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Revolution auf dem Pharmamarkt: Jetzt geht es um Milliarden

Erstmals kommen die wichtigsten Medikamente auf den Prüfstand. Die Hersteller warnen vor Rationierung. Doch der für die Überprüfungen Verantwortliche drückt selbstbewusst aufs Tempo. Von Basil Wegener

Galt früher als Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der sich gut in Szene zu setzen weiß: Josef Hecken (Foto: dpa)

Galt früher als Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der sich gut in Szene zu setzen weiß: Josef Hecken (Foto: dpa)

Die Revolution auf dem Pillenmarkt bereitet Josef Hecken akribisch vor. Der ehemalige saarländische Gesundheitsminister mit CDU-Parteibuch und Ex-Familienstaatssekretär ist die derzeit von den großen Pharmakonzernen wohl am meisten gefürchtete Person in Deutschland. Denn Hecken stellt die umsatzstärksten Arzneimittel auf den Prüfstand.

Dafür sitzt der durchsetzungsstarke 53-Jährige als unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken an der zentralen Schaltstelle des deutschen Gesundheitswesens.

Das ist der G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss):

Mächtiges Gremium im Gesundheitswesen

Der Gesetzgeber baut die zentrale Stellung des Gemeinsamen Bundesausschusses immer weiter aus. Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen, der Ärzte und Kliniken entscheiden über die Kassenleistungen für die 70 Millionen Versicherten, über die Arbeit in Kliniken und Praxen, über die Zahl der Praxissitze von Ärzten in Deutschland und vieles mehr.

Der Bundesausschuss entscheidet über Fortbildungspflichten, bewertet Arzneimittel, trifft Regelungen zu Schutzimpfungen, zur Hygiene in Kliniken und zu Mindestzahlen bestimmter Behandlungen.

Der Ausschuss hat 13 Mitglieder: drei Unparteiische, fünf Vertreter der Kassen und fünf Vertreter von Ärzten, Zahnärzten und Krankenhäusern. Darüber hinaus nehmen an den vielfach öffentlichen Sitzungen Patientenvertreter ohne Stimmrecht teil. Der unparteiische Vorsitzende des 2004 gegründeten Ausschusses ist seit dem 1. Juli 2012 Josef Hecken. Er war zuvor Staatssekretär im Bundesfamilienministerium.

14 Milliarden Euro schwerer Markt

In der Auseinandersetzung, in die Hecken derzeit zieht, geht es um insgesamt 14 Milliarden Euro. So viel Jahresumsatz machten die Arzneimittelhersteller zuletzt mit ihren noch unter Patentschutz stehenden, aber schon länger angebotenen Präparaten für die Volkskrankheiten von Millionen Patienten.

Umsatzsteuer, Großhandels- und Apothekenzuschläge sowie Rabatte herausgerechnet, lag der Umsatz laut Verband forschender Arzneimittelhersteller noch bei 8 Milliarden Euro. Jetzt werden die ersten dieser breit angewendeten Mittel neu bewertet.

Jetzt wird es ernst

Alle bisherigen Pillenbewertungen des G-BA erscheinen dagegen nur als Vorgeplänkel. Seit dem Start der den Verfahren zugrundeliegenden schwarz-gelben Arzneireform AMNOG 2011 werden neue Präparate auf ihren Zusatznutzen gegenüber den bisher gültigen Standardtherapien geprüft. Jetzt legt Hecken eine Bilanz vor.

Von 37 überprüften Mitteln erkannte der Ausschuss in 65 Prozent der Fälle einen Mehrwert der neuen Mittel an, wenn auch nur in sieben Fällen einen beträchtlichen. „Dies ist ein Beleg dafür, dass der G-BA fair bewertet und echte Innovationen nicht kaputtgeprüft“, sagt Hecken.

Die bisherige Bilanz

Zwei von drei neuen Arzneimitteln gegen schwere Krankheiten helfen den Patienten laut offizieller Prüfung mehr als die bisher gängigen Medikamente. Doch die Bescheinigung eines wirklich beträchtlichen Zusatznutzens verfehlten die allermeisten dieser Präparate gegen Krebs, Bluthochdruck, Diabetes und andere Leiden.

Doch wer den Machertyp und Vielraucher in seinem Büro im eigentlich ruhigen Berliner Bezirk Tiergarten schon erlebt hat, weiß: Dem Mann geht es nicht um Rückschau. Hecken übt sich schon einmal in Vorwärtsverteidigung und wirbt für die kommenden Arzneibewertungen um Vertrauen.

Viele Medikamente auf dem Prüfstand

Der Startschuss fällt mit dem Schmerzmittel Tapentadol sowie Medikamenten gegen Osteoporose, Mitteln zur Schlaganfallprophylaxe sowie Prophylaxe tiefer Venenthrombosen, mit Antidiabetika und Antidepressiva sowie Arthritis-Präparaten.

Die Beurteilungen des Bundesausschusses könnten den Markt umkrempeln. Wenn die Bewertung eines Topmedikaments nicht so positiv ausfällt, wie das tausende verordnende Ärzte vielleicht erwarten, könnten sie mit ihren Rezepten künftig auf andere Mittel ausweichen.

Vor allem aber: Der eigentliche Zweck der Bewertungen sind
Preisverhandlungen der Hersteller mit dem Spitzenverband der Krankenkassen. Nur was mehr bringt als frühere Standardtherapien soll künftig auch mehr kosten. Die Bundesregierung erhofft sich Milliardeneinsparungen.

Arzneimittelhersteller wehren sich

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) argumentiert schon aufgrund der bisherigen Bewertungen: Fair seien die Verfahren nicht, das Ziel sei es, den Medikamenten nur für so wenige Patienten wie möglich einen Zusatznutzen zuzubilligen.

vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer schreckt vor einer drastischer Warnung nicht zurück: „Zugespitzt heißt das: Hier zeichnet sich eine verdeckte Rationierung ab!“

Pharmakritiker bemängeln hingegen seit Jahren, die Konzerne brächten teure Mittel auf den Markt, die oft nur geringfügig anders seien als bisherige – oder die anfangs mangels breiter Erfahrung sogar schaden könnten.

Nach der Bundestagswahl alles wieder anders?

Nun können sich die Gewinne der Pharmabranche mit teils guten zweistelligen Margen vor Steuern und Zinsen heute durchaus noch sehen lassen. Doch das Unbehagen der Branche über staatliche Regulierungen ist gewaltig.

Knickt die Politik noch ein, wenn der Druck der Industrie steigt? Vor der Bundestagswahl wohl nicht mehr, da ist man sich in der Szene einig. Die AMNOG-Arzneireform gilt als das erfolgreichste Gesetz, seitdem das Gesundheitsministerium von der FDP geführt wird.

Und entscheidende nächste Schritte folgen nach dem von Hecken vorgelegten Fahrplan auch erst im Spätherbst. Nach der Wahl. Dann müssen die Hersteller Berichte zu den Mitteln vorlegen, die zur Bewertung aufgerufen werden.

Und wohl dann folgt auch erst die Ansage, welche Präparate als nächstes drankommen. Doch Kenner der Branche hegen Zweifel, ob eine neue Bundesregierung an den recht rigiden, aber auch raffinierten Prüfregeln festhält.

(RP/dpa)

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