Raúl Krauthausen: Was wirklich im Leben zählt

Interview (Teil 1) mit Deutschlands bekanntestem Behindertenaktivisten über das Hier und Jetzt, Maggi-Suppen und Sex als Einstiegsfrage. Von Sandra Maxeiner

Sandra Maxeiner interviewte Raúl Krauthausen (Foto: Andi Weiland, www.andiweiland.de)

Sandra Maxeiner interviewte Raúl Krauthausen (Foto: Andi Weiland, www.andiweiland.de)

sandra-maxeiner-buchmesseDas Interview führte Sandra Maxeiner (rechts zu sehen auf der Frankfurter Buchmesse vor zwei Jahren, Foto: Ordercrazy, CC0) im Rahmen des Projektes „Was wirklich im Leben zählt“ des gleichnamigen Vereins in Berlin, der sich zum Ziel gesetzt hat, „uns ganz besonders um Menschen kümmern, die in eine akute Lebenskrise geraten sind, weil ein nahestehender Angehöriger plötzlich und unerwartet stirbt oder eine lebensbedrohliche Krankheit diagnostiziert wird. Gerade in dieser Phase einschneidender, gravierender Veränderungen in ihrem Leben, einer Phase, in der nichts mehr so ist wie es einmal war, einer Phase der Trauer, Wut, Hilflosigkeit und Unsicherheit, benötigen Eltern, Lebens- oder Ehepartner, aber auch Geschwister Unterstützung.“
Maxeiner studierte als Stipendiatin der Stiftung der Deutschen Wirtschaft Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt und wurde als Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung an der Freien Universität Berlin in Politik- und Sozialwissenschaften promoviert. Sie ist außerdem Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat sich an der Freien Universität Berlin zum Coach ausbilden lassen. Sie arbeitet als Dozentin für Personalmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Seit mehreren Jahren ist sie Geschäftsführerin der Berliner IC Invest-Consult Real Estate GmbH, Verlagsleiterin der Schweizer Jerry Media Verlag AG und seit 2013 ehrenamtliche Hospizhelferin.
Die 42-Jährige publiziert Bücher unter dem Pseudonym Cassandra Negra sowie zusammen mit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle unter dem Sammelpseudonym Dr. Psych.
Das heute von ROLLINGPLANET veröffentlichte Interview mit Raúl Krauthausen (36) entstand im August 2016. Deutschlands bekanntester Behindertenaktivist wurde in Lima geboren und lebt in Berlin. Er sitzt aufgrund von Osteogenesis imperfecta (umgangssprachlich als „Glasknochen“ bezeichnet) im Rollstuhl, gründete unter anderem den Berliner Verein „Sozialhelden“ und das Internetverzeichnis „Wheelmap.org“ mit barrierefreien Adressen. Im April 2013 verlieh ihm der deutsche Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz am Bande. Seit Oktober 2015 moderiert er die Talkshow „Krauthausen – Face to Face“ auf Sport 1. Derzeit kämpft Krauthausen gegen ein neues Bundesteilhabegesetz, das die Situation von schwerbehinderten Menschen erheblich verschlechtern könnte.

Es ist ein warmer Sommertag, als ich mich mit Raúl Krauthausen zum Interview treffe. Mit meinem Hund Whiskey habe ich es mir im Garten des Kulturzentrums Radialsystem, einem alten Fabrikgebäude in Berlin Friedrichshain, gemütlich gemacht und beobachte, wie Schiffe auf ihrer Rundfahrt über die Havel vorbeischippern. Was für ein friedliches Bild, denke ich. Was braucht es mehr, um einen Moment wie diesen zu einem unvergesslichen Augenblick werden zu lassen? Auch Whiskey hat es sich zu meinen Füßen bereits bequem gemacht, als Raúl in Begleitung seines Mitarbeiters, dem Fotografen Andi Weiland, mit seinem E-Rolli gut gelaunt und voller Energie auf uns zufährt. Nicht nur Whiskey ist ein wenig unsicher und bellt – auch mir ist ein wenig mulmig, habe ich doch gerade in Raúl Krauthausens Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ gelesen, wie schnell seine Glasknochen brechen können. Eine zu feste Berührung kann da schon gefährlich sein. Die deshalb zögerliche Art, mit der ich ihm meine Hand reiche, wirkt auf ihn vermutlich etwas linkisch. Wenig später, als Raúl mit seinem E-Rolli an den Tisch herangerollt ist und ich ihm gegenüber Platz nehme, lockert sich die Atmosphäre spürbar auf. Wir lachen und scherzen ein wenig und beginnen unser Interview.

