Raúl Krauthausen: „Leider reduzieren Medien behinderte Menschen immer auf ihre Behinderung“

Interview (Teil 2) mit Deutschlands bekanntestem Behindertenaktivisten über Samuel Koch, Sozialhelden, „Ziemlich beste Freunde“ und „Co-Behinderung“. Von Sandra Maxeiner

Raúl Krauthausen beim Interview. (Foto: Andi Weiland, www.andiweiland.de)

Raúl Krauthausen beim Interview. (Foto: Andi Weiland, www.andiweiland.de)

Den Anfang verpasst? Hier geht es zu Teil 1 unseres Interviews.

Du hast ja schon viele Interviews mit interessanten Menschen geführt. Wenn du einen Wunsch frei hättest: Mit wem würdest du gern ein Gespräch führen und warum?

Gerne würde ich mit einem Behindertenrechtsaktivisten sprechen und ihn fragen, was ihn damals bewegt hat und was er sich von unserer Generation heute wünscht. Und natürlich möchte ich auch gern mit den Menschen sprechen, die jetzt im Rampenlicht stehen und ihren Höhepunkt haben, beispielsweise mit Jan Böhmermann. Ich würde gern wissen wollen, wie er mit dieser Situation zwischen Genie und Wahnsinn umgeht. Ich glaube, dass es ihn doch alles mehr mitgenommen hat, als er anfangs glaubte. Auch was er daraus gelernt hat, würde mich interessieren. Aber das würde ich nur im privaten Gespräch fragen. Denn was er dann öffentlich darüber sagen würde, wäre etwas ganz anderes.

Was war dein interessantester Gesprächspartner?

Einer meiner interessanteren Gesprächspartner war Samuel Koch.

Warum?

Was mich im Vorfeld genervt hat, war, dass Samuel Koch immer zum Thema „Wetten, dass …?“ befragt wurde. Ganz Deutschland hat es gesehen und jeder wusste dann plötzlich, wie es sich anfühlen musste, solch einen schrecklichen Unfall zu haben. Aber es hat ihn noch nie jemand über sein künstlerisches Schaffen befragt. Er ist ja Schauspieler. Ich habe das Thema „Wetten dass …?“ überhaupt nicht angesprochen.

Und es ging mir auch nicht um das Leben davor und das Leben danach. Wir haben über die Schauspielerei gesprochen, darüber, ob es auch Neider gibt, weil er ja der Berühmte ist, im Vergleich zu denen, die gerade erst von der Schauspielschule kommen. Und ob es die auch unter den Behinderten gibt, weil er, so die Vorwürfe, vieles geschenkt bekommt und die anderen nicht. Ich wollte wissen, ob er sich als Aktivist sieht und sich über die aktuelle politische Lage informiert hat.

Unser Gespräch – und das hat er selbst dann später auch gesagt – war für ihn das erste, in dem es mal nicht um „Wetten, dass …?“ ging. Leider reduzieren Medien heutzutage behinderte Menschen immer auf ihre Behinderung, statt sich darauf zu fokussieren, wer sie sind, was sie machen und was sie auszeichnet. Und bei Samuel Koch ist es eben die Schauspielerei und nicht die Tatsache, dass er im Rollstuhl sitzt.

„Es reicht nicht, bloß eine Idee zu haben, sondern man braucht auch die Kraft und Geduld, sie umzusetzen“

Kommen wir mal zu deinem Projekt, den „Sozialhelden“: Deine erste Aktion war eine unkonventionelle Casting-Aktion, mit der du einen Zivi gesucht hast, der dich unterstützen sollte. War das die einzige Aktion dieser Art oder wurde das Casting später fortgesetzt?

Das war die erste Sozialhelden-Aktion. Die Projekte, die wir danach gemacht haben, hatten weniger mit Casting zu tun. Wir wollten versuchen, Dinge einfach mal anders zu betrachten, anders zu beleuchten und in den Mainstream zu bringen. Wir haben das Thema Casting mit dem Thema Zivildienst zusammengebracht und es dadurch zu etwas Einzigartigem gemacht. Wenn man das jetzt noch ein zweites Mal machen würde, wäre es nicht mehr besonders.

Ist mit dem Zivi, der dich damals betreut hat, ein guter Kontakt oder gar eine Freundschaft entstanden?

Ja, obwohl wir uns etwas aus den Augen verloren haben. Aber wir könnten uns jederzeit erreichen, wenn wir das wollten.

Die Sozialhelden wollen Menschen für gesellschaftliche Probleme sensibilisieren und zum Umdenken bewegen. Ich habe auf eurer Homepage gelesen: „Es reicht nicht, bloß eine Idee zu haben, sondern man braucht auch die Kraft und Geduld, sie umzusetzen.“ Wie genau helft ihr bei der Umsetzung?

