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Ralf Bockstedte: „Mein Stil als Coach ist einmalig“

Ralf Bockstedte vor der Schalker Arena

Der 40-jährige Jurist ist Deutschlands erster Rollstuhlfahrer, der im vergangenen Jahr den DFB-Trainerschein machte. Außerdem betreibt er eine Spieleragentur. Im ROLLINGPLANET-Interview besteht er darauf, dass er keine Hütchen aufstellen wird.

Normalerweise lässt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) keine Rollstuhlfahrer zu Trainerlehrgängen zu. Bei Ralf Bockstedte haben sie eine Ausnahme gemacht. Der Essener ist aufgrund einer seltenen Krankheit (nur 14 Fälle sind bekannt) gelähmt (Halswirbel C5), die Feinmotorik der Hände und die Mundmotorik sind gestört. In seinen Beinen hat er noch Gefühle. Er ist ein Blau-Weißer (Schalke 04).

Nach seinem Abitur studierte er Jura und arbeitet heute als Anwalt. Vor vier Jahren gründete er die Spieler-Agentur „Players’ Interests“, die derzeit 40 Klienten betreut. Der ehemalige Schalker Profi Ingo Anderbrügge ist Sportdirektor, vier Scouts sichten den Markt.

Das ROLLINGPLANET-Interview

Ralf Bockstedte und Ehefrau Tanja

Was ist wahrscheinlicher? Sein Recht auf hoher See zu bekommen oder dass ein Schiedsrichter fehlerfrei ein Spiel pfeifen wird?

Wo Menschen arbeiten und handeln, werden Fehler gemacht. Das macht das Leben sympathisch. Und auch der Fußball lebt davon, dass es mal eine Fehlentscheidung gibt. Sonst gäbe es auch nach dem Spiel nicht so viel zu diskutieren. Es sind Tatsachenentscheidungen, die die Schiedsrichter innerhalb von Bruchteilen von Sekunden zu fällen haben und die sie vor den Augen von und zum Teil gegen die Meinung von 80.000 Menschen auf den Tribünen und einem Millionenpublikum vor den Fernsehern und Radios vertreten müssen. Die Schiedsrichter machen im großen und ganzen einen guten Job. Ich möchte aber nicht tauschen…

Typisch Rechtsanwalt! Unsere Frage hast du damit nicht beantwortet. Nun gut, weiter: Mit 16 hast du zum letzten Mal Fußball gespielt. Was ist deine schönste Erinnerung daran?

Das Hochziehen der Stutzen, das Schnüren der Schuhe, das Treten vor den Ball, die Zweikämpfe, der Torjubel… Jede einzelne Erinnerung daran ist toll! Und ich möchte keine missen. Aber das geht auch einem Spieler nach erfüllter Fußballkarriere mit 34 Jahren bestimmt ganz ähnlich, wenn er die Schuhe an den Nagel hängt. Und mein Leben ging und geht ja weiter…

Was empfiehlst du anderen Rollstuhlfahrern, die ebenfalls unbedingt Fußballtrainer werden wollen?

Sie sollen ihren Weg konsequent gehen.

Die Leute gucken – aber nur kurz

Wie reagieren Schützlinge – auf dem Sportplatz und solche, die du betreuen willst –, wenn sie dich zum ersten Mal als Trainer oder Berater kennen lernen?

Natürlich gucken die Leute erst mal, wenn ich auf den Platz komme und sie mich vorher nie kennengelernt haben. Das gab es ja auch in dieser Form im Fußball wohl noch nie. Aber sobald sie mich kennenlernen, sind innerhalb weniger Minuten alle zwischenmenschlichen „Barrieren“ abgebaut, und das Wesentliche, der Fußball, rückt in den Mittelpunkt. Das ist als Trainer.

