Die pränatale Fahndung nach Abweichungen wertet Menschen mit Behinderungen systematisch symbolisch ab und ist deshalb eine schädliche Praxis im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention. „Statt vorgeburtliche Untersuchungen auszuweiten“, resümiert Wagenmann, „gehört vielmehr das ganze System der pränatalen Diagnostik auf den Prüfstand.“

(RP/PM/dpa)

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