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Psychoterror im Job: Was tun bei Mobbing durch den Chef?

Viele sitzen die ersten Schikanen aus. Dabei ist laut Experten genau das die falsche Strategie. Von Manja Greß

Plötzlich tuschelt der Chef mit den Kollegen oder grüßt nicht mehr? Bossing fängt oft schleichend an. (Foto: dpa)

Plötzlich tuschelt der Chef mit den Kollegen oder grüßt nicht mehr? Bossing fängt oft schleichend an. (Foto: dpa)

Ein fieser Kommentar in der Konferenz oder die dauernde Bevorzugung von Kollegen: Mobbing durch den Vorgesetzten – das sogenannte Bossing – fängt meist schleichend an. Der Chef grüßt nicht mehr oder verdonnert einen zu Aufgaben, die sonst keiner machen will. Schnell entwickeln sich kleine Schikanen jedoch zu richtigem Psychoterror.

Nach einer europaweiten Arbeitnehmer-Umfrage von Eurofound von 2010 wurden rund fünf Prozent der deutschen Angestellten im Jahr zuvor im Job gemobbt oder schikaniert. In vielen Fällen gehen die Attacken vom Chef aus. Viele sind bei den ersten Vorfällen noch gelassen und versuchen, sie zu ignorieren. Dabei ist es oft besser, gleich in die Offensive zu gehen.

Ein typischer Fall

Auch bei Günther Kollenda war der Vorgesetzte der Initiator des Mobbings. Alles begann mit Umstrukturierungsmaßnahmen innerhalb des Betriebes. Die Geschäftsführung wollte Personal abbauen. Er selbst war damals Abteilungsleiter und bekam einen neuen Chef vor die Nase gesetzt, der ihn zum Mittäter in eigener Sache machen wollte.

„Nachdem er sich die Lage im Betrieb eine Weile angesehen hatte, bestellte mich mein neuer Chef zu sich. Sein Anliegen: Ich sollte ihm helfen, Mitarbeiter aus dem Unternehmen zu ekeln“, erinnert sich Kollenda. Sogar eine Liste mit Namen von unliebsamen Kollegen bekam er in die Hand gedrückt. Mitarbeiter sollten ständig kritisiert und bei den kleinsten Fehlern abgemahnt werden.

Als Kollenda es ablehnte, seinem Boss beim Mobbing behilflich zu sein, geriet er selbst in die Schusslinie: „Ab diesem Moment war ich sein Feind. Er machte bei jeder Gelegenheit meine Arbeit schlecht und gab mir Aufgaben, für die ich gar nicht zuständig war.“

Spätestens nach drei Monaten reagieren

Zwei Jahre ging das so. Viel zu lange, meint Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie in Berlin. Habe ein Arbeitnehmer das Gefühl, bei seinem Vorgesetzten seit mehr als drei Monaten auf der roten Liste zu stehen, sollte er so schnell wie möglich handeln.

Oft machten Betroffene ihrem Ärger zuerst bei Kollegen Luft oder suchten sich Verbündete. Doch das lässt die Situation häufig nur weiter eskalieren. Hesse rät stattdessen, gleich nach den ersten Irritationen mit dem Vorgesetzten zu sprechen. Dabei mache der Ton die Musik.

Vorwürfe seien fehl am Platz. Fragen wie „Was haben Sie eigentlich gegen mich?“ sorgten nicht für einen erfolgreichen Gesprächsverlauf. Hesse empfiehlt eher leichte Demutsgesten. „Sagen Sie lieber, Sie hätten das Gefühl, in seiner Gunst gefallen zu sein. Fragen Sie nach dem Grund dafür.“ Diese Variante gebe dem Chef die Möglichkeit, zu sagen, was ihn stört.

Die richtige Taktik beim Gespräch

Zuerst das Gespräch zu suchen, empfiehlt auch Martina Perreng, Arbeitsrechtlerin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Dabei sollten Arbeitnehmer nicht gleich sagen: ,Sie mobben mich!‘“ Besser sei es, eher zurückhaltend zu formulieren wie: „Es gab in der letzten Zeit einige Situationen, die mich irritiert haben.“

Bringt ein Gespräch unter vier Augen keine Verbesserung, sollten sich Angestellte Hilfe bei kompetenten Ansprechpartnern suchen, rät Perreng. In großen Firmen sei der Betriebsrat die erste Adresse. Gibt es keinen, ist häufig eine Selbsthilfegruppe eine gute Idee.

Dort könnten sich Arbeitnehmer mit anderen Betroffenen austauschen und sich gegenseitig den Rücken stärken. Wenn der Chef jemand aus dem mittlerem Management ist, können Arbeitnehmer auch zu seinem Vorgesetzten gehen.

Notfalls vor Gericht ziehen

Bringe auch das nichts, bleibt letztlich nur die Kündung oder der Gang vor Gericht, um Schadenersatz und Schmerzensgeld einzuklagen. „Allerdings sind die Ansprüche vor Gericht nur sehr schwer durchsetzbar“, sagt Perreng.

Wer sich dafür entscheidet, muss die Schikanen im Detail darlegen können. Perreng rät Mobbing-Opfern deshalb dazu, eine Art Tagebuch zu führen, in dem sie alle Vorwürfe notieren. Spätestens jetzt sollten Arbeitnehmer sich außerdem rechtlichen Beistand holen. „Oft steht einem Arbeitnehmer eine Abfindung zu.“

Oft jahrelange Folgen

Auch Günther Kollenda hat sich Hilfe gesucht – mehr oder weniger erfolgreich. Nachdem ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Chef und die Einschaltung des Betriebsrates nichts an der fristlosen Kündigung änderten, hat er sich vor Gericht eine hohe Abfindung erstritten.

An seinen Erfahrungen hatte er aber noch lange zu knabbern. Er rät deshalb allen in so einer Situation, nicht länger als nötig in der Firma zu bleiben. Jeder, der schikaniert werde, leide körperlich und seelisch – oft auch noch Jahre danach. Das sei kein Job dieser Welt wert.

(dpa/tmn)

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