Interview mit Raúl Krauthausen: „In erster Linie zählt der Mensch!“

Das Dschungelbuch gehört wohl für viele von uns zu den Lieblingsbüchern ihrer Kindheit. Noch gut in Erinnerung ist mir der gemütliche Bär Balu mit seinem wundervollen Song: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst du den Alltag und die Sorgen weg.“ Bei einer Schulaufführung des Dschungelbuchs, so erzählst du in deinem Buch, hast du die Rolle des Vorlesers übernommen. Welche Rolle würdest du heute gern einnehmen und warum?

Wahrscheinlich die des Affenkönigs, King Louie. Er ist mir sympathisch, obwohl er nicht unbedingt in Menschenfreund ist, weil er frech und unkonventionell ist.

Und Bär Balu?

Der ist mir zu langweilig, zu gemütlich.

Hast du eine Lieblingsgeschichte, ein Lieblingsbuch und wenn ja, welches ist es und warum?

In meiner Schulzeit habe ich gern „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger gelesen. In dem Buch geht es um den 17-jährigen Holden Caulfield, der nach einem Schulverweis für seine schlechten Noten die Schule vorzeitig verlässt. Aus Angst vor seiner hysterischen Mutter und seinem despotischen Vater, traut er sich nicht nach Hause. Er flüchtet und bricht aus einer Welt aus, die ihm schon lange verlogen und falsch schien. Drei Tage lang irrt er schließlich durch Manhattan und trifft auch hier nur auf eine Fortsetzung des Falschen und Aufgesetzten: Er lernt arrogante Showstars oder Barmusiker in New York City kennen, mürrische Taxifahrer und eine falsche Freundin, Sally. Nur die Kinder, auf die er während seiner kurzen Reise trifft, sind gänzlich unverdorben, authentisch und ehrlich. Für mich war Salingers Roman das richtige Buch zur richtigen Zeit. Es hat mich einfach abgeholt und mitgenommen, weil ich mich darin in vielem wiedergefunden habe.

Inzwischen bin ich ein großer Fan von Kinderbüchern. Neulich hab ich das Buch „Lauf, kleiner Spatz“ von Brigitte Weninger gelesen. Es handelt von einem Spatzen, der nach einem Gewitter nicht mehr fliegen kann, weil er sich den Flügel verletzt hat. Sein Arzt verspricht ihm zwar, dass er künftig keine Schmerzen mehr haben wird, sagt ihm aber auch, dass er nie wieder fliegen kann. Gemeinsam mit seinem besten Freund, der Maus, lernt der Spatz laufen und erlebt zu Fuß einige Abenteuer. Die Moral von der Geschichte ist, dass es eben nicht immer um Heilung und Erlösung geht, sondern um die Akzeptanz einer neuen Lebenssituation. Sie zeigt, dass man – auch wenn sich das Leben verändert – Freude haben und Abenteuer erleben kann.

Als Mutmacher bezeichnete das <a href="http://rollingplanet.net/hier-ist-rollingplanet-inclousiv-no-1/"><strong>ROLLINGPLANET-Magazin inclousiv Nr. 1/2016</strong></a> den in Berlin lebenden Aktivisten Raúl Krauthausen.

Als Mutmacher bezeichnete das ROLLINGPLANET-Magazin inclousiv Nr. 1/2016 den in Berlin lebenden Aktivisten Raúl Krauthausen.

Gab es Situationen, in denen Menschen spontan zu dir gekommen sind und dich angesprochen haben? An welche Situation erinnerst du dich besonders und warum?

Ja, es gibt immer wieder Situationen, in denen Menschen die Neugier packt und sie dann zu mir kommen und etwas wissen wollen. Was ich so bedauerlich finde, dass es zu 99 Prozent um meine Behinderung geht. Das heißt, sie wollen wissen, zu welchem Arzt ich gehe oder ob ich Sex haben kann – und das sind natürlich Fragen, die ich nicht unbedingt zum Kennenlernen beantworten möchte.

„Das Wort ,Glasknochen‘ schürt Ängste“

Du hast in deinem Buch geschrieben, dass du aufgehört hast, die Knochenbrüche zu zählen. Es waren wohl um die hundert. Wenn man das liest, hat man Angst, dich zu berühren oder dir die Hand zu geben. Kennst du diese Ängste bei Menschen, die dir begegnen und wie gehst du damit um? Und haben die Menschen gelernt, damit umzugehen?

Die Menschen, die mir begegnen, haben es garantiert nicht gelernt, weil ich sie nicht alle aufklären kann. Natürlich macht es ihnen zuerst einmal Angst. Auch das Wort „Glasknochen“ schürt Ängste, weshalb ich das immer seltener sage. Ich zähle meine Knochenbrüche schon lange nicht mehr, denn wir zählen ja auch nicht, wie oft wir erkältet waren.