Ich glaube, dass wir als Team gelernt haben, was wir können und was wir nicht können. Wir helfen uns, Ruhe zu bewahren und überlegen genau, was der nächste Schritt wäre und fragen: „Wie kommen wir da ran?“ Entweder dadurch, dass wir es selbst machen, Gelder sammeln oder Menschen fragen, ob sie uns helfen können. Wir sind ja jetzt im zwölften Jahr und haben viel gelernt. Jeder von uns ist ein Experte auf seinem Gebiet geworden. Das Besondere an den Sozialhelden ist, dass man uns nicht beauftragen kann. Das heißt, die Ideen kommen aus uns heraus: Wir haben zum Beispiel die „Wheelmap.org“ entwickelt, eine Karte für rollstuhlgerechte Orte.

Natürlich hatten wir auch viel Glück. Und vielleicht hat uns auch die Naivität geholfen, mit der wir an die Sache ran gegangen sind. Ein anderes Projekt, das wir gemacht haben, heißt „Leidmedien.de“. Damit wollen wir Medien zum Umdenken und zu einer anderen Art der Berichterstattung anregen: Denn Behinderte werden meist als Menschen dargestellt, die es trotz ihrer Behinderung geschafft haben, sich ein normales Leben aufzubauen. Und wir haben als Menschen mit Behinderung gesagt: „Nein, wir machen nicht trotz unserer Behinderung etwas und meistern nicht trotz unserer Behinderung tapfer unser Schicksal, sondern wir machen einfach.“ Und diese Perspektive wollen wir den Medien mit auf ihren Weg geben und ihnen einfach sagen: „In erster Linie zählt der Mensch!“ Das heißt, wir helfen Medien dabei, vorurteilsfrei über Behinderung zu schreiben und zu sprechen.

Im Mai kettete sich Raúl Krauthausen gemeinsam mit ungefähr 20 anderen Rollstuhlfahrern in Berlin am Reichtagsufer fest, um gegen das geplante Bundesteilhabegesetz (BTGH) und Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) zu protestieren. Die Nacht überstand der Aktivist als „Folienkartoffel“ (O-Ton). (Foto: Facebook/Krauthausen)

Im Mai kettete sich Raúl Krauthausen gemeinsam mit ungefähr 20 anderen Rollstuhlfahrern in Berlin am Reichtagsufer fest, um gegen das geplante Bundesteilhabegesetz (BTGH) und Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) zu protestieren. Die Nacht überstand der Aktivist als „Folienkartoffel“ (O-Ton). (Foto: Facebook/Krauthausen)

Dein Verein heißt ja Sozialhelden, würdest du dich selbst in gewisser Weise als Held bezeichnen?

Das ist ein schwieriger Spagat. Wir haben uns damals Sozialhelden genannt, weil wir davon überzeugt sind, dass jeder ein Held sein kann. Inzwischen würde ich soweit gehen, zu sagen: „Ja, jeder kann ein Held sein, denn einen Helden zeichnet aus, dass er keine Ausreden hat.“

Leider haben wir gerade in Deutschland immer viele Ausreden, nur um etwas nicht machen zu müssen.

Genau. Und dieses „Ich kann nicht weil…“ ist etwas sehr Deutsches, etwas sehr Traditionelles. Ich glaube, dass es ganz oft nur eine Frage des Willens ist, etwas zu tun oder es nicht zu tun.

„Wenn jemand in der Familie eine Behinderung hat, bringt es auch für die Familie eine besondere Herausforderung“

Du schreibst in deinem Buch: „Eine Behinderung zu haben, ist kein Grund jemanden nicht zu lieben …“ und berichtest auch über die Schwierigkeiten, die du hattest, als du mit Yvonne, einer schönen jungen Frau, zusammen warst. Wie schwierig ist es tatsächlich, unter diesen Umständen eine „normale Beziehung“ zu leben?

Solange wir Menschen mit Behinderung, Menschen, die anders sind, Menschen, die krank sind, Menschen, die Krebs haben, systematisch in diesem Land aussortieren und ständig als etwas Besonderes behandeln, wird es auch immer besonders sein. Und dadurch wird es auch immer komisch oder anders sein, mit solch einem Menschen eine Beziehung zu führen. Wenn aber Menschen mit und ohne Behinderung in die gleichen Kindergärten gehen würden, dann würden sie miteinander aufwachsen und es wäre das Normalste der Welt. Und dann könnten auch solche Beziehungen gelingen.

Ihr habt auch eine Selbsthilfegruppe besucht, in der der Begriff „Co-Behinderung“ geprägt wurde. Wie sehr trifft diese Bezeichnung auf die Menschen zu, die mit dir arbeiten, mit denen du lebst oder mit denen du befreundet bist?

Ich glaube, es geht hier vor allem um Beziehungen, weniger um Freunde oder Kollegen. Vielleicht geht es noch um Familie. Denn wenn jemand in der Familie eine Behinderung hat, bringt es auch für die Familie eine besondere Herausforderung. Man zieht dann eben nicht in den vierten Stock, sondern in eine Erdgeschoss-Wohnung, reist nicht in den Himalaya, sondern dorthin, wo man weiß, dass es rollstuhlgerecht ist. Dadurch schränkt man natürlich auch seine Angehörigen ein. Ich finde es wichtig, dafür eine Bezeichnung zu haben und finde das Wort „Co-Behinderung“ auch in Ordnung.

