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Rheinland-Pfalz stellt neues Konzept für Inklusion vor

Ab 2014/2015 soll das Schulwahlrecht für Eltern behinderter Kinder garantiert sein – doch auch in diesem Bundesland ist der Streit darüber voll entbrannt. Von Hanna Jochum

Bildungsministerin Doris Ahnen (Foto: dpa)

Rheinland-Pfalz will den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern weiter vorantreiben. Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) rechnet damit, dass bis 2016 rund 40 Prozent der behinderten Erst- bis Zehntklässler in ihrem Bundesland auf herkömmliche Schulen gehen. Etwa jedes vierte Kind mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf werde derzeit gemeinsam mit nicht-behinderten Klassenkameraden unterrichtet, sagte sie heute in Mainz.

Außerdem sollen Eltern vom Schuljahr 2014/2015 an einen rechtlichen Anspruch haben, ihr beeinträchtigtes Kind auf eine Regelschule zu schicken (Inklusion). Während die Grünen das Vorhaben unterstützen, stemmt sich die CDU dagegen.

Den Plänen der Landesregierung zufolge sollen die 255 Schwerpunktschulen, an denen behinderte mit nicht behinderten Klassenkameraden zusammen lernen, ausgebaut werden. Die Zahl der beeinträchtigten Kinder an herkömmlichen Schulen soll bis 2016 um rund 3.000 steigen. Das entspräche einer Quote von 40 Prozent .

Der gemeinsame Unterricht solle besonders von der ersten bis zur zehnten Klasse ausgebaut werden. Bis 2016 sollen dafür 200 Lehrerstellen geschaffen werden, erläuterte Ahnen. Derzeit seien etwa 16 Prozent der Schwerpunktschulen voll ausgelastet. Um ein flächendeckendes Angebot zu garantieren, könnten in den nächsten vier Jahren 50 neue hinzukommen.

Keine Bestandsgarantie für Förderschulen

Unterstützung sollen die Lehrer, Eltern und Schüler von ausgewählten Förderschulen erhalten, die zu „Förder- und Beratungszentren“ umgebaut werden sollen. Es sei zwar nicht geplant, eine der 138 Förderschulen zu schließen, eine Bestandsgarantie könne sie jedoch nicht geben, räumte die Ministerin ein. Beispielsweise sei eine Zusammenlegung möglich.

Den Angaben zufolge werden in diesem Schuljahr 14.800 Kinder und Jugendliche in Förderschulen unterrichtet. 3,8 Prozent aller Schüler. Dies sei im Bundesvergleich die zweitniedrigste Quote und ein Beleg für die gute Integration von behinderten Schülern, sagte Ahnen. Damit liege der Inklusionsanteil bei fast 25 Prozent, bundesweit habe er im vergangenen Schuljahr bei 22,3 Prozent gelegen.

Grünen attackieren CDU-Absage an freies Wahlrecht

Die CDU kritisierte das von der rot-grünen Landesregierung geplante uneingeschränkte Wahlrecht für Eltern harsch. Es müsse Schulen vorbehalten bleiben, behinderte Schüler abzulehnen, wenn sie nicht die nötigen Kapazitäten hätten, sagte CDU-Bildungsexpertin Bettina Dickes. Bereits heute gebe es zu wenig qualifizierte Förderlehrer. Dieses Problem werde verstärkt, wenn die Integrationsquote in Regelschulen um 15 Prozent steige, aber nur 200 neue Stellen vorgesehen seien.

Dickes: “Nur die Frage nach dem gemeinsamen Unterricht allein kann nicht reichen. Auch die Qualität muss stimmen.” Daher sollten Schulplätze erst vergeben werden, wenn die ausreichende Betreuung gesichert ist. Ein gewisses Netz an Förderschulen müsse dauerhaft erhalten und für Kinder erreichbar bleiben. “Nur dann haben Eltern eine echte Wahlfreiheit”, sagte Dickes.

Die Grünen reagierten erbost auf die ablehnende Haltung der CDU. Erneut werde klar, dass die Partei den Eltern nicht das Recht zugestehen wolle, die für ihr Kind geeignete Schule zu wählen. Dabei wüssten Eltern am besten, welche Schule ihr Kind angemessen fördere, argumentierte Grünen-Bildungsexpertin Ruth Ratter. Jedes Kind habe ein Recht auf Förderung unabhängig von der Schulform, das nicht länger von „Ressourcenvorbehalten“ beschnitten werden dürfe.

Lehrerverbände dringen auf mehr qualifiziertes Personal

Derweil bewerteten Lehrerverbände und Bildungsgewerkschaften das Inklusionskonzept als einen Schritt in die richtige Richtung. Allerdings sei es ohne ausreichende Lehrerversorgung auch kein Masterplan, waren sich der Verband Bildung und Erziehung und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einig. 200 zusätzliche Lehrerstellen reichen ihrer Ansicht nach nicht aus, um die Integration behinderter Schüler umzusetzen.

Dagegen bemängelte der Verband Deutscher Realschullehrer, das Ministerium habe bei der Konzeptentwicklung die Praktiker übergangen. „Unseren Kindern – ob mit oder ohne Behinderung – ist nicht geholfen, wenn aus Mainz zwar schön formulierte Konzeptpapiere und ambitionierte Zielformulierungen kommen, aber die hierfür erforderliche Unterstützung ausbleibt“, kritisierte Landesverbandschef Bernd Karst.

Auch in Nordrhein-Westfalen war es jüngst, wie ROLLINGPLANET berichtete, zu einem heftigen Streit über die inklusive Schule gekommen.

(dapd/dpa)

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