Wenn man dein Buch liest, hat man nicht den Eindruck, dass du mit deinem Schicksal haderst, sondern dass du es angenommen hast, gerne lebst und nicht zu viel über die Endlichkeit nachdenkst. Stimmt das?

Ich lebe eher im Hier und Jetzt, als dass ich irgendetwas nachtrauere oder etwas herbeisehne. Ein guter Freund hat einmal gesagt: „Man ist dann jung, wenn man sich von der Zukunft mehr erhofft als von der Vergangenheit.“ Und ich glaube, da ist etwas Wahres dran. Ich fühle mich noch jung.

Im Hier und Jetzt zu leben, ist sehr schwer. Schließlich haben wir alle ständig tausend Dinge im Kopf. Während wir hier sitzen, sind wir mit unseren Gedanken schon wieder im Büro, an unserem Schreibtisch und überlegen, was dort noch alles auf uns wartet. Gelingt es dir immer, ganz im Hier und Jetzt zu sein?

Nein, es gelingt mir nicht immer. Natürlich habe ich mir auch schon darüber Gedanken gemacht, was ich heute Abend essen werde. Aber ich lasse mich nicht stressen, und denke nicht zu weit voraus.

Was motiviert dich, was treibt dich an?

Mich motiviert, wenn ich Menschen in meinem Umfeld habe, mit denen ich Spaß haben kann. Spaß bedeutet dabei aber nicht Spaß als Selbstzweck, sondern dass ich mit Menschen auf der Arbeit oder zu Hause eine schöne Zeit verbringen kann. Wichtig ist für mich Orte zu haben, an denen ich zur Ruhe kommen kann und Menschen um mich habe, die wissen, wer ich bin. Für mich ist wichtig, dass ich mich nicht ständig in einem Interviewmodus befinde und aufpassen muss, was ich sage. Denn ich werde ja immer stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Ich bin froh, dass wir zu Hause keine Kameras oder Mikrophone haben und ich dort der sein kann, der ich wirklich bin.

„Es kommt immer auch darauf an, wie ich mich selbst gebe“

In einem Assessment-Center, das du mal für einen Studienplatz absolvieren musstest, ging es um eine Maggi-Suppe, die undefinierbar aussah und auch so schmeckte. Wäre es für dich heute denkbar, für ein Produkt zu werben, von dem du nicht überzeugt bist und hast du seither je wieder Maggi-Suppen gegessen?

Maggi-Suppen esse ich schon noch, wenn es sein muss. Ich würde allerdings nie für ein Produkt werben, von dem ich nicht überzeugt bin. Ich habe aber schon für Produkte geworben, die ich selbst gar nicht konsumiere, von denen ich aber sage: Okay, es gibt Situationen, in denen es Sinn macht, sie zu gebrauchen oder zu konsumieren. Ich muss nicht alles selbst nutzen, um es gut zu finden.

Wie schwierig ist es aus deiner Erfahrung, sich als behinderter Mensch im Alltag zurechtzufinden und erfährst du genügend Unterstützung von anderen Menschen, wenn du sie brauchst?

Das ist sehr situativ und von Mal zu Mal verschieden. Ich glaube, es hängt auch davon ab, was ich von meiner Umwelt erwarte. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn ich um Hilfe bitte, wird mir auch geholfen. Wenn ich beispielsweise Busfahren möchte, dann erwarte ich – weil es der Job des Busfahrers ist – dass er mir die Rampe rausklappt. Macht er das nicht, insistiere ich darauf. Manchmal gibt es aber auch Fahrgäste, die mir die Rampe rausklappen. Das finde ich sehr nett, erwarte es aber nicht. Im täglichen Leben, auf der Straße mache ich durchweg positive Erfahrungen.

Ich glaube, es kommt immer auch darauf an, wie ich mich selbst gebe: Bedanke ich mich beispielsweise, wenn mir jemand die Tür aufhält, oder gehe ich davon aus, dass es jemand tut und nehme es als selbstverständlich hin. Aber dann gibt es auch noch die bürokratische Willkür, die Menschen mit Behinderung systematisch benachteiligt. Es beginnt bei fehlender Barrierefreiheit in Gebäuden, das heißt, ich kann nicht überall teilhaben, wo nicht behinderte Menschen teilhaben können.

