Psychotherapie beendet – was nun?

In Deutschland werden wegen psychischer Störungen jährlich mehr als eine Million Menschen behandelt. Aber wie geht es nach so einer Therapie weiter? Von Mira Fricke

Experten sagen: Rund 27 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland haben eine psychische Störung (Foto: Shutterstock)

Experten sagen: Rund 27 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland haben eine psychische Störung (Foto: Shutterstock)

Petra Hartmann (Name geändert) war wegen Depressionen bereits mehrere Male in psychotherapeutischer Behandlung. Im Sommer 2015 hat sie ihre letzte Verhaltenstherapie abgeschlossen. „Ich habe mich damals schon gefragt, ob ich es jetzt alleine schaffe“, erinnert sie sich. Nach mehreren Jahren mit psychotherapeutischer Begleitung ist sie das erste Mal wieder auf sich selbst gestellt.

„Das Ende der Psychotherapie kann eine besonders sensible Phase sein, insbesondere, wenn die Patientin oder der Patient negative Vorerfahrungen mit Trennung oder Abschied gemacht hat“, sagt Kerstin Sude, stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV).

„Meist thematisiert man das Ende in den letzten acht bis zehn Sitzungen, abhängig von der Therapielänge. Man fragt, wie es dem Patienten bei dem Gedanken geht und wägt gemeinsam ab, ob man eine Verlängerung beantragt oder nicht“, erklärt Kerstin Sude, die selbst als Psychotherapeutin in Hamburg arbeitet. Auch Petra Hartmann konnte in den letzten Sitzungen noch Wünsche äußern, woran sie speziell arbeiten möchte. Trotzdem: „Endgültig loslassen war schon seltsam. Da kam auch etwas Wehmut oder Angst auf. Vorher wusste ich, da ist immer jemand da, mit dem ich Dinge besprechen kann“, beschreibt die ehemalige Patientin aus Saarbrücken.

Worauf sich Patienten einstellen müssen

Worauf müssen sich Patienten also einstellen? „Es kann sein, dass zum Ende der Therapie die Anfangssymptomatik nochmal auftritt“, erklärt Kerstin Sude. „Das ist durchaus ein typisches Phänomen. In einem solchen Fall kann man beruhigen und sagen: Das ist vorübergehend, das wird besser!“ Eine Krise zum Ende hin bedeutet also nicht, dass die Therapie erfolglos war. Gerade in solchen Fällen sei es wichtig, gemeinsam mit den Patienten Bilanz zu ziehen. „Das führt den Patienten die eigenen Fortschritte vor Augen. Man sollte sich als Patient aber auch nicht selbst überfordern und zu viel von sich verlangen“, sagt Sude.

Wer sich selbst auf die Zeit ohne psychotherapeutische Hilfe vorbereiten will, kann schon vorher gemeinsam mit dem Therapeuten eine Notfall-Liste erstellen. Kerstin Sude erklärt: „Es werden dann beispielsweise Frühwarnzeichen festgehalten, die ein Patient vor einer möglichen Krise spürt oder eine Vertrauensperson, die im Notfall kontaktiert werden kann.“ Aber auch Fragen zur Selbstfürsorge gehörten dazu: Habe ich mich oder den Sport vernachlässigt? Habe ich zu viele Überstunden gemacht? All dies hilft, für den Fall eines Rückschlags vorbereitet zu sein oder es erst gar nicht so weit kommen zu lassen.

Petra Hartmann geht in ihrem engeren Umfeld offen mit ihrer Depression und der Psychotherapie um. Entsprechend sprach sie mit ihrer Familie auch über das Ende der Therapie. Dies müsse aber jeder individuell entscheiden, sagen Psychotherapeuten. Für Angehörige gilt: „Man sollte einen Patienten nach der Therapie nicht in Watte einpacken. Kleine Rückschläge sind durchaus normal“, sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP). Sinn einer Therapie sei es, dass der Betroffene gelernt hat, damit umzugehen.

Online-Foren und soziale Netzwerke

Petra Hartmann findet zudem Rückhalt und Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe, mit der sie sich wöchentlich trifft: „Die Gespräche in der Gruppe sind sehr wichtig für mich geworden. Durch die Erfahrungen der anderen bekommt man einen veränderten Blick auf die eigenen Probleme.“ Zudem sei es schön, anderen Menschen helfen zu können. Roth-Sackenheim empfiehlt zudem: „Auch in Online-Foren oder Sozialen Netzwerken kann man sich austauschen, so dass nicht immer ein echtes Treffen nötig ist.“ Ebenso könnten kirchliche Seelsorger oder telefonische Krisendienste nach einer Therapie Ansprechpartner werden, schlägt Kerstin Sude vor.

Schwierige Phasen erlebt Petra Hartmann trotz allem hin und wieder. Bisher kommt sie aber ohne therapeutische Hilfe aus. „Im Nachhinein bin ich auch ein bisschen stolz auf mich, dass ich bestimmte Dinge alleine gemeistert habe“, sagt sie. „Ich merke, dass ich jetzt adäquat auf Situationen reagieren kann ohne gleich in Panik zu verfallen und sei es auch nur bei Streitigkeiten mit dem Nachbarn.“ Die Therapien haben in ihrem Fall langfristig Früchte getragen.

(dpa/tmn)

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