„,Ziemlich beste Freunde“ ist sexistisch und rassistisch“

In deinem Buch schreibst du, dass du es interessant findest, dass Filme wie „Ziemlich beste Freunde“ immer dort aufhören, wo es spannend wird. Wo wird es denn nach Ihrer Meinung erst so richtig spannend?

Gerade bei dem Film war es ja so, dass Erotik immer nur angeschnitten wurde. Abgesehen davon, dass der Film sexistisch und rassistisch ist, ist er in erster Linie ein Märchen. Das heißt, die wenigsten Menschen mit Behinderung sind reich und die wenigsten können sich eine Privathilfe im Haushalt leisten. Das ist schon mal alles extrem utopisch. Und dass dann die Thematik der Sexualität am Anfang durch die Prostituierten, die ihn am Ohr massieren, kurz angerissen wird, grenzt schon ans Absurde.

Als der Film dann mit dem Abspann endet, in dem man liest, dass er eine Frau kennengelernt hat, und sie drei Kinder haben, hab ich mich schon gefragt: „Übers Ohr? Wie soll das gelaufen sein?“ Aber genau das wäre doch die Aufklärung, die das Publikum bräuchte, um das Thema behindert sein oder behindert werden aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Ziemlich beste Freunde: Driss (Omar Sy) und Philippe (François Cluzet) feiern eine Orgie inkl. Ohrensex

Auch im aktuellen Kinofilm „Ein ganzes halbes Jahr“ ist es nicht besser: Da sitzt auch ein Mann im Rollstuhl und wünscht sich nichts mehr als zu sterben, obwohl es ihm doch gut geht. Er ist wohlhabend und hat sich verliebt. Es gibt also aus der Sicht eines Menschen mit Behinderung keinen Grund, sich in einer solchen Situation den Tod zu wünschen. Und wenn er es doch tut, dann sollte er psychologische Hilfe bekommen.

„Wenn wir tot sind, sind wir Humus für die Regenwürmer“

Wenn es eine gute Fee gäbe und du Wünsche frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Ich glaube, ich würde gesetzlich festschreiben, dass Barrierefreiheit verpflichtend wird und dass wir mehr Mut haben, Dinge pragmatisch anzugehen, anstatt immer alles, was passieren könnte, abzuwägen. Mein Lieblingsbeispiel ist der Berliner Fernsehturm. Er hat einen Aufzug, denn niemand läuft da freiwillig rauf. Aber als Rollstuhlfahrer kann man ihn nicht nutzen, weil es ja brennen könnte und man dann nicht evakuiert werden könnte. Ich glaube, dass wir oft zu früh die falschen Schlüsse ziehen.

Was ist es, das für dich wirklich zählt im Leben?

Echte Begegnungen mit Menschen, nichts Virtuelles und nichts Künstliches.

Glaubst du an Gott und an ein Leben nach dem Tod?

Nein, ich bin nicht gläubig. Ich glaube, wir haben nur dieses eine Leben und wenn wir tot sind, sind wir Humus für die Regenwürmer.

Glaubst du an etwas anderes?

Ich glaube an die Menschheit, ich glaube, dass wir gemeinsam etwas erreichen können, wenn wir die Fehler nicht immer bei den anderen suchen.

Wie möchtest du anderen Menschen in Erinnerung bleiben?

Ich möchte den Menschen als der Humorvolle in Erinnerung bleiben, und nicht als der Behinderte.

Raul, ich danke dir herzlich für dieses Gespräch!

(RP)

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3 Kommentare

  • Carl Gerhardt

    die Kritik über ziemlich beste Freunde kann ich nicht nachvollziehen . Ich find den Film sogr ziemlich gut . Anhand von dem Film kann ich Assistenz erklären und durch solche Filme setzen setzen sich “ normalos“ ohne Berührungspunkt zu Behinderunng damit auseinander.

    26. Oktober 2016 at 15:44
  • Jonathan Voigt

    Das Interview hat mich dann doch sehr geärgert, weil es die Arroganz der sog. „Behindertenaktivisten“ zeigt, die so ziemlich alles besser wissen. „Ziemlich beste Freunde“ ist einer der besten Filme, die ich kenne. (Hatte das nicht auch eure Redaktion so ähnlich mal geschrieben?) Was Krauthausen daran zu beanstanden hat geht schon beinahe in Richtung Kulturzensur. Als Rollstuhlfahrer, der nicht nur ständig an der Welt etwas zu kritisieren hat und nicht alles besser wissen möchte, möchte ich auch nicht, dass „Behindertenaktivisten“ in meinem Namen sprechen bzw. mich repräsentieren.

    26. Oktober 2016 at 18:26
  • Gregor Schlicksbier

    Sind halt der Spiegel der Geschafft und nicht mehr

    26. Oktober 2016 at 19:09

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