Bürokratische Willkür wird es dann, wenn es beispielsweise keine Verpflichtung für eine McDonald’s-Filiale gibt, rollstuhlgerecht zu sein. Auch Kinos, Theater und privatwirtschaftlich betriebene Gebäude sind dazu nicht verpflichtet. Und das ist in meinen Augen ein Skandal. Denn es geht hier nicht um einen Good Will, sondern um ein Menschenrecht, nämlich um das auf Zugang. Und solange das in Deutschland nicht gegeben ist, diskriminiert die Gesellschaft Menschen mit Behinderung systematisch.

Einer meiner Gesprächspartner – Sascha, der an Borderline erkrankt und seither arbeitsunfähig ist – hat mir einmal erzählt, dass er sich an schlechten Tagen so mies fühlt, dass er sich fast wünscht, lieber im Rollstuhl zu sitzen und die Welt da draußen zwar mit einigen körperlichen Einschränkungen, aber dennoch mit Freude genießen zu können, statt ständig Gefangener seiner Impulsivität und Aggressivität zu sein und mit seinem Gefühlschaos im Kopf leben zu müssen. Kannst du das nachvollziehen?

Aus seiner Perspektive kann ich das schon nachvollziehen. Ich finde die Trennung zwischen sichtbarer und nicht sichtbarer Behinderung schwierig, weil ich glaube, dass die Frage eine andere ist: In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, dass eine Behinderung als Stigma empfunden wird? Und warum leidet er eigentlich unter seiner Behinderung? Wahrscheinlich liegt es an den Reaktionen seiner Umwelt. Und wenn die Umwelt nicht gelernt hat, mit so etwas umzugehen – so wie sie gerade lernt mit Homosexualität oder Migration umzugehen -, kann ich das, was Sascha da beschreibt, nachvollziehen.

„Dienst nach Vorschrift bedeutet eben auch, dass man keine Verantwortung übernehmen muss“

Du hast einmal gesagt: „Ich mag mein Leben und die Formulierung ,behinderter Mensch‘, weil sie offenlässt, ob ich behindert bin oder behindert werde.“ Wann bist du das letzte Mal von anderen Menschen behindert worden?

Ich werde immer dann behindert, wenn Gesetze mich daran hindern, mein Leben so frei zu entfalten wie ich es gern möchte. Dazu gehört zum Beispiel die fehlende Barrierefreiheit oder dass ich nicht sparen darf, weil ich auf Sozialhilfe angewiesen bin, und dadurch permanent in meinen Entfaltungsmöglichkeiten, in meinen Wünschen und Träumen beschränkt werde.

In deinem Buch schilderst du auch, wie ohnmächtig und wütend du warst, als du nachts in einer Berliner U-Bahn-Station festgesteckt hast, weil der Lift defekt war. Was hat dich in dieser Situation am meisten geärgert: Die BVG-Beamtin, die keine Lust hatte, dir außerhalb ihrer Arbeitszeit behilflich zu sein oder die beiden doch hilflosen Security-Kräfte, die versuchten, dich samt 150 Kilo schwerem E-Rolli die Treppen hochzuwuchten?

Dass der Fahrstuhl jetzt auch geht, ist leider nicht immer garantiert: Raúl Krauthausen (und andere) haben damit ihre Erfahrungen gemacht. (Foto: Gesellschaftsbilder.de/Andi Weiland)

Dass der Fahrstuhl jetzt auch geht, ist leider nicht immer garantiert: Raúl Krauthausen (und andere) haben damit ihre Erfahrungen gemacht. (Foto: Gesellschaftsbilder.de/Andi Weiland)

Was mich am meisten geärgert hat, ist, dass es für eine Situation wie diese – der Aufzug fällt aus und die letzte Bahn ist weg – kein Verfahren gibt. In Deutschland ist fast alles reglementiert, aber das nicht. Auch die fehlende Bereitschaft der BVG-Mitarbeiterin, sich eine kreative Lösung zu überlegen, hat mich gewurmt. Dienst nach Vorschrift bedeutet eben auch, dass man keine Fehler machen kann, dass man keine Verantwortung übernehmen muss und sich immer hinter Regeln verstecken kann. Ich glaube, dass es uns allen gut täte, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen, unkonventionelle Lösungen zuzulassen und vor allem auch Verantwortung zu übernehmen.

Was stört dich am meisten an deinen Mitmenschen?