Als Berater und Rechtsanwalt erlebe ich es noch etwas anders. Da wird von Anfang an auf andere Fähigkeiten und Attribute abgestellt. Mit einem Fußball-Trainer verband man bislang immer einen „Fußgänger“, obwohl man sicherlich in den kleineren Vereinen und deren Jugendmannschaften auch „Trainer“ findet, die nie selbst gekickt haben, keinen Trainerschein und keine fußballspezifische Ausbildung genossen haben und die heute zum Beispiel aufgrund eines dicken Bierbauches nicht mehr richtig laufen können und das auch nicht tun…

Welche Mannschaften darfst du mit deiner C-Lizenz trainieren?

Ich habe die C-Lizenz im Leistungsfußball erworben. Trainieren darf ich damit nach dem Regelwerk des DFB: Alle Juniorenmannschaften außer Junioren-Regionalliga/Bundesliga, alle Frauenteams außer Bundesliga, alle Amateurmannschaften der Senioren bis 5. Spielklasse.

Du dürftest auch den A-Schein machen?

Wenn ich die Voraussetzungen erfülle, vorher die B-Lizenz erwerbe und die Prüfungen bestehen würde: ja.

Wie würdest du deinen Stil als Trainer bezeichnen: Eher Schleifer wie Felix Magath, Kumpel-Diktator wie Jürgen Klopp, verbissener Extremist wie van Gaal oder einmalig wie Ralf Bockstedte?

Mein Stil als Trainer ist sicherlich einmalig, genau wie jeder Mensch eben einmalig ist. Ich denke, dass ich sicherlich mal „kumpelig“ sein kann, ohne die nötige Distanz und Achtung zu verlieren. Ich bin sehr konsequent und sicher hart, da ich hohe Anforderungen an mich selbst, meine Arbeit und eben auch an meine Spieler stelle und einiges erwarte.

Aber ich kann den Jungs sicherlich aus meiner Erfahrung und meiner Situation noch viel mehr mitgeben, als nur das reine Fußballtraining. Und Spiele werden eben auch mit dem Kopf gewonnen! Einen zu großen Unterschied zwischen mir und anderen Cheftrainern gibt es aber sicherlich nicht – auch in meinem Fall gilt: Ich mache die Trainingsplanung, und die Hütchen stellt der Co-Trainer auf…

Ralf würde gerne hospitieren…

Wir stellen uns gerade vor, wie ein Trainer im Rollstuhl sich wie Rumpelstilzchen oder Jürgen Klopp über ein gegnerisches Tor ärgert…

Kann eine menschliche Reaktion peinlich sein, nur weil sie im Rollstuhl passiert? Ich glaube das ist im Ergebnis wie bei jedem Trainer auf zwei Beinen auch. Solange man authentisch ist, kann es nicht peinlich sein.

Dein Vorbild als Trainer? Und warum?

Es gibt viele gute Trainer im Fußball. An dem einen mag man dies, an dem anderen jenes. Ein richtiges Vorbild als Trainer habe ich nicht. Ich mag aber zum Beispiel im Allgemeinen die Art von Jürgen Klopp, den „One-Touch-Football“ von Arsène Wenger, aber auch die Methodik meines Freundes Ingo Anderbrügge, von dem ich als Fußball-Lehrer viel gelernt habe und abgucken konnte.

Lust, mal einen Bundesligaverein zu trainieren? Und wenn ja, welchen…?

Natürlich! Alleine dort mal zu hospitieren und als Trainer zu lernen wäre großartig. Ich würde gerne einmal in meinem Leben nur für ein Bundesliga-Spiel mit auf der Bank sitzen. Grundsätzlich wäre da jeder Bundesligist eine große Ehre für mich.

Anfragen gab es auch aus der Bundesliga und 2. Bundesliga schon, aber nicht als Trainer, sondern in anderer Funktion, zum Beispiel zur Motivation der Jungs.

Unser Interviewpartner engagiert sich politisch für die CDU - hier beim Europa-Wahlkampf 2004

Wird es in den nächsten 100 Jahren je mal ein Rollstuhlfahrer schaffen, Bundesligatrainer zu werden?

