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Renate Günther-Greene erhält den mit 50.000 Euro dotierten „Werner-Bonhoff-Preis wider den §§-Dschungel“ 2012

Ihr Dokumentarfilm „Behindert. Was darf ich werden?“ zeigt, wie die Umsetzung eines bahnbrechenden Gesetzes an einer wenig interessierten Verwaltung und den wirtschaftlichen Interessen der traditionellen Behindertenhilfe zu scheitern droht.

Pressekonferenz der Werner Bonhoff Stiftung (v.l.n.r.): Till Bartelt, Stiftungsvorstand, Preisträgerin 2012 Renate Günther-Greene, Preisträger 2011 Kai Boeddinghaus (Foto: obs/Werner Bonhoff Stiftung)

Die Werner-Bonhoff-Stiftung teilt in ihrer Pressemitteilung mit (ROLLINGPLANET hat den Film nicht gesehen):

„Behindert. Was darf ich werden?“ beleuchtet die Interessenskonflikte zwischen Menschen mit Behinderung und den für sie geschaffenen Einrichtungen. Durch gründliche und beharrliche Recherche verhilft die Filmemacherin einer jungen Frau mit Downsyndrom zu ihrem Recht auf ein selbstbestimmtes Berufsleben. Sie hat damit eine Schneise geschlagen für viele Menschen mit Behinderung, ebenfalls ihren Rechtsanspruch durchzusetzen. Seit der Ausstrahlung des Filmes steigt das Interesse an einem Persönlichen Budget erheblich.

Wenig genutztes Gesetz

2001 wurde mit dem Sozialgesetzbuch IX ein Gesetz geschaffen, das Menschen mit Behinderung zu mehr Selbstbestimmung und gleichberechtigter Teilhabe verhelfen soll. Der Gesetzgeber sah ausdrücklich vor, dass die Verwaltung dieses Gesetz in der Praxis erprobt. Tatsächlich wird es jedoch selten genutzt. Für gewöhnlich arbeiten vor allem Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Dort sollen sie gemäß ihrer Eignung und Neigung beschäftigt werden. Dafür erhält die Werkstatt für Behinderte insbesondere von den Sozialhilfeträgern monatlich Geld (etwa 1.300 Euro/Person).

Will ein Mensch mit Behinderung nicht in einer Werkstatt arbeiten, kann er ein „Persönliches Budget zur Teilhabe am Arbeitsleben“ beantragen. Das Geld, das sonst die Werkstatt für ihn bekommt, erhält er (bzw. sein gesetzlicher Vertreter) als Persönliches Budget direkt ausbezahlt. Dadurch werden Menschen mit Behinderung selbst zu Auftraggebern und können ihren Arbeitsplatz frei wählen.

Zu viele Hürden

In der Praxis befindet sich hier ein Spannungsfeld. Den Werkstätten droht ein wirtschaftlicher Ausfall, den Verwaltungen mehr Arbeit, wenn sie Menschen mit Behinderung bestmöglich beraten. Die betreffende Verwaltung, der Landschaftsverband Rheinland (LVR), zeigt über Jahre wenig Neigung, grünes Licht für ein Persönliches Budget zu geben, obwohl die Voraussetzungen vorliegen. Der LVR ist der größte Leistungsträger für Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Auch die Werkstatt sperrt sich. Erst durch Frau Günther-Greenes hartnäckige Recherche wurden in dem gezeigten Fall die bürokratischen Hürden überwunden: Das Persönliche Budget wurde schließlich gewährt.

„Frau Günther-Greenes Engagement steht beispielhaft für einen notwendigen Beitrag unternehmerischer Menschen zur Bürokratie-Therapie“, so Stiftungsvorstand Till Bartelt. Renate Günther-Greene habe in ihrem Film geschickt und mit viel Herzblut das schablonenhafte Verhalten einer von über tausend „verselbstständigten Bürokratien“ in Deutschland aufgedeckt und eindrucksvoll gezeigt, dass sich derartige Widerstände überwinden lassen.

„Behindert. Was darf ich werden?“: WDR mediathek
Zur website der Preisträgerin: www.menschentaucher.de

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1 Kommentar

  • Michael Ziegert

    Ich finde es sehr erfreulich, wenn Journalisten sich mit diesen Themen beschäftigen. Das Verhalten des Franz-Sales-Hauses ist tatsächlich unbegreiflich.
    Was ich allerdings bedauerlich fand: Es gibt eine ganze Reihe von Detail-Fehlern in der Recherche. Aber schlimmer: Es könnte Außenstehenden so erscheinen, als würde es sich nicht um einen Einzelfall handeln, sondern als würden alle Einrichtungen und Werkstattbetriebe ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an sich ketten – und das ist definitiv falsch. Die Arbeit, die in WfbM geleistet wird, ist unschätzbar wichtig, und ein wesentlicher Teil zur Inklusion von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft.

    10. Mai 2012 at 17:13

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