Reservekanzler: Wird jetzt ein Rollstuhlfahrer Deutschland-Chef?

Flüchtlingskrise und schlechte Umfragen für die Union: Wolfgang Schäuble wird schon mal als möglicher Nachfolger von Angela Merkel gehandelt. Von André Stahl

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) verlässt eine Pressekonferenz im Bundesfinanzministerium in Berlin (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) verlässt eine Pressekonferenz im Bundesfinanzministerium in Berlin (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Es war wohl als Witz gedacht. Als Wolfgang Schäuble kürzlich gefragt wurde, ob er sich das Kanzleramt zutraue, verwies er schmunzelnd auf Konrad Adenauer. Der sei schließlich mit 73 Jahren zum ersten Mal Bundeskanzler geworden. Das ist genau das Alter, das Schäuble gerade hat.

Es war einer dieser typischen Schäuble-Sätze – eine ironische Bemerkung mit vieldeutiger Ansage. Mal sind es verwirrende, mit historischen Vergleichen und allerlei Anekdoten verpackte und hingenuschelte Endlossätze. Mal aber auch scharf formulierte Worte. Auch deshalb wird der Machtmensch, der seit mehr als vier Jahrzehnten im Bundestag sitzt, häufig als Sphinx beschrieben.

Viele fragen sich dieser Tage: Steht der amtierende, sonst stets loyale Finanzminister noch an der Seite der mit einem rasanten Autoritätsverlust kämpfenden Kanzlerin? Oder bereitet er sich still und leise darauf vor, Angela Merkel im Fall der Fälle abzulösen?

Sturz Merkels nicht mehr ausgeschlossen

Unter Verschwörungstheoretikern gilt Schäuble als zentraler Akteur. Erst die Differenzen in der Griechenland-Krise, nun der Widerspruch in der Flüchtlingskrise.

Der wichtigste Minister im schwarz-roten Kabinett vertritt andere Positionen und versucht nicht einmal, Differenzen zu kaschieren. In einer für die Bundesrepublik äußerst schwierigen politischen Lage scheint Schäuble – der ewige Zweite – noch einmal einen Höhepunkt seiner Karriere zu erleben.

Die Lage für die Union ist ernst – „dramatisch“ geradezu, wie Schäuble es selbst formuliert. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab und damit auch der Absturz der Unionsparteien in Umfragen. Noch vor drei Monaten galt Merkel als unangefochten, die Union kam sogar in die Nähe einer absoluten Mehrheit. Jetzt scheint ein Sturz Merkels nicht mehr ausgeschlossen. Das Unionslager ist verstört.

Er wollte es unbedingt loswerden

CDU-Trio: Wolfgang Schäuble (l.) stellte sich vor Innenminister Thomas de Maizière (r.) – ein Angriff  auf Bundeskanzlerin Angela Merkel? (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

CDU-Trio: Wolfgang Schäuble (l.) stellte sich vor Innenminister Thomas de Maizière (r.) – ein Angriff auf Bundeskanzlerin Angela Merkel? (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Schäuble scheint die Stimmung besser einzufangen als seine Chefin. In der Flüchtlingskrise hat er lange geschwiegen, in der Fraktion hielt er sich zurück. Am Sonntag dann stellte er sich hinter Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der einen niedrigeren Flüchtlingsstatus für Syrer will. Das musste in dem Fernsehinterview aus Schäuble – der selbst einmal das Innenressort leitete – nicht herausgekitzelt werden. Er wollte es unbedingt loswerden.

Nun ist häufig von Putsch die Rede. So aber tickt Schäuble nicht, auch wenn der einstige Beinahe-Kanzler und Fast-Bundespräsident mit Merkel noch die eine oder andere offene Rechnung hat. Schäuble will einen anderen Kurs, aber Merkel nicht stürzen, so heißt es in seinem Umfeld. Sehr wohl aber stünde er notfalls bereit. Schäuble hält sich für alle Ämter gerüstet und fähig, jederzeit im Kanzleramt einzuspringen – wenn gewünscht.

