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Psycho-Talk: „Die Freiheit des einen endet an der Grenze zur Freiheit des anderen“

Eine flog übers Kuckucksnest – Rosengartenklinik in Bad Kissingen weist schwere Vorwürfe zurück.

Die blinde Michaela P. mit ihrem Führhund war Patientin in der Rosengartenklinik in Bad Kissingen und erhebt schwere Vorwürfe (Foto: privat)

Die blinde Michaela P. mit ihrem Führhund war Patientin in der Rosengartenklinik in Bad Kissingen und erhebt schwere Vorwürfe (Foto: privat)

Wie sehr kann sich ein Mensch mit Behinderung, der psychische Probleme hat, darauf verlassen, dass Experten seine Situation angemessen erfassen? Überfordert die Behinderung Ärzte, selbst wenn diese sonst möglicherweise auf ihrem Gebiet hervorragend sind?

Assistenzhund-Verbot („kein notwendiges Hilfsmittel“), Pipi-Verbot („unmittelbar nach Ankunft“), Ultimatum („einwöchige Probezeit“) und umstrittene Borderline-Diagnose („vom niedergelassenen Psychologen nicht bestätigt“): Auf ROLLINGPLANET hatte die blinde Patientin Michaela P. vor zehn Tagen (55) schwere Vorwürfe gegen die Rosengartenklinik in Bad Kissingen erhoben.

Chefarzt Dr. med. Heinz-Josef Beine und Klinikmanager Toni Hauck nehmen nun Stellung zu dem Artikel. Wir dokumentieren ihre Antwort, wenngleich wir ihre Zuversicht, „dass wir alle Ihre Fragen befriedigend beantworten konnten“, nicht teilen.

Ihre Anfrage vom 14.05.2014 beantworten wir gerne.

Der Verein Lichtblicke e. V. wandte sich an die Abgeordnete Ruth Müller wegen „Problemen beim Umgang mit einem Blindenführhund“ einer unserer Patientinnen.

Gerne nehmen wir nachfolgend zu Ihrem Schreiben Stellung.

In unserer Klinik werden gleichzeitig 99 Patienten mit verschiedenen psychischen und psychosomatischen Störungsbildern behandelt. Gerade aufgrund des von Ihnen erwähnten integrativen Ansatzes ist es auch psychisch schwer belasteten Menschen möglich, hier eine stationäre psychosomatische Rehabilitation zu absolvieren. Dazu gehören insbesondere eine relativ große Anzahl von Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung mit den typischen Symptomen der erhöhten Schreckhaftigkeit und Ängstlichkeit mit Schwierigkeiten der Flexibilität und Anpassung an unbekannte und aversiv (Anm.d.Red.: Widerwillen hervorrufend) erlebte Situationen.

Das integrative Konzept heißt für uns, dass wir uns mit hohem Einsatz bemühen, dass jeder Mensch mit seinen Schwierigkeiten, Defiziten und Besonderheiten in die Patientengemeinschaft integriert werden kann. Wenn schwere psychische Beeinträchtigungen bestehen, sind sie anderen Behinderungen vergleichbar und führen regelhaft auch zu entsprechender sozialrechtlicher Würdigung mit Zusprechung eines Grades der Behinderung. Der Begriff der Integration bezieht sich also grundsätzlich entsprechend dem Profil einer psychosomatischen Klinik nicht primär auf körperliche Behinderungen, aber auch auf diese. So gibt es in unserer Klinik auch rollstuhlgerechte Patientenzimmer oder Zimmer für sehr übergewichtige Menschen.

In diesem schon naturgemäß sehr störungsanfälligen sozialen Umfeld stellt die Anwesenheit eines Hundes, unabhängig von seiner Aufgabe und seinem Verhalten, einen Wirkfaktor dar, dessen Auswirkungen schwer abzuschätzen, aber auf alle Fälle weitgehend abzusehen sind. Gerade die Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung können sich gegenüber bedrohlichen Wahrnehmungen sehr schlecht abgrenzen und nicht unterscheiden, ob ein Hund für sie gefährlich werden könnte oder nicht. Trotzdem ermöglichen die Heiligenfeld Kliniken als eine der wenigen Kliniken in Deutschland die Aufnahme mit Hund. Dies erfolgt allerdings unter der Berücksichtigung bestimmter Regeln.

Vor jeder Patientenaufnahme findet ein standardisierter prästationärer Aufnahmeprozess statt, in dem die Bedingungen für eine Aufnahme in alle Heiligenfeld Kliniken ausführlich besprochen und auch schriftlich festgehalten werden. Hierzu erhalten die Patienten eine schriftliche Patienteninformation (siehe Anlage) über ihren Aufenthalt mit Hund, in der alle wichtigen Regeln und Abläufe beschrieben sind. Diese beinhaltet auch Einschränkungen für das Mitführen eines Hundes. Somit sind alle Patienten bei der Aufnahme über die Bedingungen informiert. Dies gilt für alle Heiligenfeld Kliniken. Auch Frau P. wurde umfassend darüber informiert.

Deshalb weisen wir die von Frau P. erhobenen Vorwürfe ausdrücklich zurück. Frau P. wurde im Vorfeld der Aufnahme über die in den Heiligenfeld Kliniken geltenden Regeln informiert. Zudem wurden ihr verschiedenste Unterstützungsmaßnahmen angeboten. Wir bedauern, dass Frau P. die in unserem Haus geltenden und mit ihr vorab kommunizierten Regeln nicht einhalten mochte und leider die Therapie abgebrochen hat. Wir wären gerne bereit gewesen, sie in ihrem Therapieprozess weiter zu begleiten.

Wir sind zuversichtlich, dass wir alle Ihre Fragen befriedigend beantworten konnten, sind jedoch gerne bereit, in einen weiteren Dialog einzutreten. Es dürfte Konsens bestehen, dass die Freiheit des Einen an der Grenze zur Freiheit des anderen endet.

Gerne laden wir Sie aber ein, uns bei weiteren Fragen in Bad Kissingen zu besuchen, und eventuell noch bestehende Fragen in einem persönlichen Gespräch zu klären.

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