Am meisten nervt mich, dass Leute, die mit einem behinderten Menschen zu tun haben, das Gespür zu verlieren scheinen, wann man was fragen darf. Entweder sie trauen sich nicht zu fragen, oder sie fragen zum Einstieg gleich, ob man Sex haben kann. Selten begegnen mir fremde Menschen, die wirklich mal unverkrampft sind. Ich hab ständig das Gefühl, den Erklärbär geben zu müssen. Und das ist zuweilen auch anstrengend, weil es auch Momente gibt, in denen ich mal schlechte Laune habe und nicht immer der sein möchte, der die Hand reicht und sagt: „Wir schaffen das schon.“ Ich hätte auch gern mal jemanden, der mir die Hand reicht und sagt: „Hey, ich würde dich gern kennenlernen.“

Was könnten wir deiner Meinung nach tun, um zu einem unverkrampfteren Umgang miteinander zurückzufinden?

Wir müssen die Gettos, die wir errichtet haben, wieder einreißen. Leider haben wir es in Deutschland bis zur Perfektion verstanden, Menschen, die anders sind, auszusortieren und sie entweder in Behinderten- oder Altenheime oder in Krankenhäuser wegzusperren.

Es ist eben ein Mythos, dass alte Menschen beispielsweise die Wahl haben sollen, ob sie zu Hause bleiben wollen und können oder in einem Heim leben. In der Theorie mag das zwar stimmen, dass sie eine Wahlfreiheit haben. Aber die funktioniert immer nur dann, wenn man auch über alle Optionen informiert wird. Wenn aber die ganze Gesellschaft auf einen einredet, dass man im Alter mit einer Krankheit oder einer Behinderung ins Heim soll, weil es eine Bürde für die Familie und die Angehörigen ist, ist ja klar, wie man sich entscheiden soll. Was man dann selbst will, ist dann nicht mehr interessant. Ich glaube, dass wir wieder anfangen müssen zu schauen, was wirklich für den einzelnen Menschen wichtig ist. Fakt ist doch eines: Je länger man Menschen in Heimen oder in Sondereinrichtungen isoliert, umso schwerer wird der Wechsel zurück in die Mehrheitsgesellschaft.

„Roger Willemsen war wirklich aufrichtig“

So entstehen Inseln, und Betroffene haben das Gefühl, dass sie ausgegrenzt und nicht mehr Teil der Gesellschaft sind. Das habe ich auch mit meinem Mann auf der onkologischen Station und in der Strahlenambulanz erlebt.

Ja, und dann gibt es Frühstück morgens um 6 und man geht um 18 Uhr ins Bett, denn es gibt ja sonst nichts mehr. Den ganzen Tag über wartet man dann auf den Arzt, der dann nicht kommt und Termine immer wieder verschiebt. Eigentlich wird man die ganze Zeit nur hingehalten und es wird nicht darauf geachtet, wie jemand auch seelisch genesen kann.

 Raul Krauthausen (l.) war 17, als er 1997 Roger Willemsen kennenlernte. (Foto: Privat/Krauthausen)

Raul Krauthausen (l.) war 17, als er 1997 Roger Willemsen kennenlernte. (Foto: Privat/Krauthausen)

In deinem Buch hast du auch von der Begegnung mit Roger Willemsen erzählt, mit dem du die Gala der damaligen „Aktion Sorgenkind“ moderiert hast. Welche Erinnerung hast du an diese Begegnung mit Roger Willemsen und was ist dir ganz besonders von dieser Gala im Gedächtnis geblieben?

Roger Willemsen ist der einzige Mensch, den ich kennengelernt habe, der sich so genau an Menschen erinnern konnte, selbst an die Begegnungen, die schon Jahre zurücklagen. Sein Interesse war echt. Es war weder aufgesetzt, journalistisch noch neugierig, sondern wirklich aufrichtig. Er nahm sich Zeit, solange es dauerte statt so lange, wie er Zeit hatte. Davon können sich viele eine Scheibe abschneiden, inklusive meiner Person. Mir fällt es manchmal sehr schwer, dieses Interesse wirklich zu haben.

Meine Erinnerung an die Gala kann ich eigentlich in einem Satz zusammenfassen: Ich war viel zu jung und kann mich kaum daran erinnern, weil alles wie ein Rausch an mir vorbeizog. Ich glaube nicht, dass ich gut war und ich denke auch, dass ich gar nicht wichtig war.

Du hast gesagt, dass es dir manchmal schwerfällt, das Interesse an Menschen wirklich zu haben. Was machst du, wenn du in einer Interviewsituation bist und du deinen Gesprächspartner nicht so spannend findest?

Bei mir kommt dann irgendwann der Punkt, an dem ich denke: Ich muss weg. Oder ich kommuniziere, dass ich nicht mehr so viel Zeit habe.

Lesen Sie hier Teil 2 und Schluss unseres Interviews: Raúl Krauthausen über Medien, Samuel Koch, Sozialhelden, „Ziemlich beste Freunde“ und was eine „Co-Behinderung“ ist.

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