Das weiß ich nicht, aber man sollte nie nie sagen…

Schon mal Kontakt mit Markus Babbel gehabt? Der saß ja auch schon mal im Rollstuhl…

Natürlich kenne ich die Geschichte von Markus Babbel und habe sie auch verfolgt. Wir sind uns bislang aber leider noch nicht begegnet und konnten uns zu dem Thema noch nicht austauschen…

Uli Hoeness? Kein Problem!

Marketing gehört zu den Dienstleistungen von Player’s Interest, einer Beratungsfirma für Sportler. Warum nicht mal einen Behindertensportler so richtig perfekt vermarkten – wäre das nicht eine viel spannendere Herausforderung als “ganz normale” Sportler groß in die Öffentlichkeit zu bringen?

Sicherlich wäre auch die Vermarktung eines Behindertensportlers eine große Herausforderung. Ob das spannender wäre, weiß ich nicht. Aber der Schwerpunkt unserer Agentur liegt eben im Profi-Fußball. Ich selbst war immer Fußballer und fühle mich dort zuhause. Aber auch andere Sportler werden von mir betreut und beraten, auch anwaltlich im Sportrecht etcetera, und ich kann mir sehr gut Projekte und Aktionen zusammen mit dem Behindertensport vorstellen.

Welche Spieler hat Players‘ Interest derzeit im Blickfeld, von dem Ihr überzeugt seid, dass der mal ein richtig Großer werden könnte?

Wir haben generell tolle Nachwuchsspieler in Deutschland und auch bei uns in der Agentur. Da kommen in den nächsten Jahren auch weiterhin große Talente, zum Beispiel aus den Jugenden des MSV Duisburg, VfL Bochum, FC Schalke 04, um nur einige hier im Umfeld zu nennen.

Mit Uli Hoeness würdest du gerne über einen Spieler von Players‘ Interest verhandeln, oder dann doch lieber mit einem anderen Manager?

Grundsätzlich verhandle ich mit jedem gerne.

Was gibt es zu sehen, wenn man auf Eurer Homepage für das Scoutingsystem registriert ist?

Dann sieht man interne Scoutingdaten, Bewertungen von Spielern durch unsere Scouts, einen Spielerpool, Leistungsdiagnostiken, Spielerdaten und so weiter. Eben alles, was man in einem guten Scoutingsystem findet und was unsere Scoutingabteilung, wir und die Clubs in dem Metier benötigen.

Wer ist für dich der derzeit beste Fußballer der Welt?

Für mich ist das Lionel Messi.

Der beste Fußballer aller Zeiten?

Viele sagen Pelé, der allerdings in dem Jahr aufhörte, als ich sechs Jahre alt wurde. Daher kenne ich von ihm leider nur alte Aufnahmen und Geschichten. Für mich persönlich sind da Johan Cruyff und Zinedine Zidane ganz weit vorne. Aber Zeiten und Spielsysteme und damit auch der Fußball ändern sich. Daher kann man die Spieler, die vor 20, 40 oder 50 Jahren die ganz Großen waren, nicht mit den großen Spielern von heute – und umgekehrt – vergleichen…

Ralf will kein Mitleid – weder als Fan noch als Behinderter

In welchem Fall sollte ein Behinderter auf jeden Fall einen Rechtsanwalt aufsuchen, um seine Lebenssituation zu verbessern?

Immer dann, wenn ihn juristische Hilfe weiterbringen kann und er mit seinem Latein am Ende ist. Noch heute helfe ich in den Fällen anwaltlich gerne mit unserem Kanzlei-Team und meinen Partnern. Auch da bringe ich ja genügend eigene Erfahrung eines Betroffenen mit, und manchmal hilft eben auch die Sicht eines Rechtsanwaltes, der selbst im Rollstuhl sitzt.

Wann wird ein Richter eher mildernde Umstände gelten lassen? Wenn der Angeklagte im Rollstuhl sitzt oder als Schalke-Fan immer noch der verlorenen Meisterschaft 2001 hinterher trauert?

Was für eine Frage… Ich glaube, dass Bemitleiden nie der richtige Weg im Leben ist!

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