Der Mann aus dem Badischen gibt sich stets als disziplinierter Staatsdiener. Der Jurist, der nach einem Attentat seit 25 Jahren im Rollstuhl sitzt, baut sich nicht laut polternd als Gegenpol zur Kanzlerin auf wie CSU-Chef Horst Seehofer. Er wird jedenfalls nicht der Königsmörder sein. Aber natürlich nimmt Schäuble zur Kenntnis, dass er von vielen in der CDU als möglicher Nachfolger Merkels gehandelt wird, der in der Flüchtlingskrise harte Kante und die Bundesregierung wieder auf Kurs bringen könnte.

Die Versäumnisse der Merkel-Jahre

In der Krise werden auch andere Versäumnisse der Merkel-Jahre sichtbar – etwa fehlende Investitionen in den Wohnungsbau, ins Bildungswesen, in die Infrastruktur oder den digitalen Ausbau. Die wirtschaftlich guten Zeiten wurden nicht genutzt für durchgreifende Reformen. Schäuble lässt immer mal durchblicken, dass er sich mehr gewünscht hätte, aber nun mal nicht die Richtlinienkompetenz habe.

Wie schon in der Euro- und Griechenlandkrise gilt Schäuble als konservativer als Merkel. In der CDU wird er bewundert für seine Schachzüge und seine Härte. Als erster Finanzminister seit mehr als vier Jahrzehnten schaffte er einen Haushalt ohne neue Schulden. Mit seinen Gedankenspielen über einen Euro-Austritt Griechenlands – den „Grexit auf Zeit“ – und seiner unnachgiebigen Haltung gegenüber der Athener Regierung war der Finanzminister sogar beliebter als die langjährige Umfragekönigin Merkel.

Schäuble beliebter denn je

Für Schäuble dürfte das eine späte Genugtuung gewesen sein nach vielen Enttäuschungen. Er wurde nicht Kanzler, weil Helmut Kohl ihn wieder fallen ließ. In der Spendenaffäre brachte Merkel ihn um den Parteivorsitz. Dann machte sie nicht ihn zum Bundespräsidenten, sondern den damals völlig unbekannten Horst Köhler. Schäuble war als Spitzenkandidat der Berliner CDU im Gespräch, auch als EU-Kommissar sowie als Chef der Eurogruppe.

Neun Jahre führte er die Unionsfraktion im Bundestag, eine Zeit lang auch die CDU. Zu Angela Merkel hat er ein besonderes Verhältnis. Er war mal ihr Chef, jetzt ist sie seine Chefin. Das aufeinander angewiesene Duo schätzt und respektiert sich. Beide gehen auch mal zusammen ins Kino. Duzfreunde sind sie aber immer noch nicht.

In der Griechenlandkrise konnte Schäuble sogar mit seinem Rücktritt kokettieren. Denn er weiß, dass Merkel – die Nummer eins – ihn – die offizielle Nummer zwei – nicht gehen lassen oder rauswerfen kann. Schäuble weiß um seine Macht, kann dies aber stets gut verbergen. Putsch-Gerüchte wird er auf seine Art als Unsinn abtun, als Quatsch. Er genießt aber den Respekt und die parteiübergreifende Akzeptanz, die er hat – wie ein Bundespräsident.

(dpa)

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4 Kommentare

  • Klaus-Peter Drechsel

    11. November um 00:47

    die Frage ist bescheuert. Keine Kanzlerin ist „Deutschland-Chef“. Was steckt da für ein Demokratie-Verstand dahinter? Gruselig!

    10. November 2015 at 00:47
  • Andrea B.

    Warum nicht? Bundeskanzler müssen in der Regel nicht auf Bäume klettern. Insofern könnte er diesen Job ausführen. Und falls er doch auf einen Baum müssen sollte, ist er intelligent genug, auch hierfür eine Lösung zu finden.

    10. November 2015 at 23:15
  • Daniel Horneber

    was soll dieser Titel das suggeriert Hoffnung für behinderte Menschen. die echt nicht zu erwarten ist bei dem

    10. November 2015 at 23:54
  • dasuxullebt

    DER hat uns jetzt noch gefehlt.

    (Auch: Dass ausgerechnet hier ein „Behindertenbonus“ bei solch wichtigen Posten vergeben wird, ist zynisch.)

    11. November 2015 at 00:56

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