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Rad-Olympiasieger Nimke will 2016 bei Paralympics starten

Zwei Jahre nach seinem letzten großen internationalen Sieg sattelt der 36-Jährige um.

Bahnradsportler Stefan Nimke wurde mit der Aufnahme in die Hall of Fame des europäischen Radsportverbandes Union Européenne de Cyclisme geehrt. (Foto: Nimke)

Bahnradsportler Stefan Nimke wurde mit der Aufnahme in die Hall of Fame des europäischen Radsportverbandes Union Européenne de Cyclisme geehrt. (Foto: Nimke)

Zunächst einmal ein Lob für den von uns manchmal ob seiner Behäbigkeit gescholtenen Deutschen Behindertensportverband (DBS). Sein Projekt „Tandem 2016“ zeigt, wie es klappt: Leistungssportler mit und ohne Behinderung zusammenzubringen. In diesem Fall passt tatsächlich einmal das viel strapazierte Wort: Inklusion. Ohne „Tandem 2016“ wäre auch die nachfolgende Geschichte nicht denkbar – eine Erfolgsstory, selbst wenn noch keine Medaillen gewonnen wurden.

Stefan Nimke kehrt auf seine Paradestrecke zurück. Fast auf den Tag zwei Jahre nach seinem vierten und letzten WM-Titel in Melbourne über die 1000 Meter greift der 36-Jährige am Freitag bei der Paracycling-WM in der Höhe von Aguascalientes neu an. Die Strecke bleibt zwar gleich, ansonsten ist fast alles neu, denn Nimke pilotiert über den Kilometer in der Kategorie „B“ (Blind) erstmals ein Tandem. Hintermann in Mexiko ist Kai Kruse. Der sehbehinderte Hamburger gewann bei den Paralympics 2012 in London bereits eine Silbermedaille im Rudern.

Das ist Paracycling

Der Sport wurde erstmals von blinden Radfahrern Anfang der 80er-Jahre ausgeübt. Straßenradsport ist seit 1988 paralympisch, Bahnradfahren erst seit 1996. Gefahren wird nach den Regeln der Internationalen Radsport-Union (UCI), ergänzt um Regeln des Internationalen Behinderten-Verbandes (IPC), die aus Sicherheitsgründen einen Umbau am Fahrrad erlauben.

Klassifizierung und Regelwerk

Bahn- und Straßenrennen werden mit unterschiedlichen Rädern – Zweiräder (übliche Rennräder), Dreiräder, Tandems oder handbetriebene Rollstühle – absolviert, die der Behinderung der Athleten entsprechen und für verschiedene Schadensklassen (Amputierte, Blinde, Cerebralparetiker und Menschen mit anderen körperlichen Beeinträchtigungen) gelten.

Blinde fahren mit einem „Piloten“ auf einem Tandem. Rollstuhl-Sportler, deren untere Gliedmassen so gelähmt sind, dass sie keine Pedale treten können, fahren mit handbetriebenen Rollstühlen. Alle anderen Athleten benutzen je nach Gleichgewichtszustand Dreiräder oder Zweiräder, die der Behinderung angepasst sein dürfen.

Es gibt sechs verschiedene Wettbewerbe, die allerdings nicht von allen Schadensklassen gefahren werden:
• Einzelzeitfahren (1.000 Meter Bahn; für Zweiräder und Tandems)
• Einzelverfolgung (3.000 oder 4.000 Meter Bahn; für Zweiräder und Tandems)
• Sprint (200 Meter „fliegend“ Bahn; für Tandems)
• Team-Sprint (drei Starter aus einer Kombination von Amputierten und Zerebralparetikern à eine Runde; Bahn – nur für Zweiräder, nur Männer)
• Straßenrennen (unterschiedliche Distanzen von 15 bis 100 km Straße nach Massenstart; für alle Räder)
• Einzelzeitfahren (unterschiedliche Distanzen von 1,5 bis 50 km Straße; für alle Räder).
Quelle: http://www.swissparalympic.ch

Zufrieden mit den bisherigen Leistungen

Nach den Paralympics 2012 hat der DBS das Projekt „Tandem 2016“ aufgelegt. Im September 2013 gab es erste Testrennen, an denen sich neben Nimke auch die ehemaligen Elite-Nationalmannschaftsfahrer Marcel Kalz (Berlin) und Erik Mohs (Leipzig) beteiligten. Mohs schaffte im Februar ebenfalls die Qualifikation für Mexiko, wird dort auf einem Tandem Tim Kleinwächter (Bad Windsheim) in der 4000-Meter-Mannschaftsverfolgung pilotieren.

„Bis jetzt können wir sehr zufrieden sein mit den gezeigten Leistungen. Die Sportler haben sich einigermaßen gut vorbereiten können“, sagte Bundestrainer Patrick Kromer. Nimke und Kruse hatten in der Vorbereitung vor allem mit dem Material zu kämpfen. „Im Gegensatz zur Rundumversorgung für Olympia-Kader hinsichtlich Material und Organisation wirst du im paralympischen Sport deutlich weniger unterstützt und bist weitgehend auf dich allein gestellt“, sagte Nimke der „Schweriner Volkszeitung“.

Stefan Nimke (vorne) als Pilot für den blinden Kai Kruse (dahinter) (Foto: Nimke)

Stefan Nimke (vorne) als Pilot für den blinden Kai Kruse (dahinter) (Foto: Nimke)

Paralympics 2016 sind das Ziel

Gold oder eine Medaille erwartet der DBS noch nicht vom Tandem Nimke/Kruse. „Für die internationale Spitze wird es noch nicht reichen, aber die Zeiten verbessern sich kontinuierlich“, sagte Tobias Engelmann, Team-Manager der Nationalmannschaft und Initiator des Projekts.

Fernziel für Nimke und das Tandem-Projekt sind die Paralympics 2016. Auf der extrem schnellen Bahn in der Höhe von Aguascalientes, auf der die Elite Anfang Dezember zahlreiche Weltrekorde aufstellte, werden bereits die ersten Qualifikationspunkte vergeben. Nach dem unglücklichen Ende seiner Olympia-Karriere – in London 2012 musste Nimke wenige Minuten vor dem Teamsprint-Finale verletzt passen – könnte der Schweriner in Rio wieder nach Edelmetall greifen.

(RP/Thomas Juschus/dpa)

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