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Robert Hartings Sportlotto-Revolution

Mehr als drei Mal so viel Geld als bisher: Wie der Olympiasieger auch Behindertensportlern bisher ungeahnte Finanzquellen eröffnen will.

Diskuswerfer Robert Harting (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Diskuswerfer Robert Harting (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Als der Modedesigner und Filmregisseur Willy Bogner im September von der Sporthilfe für sein Lebenswerk mit der „Goldenen Sportpyramide“ ausgezeichnet wurde, verdoppelte er das Preisgeld in Höhe von 25.000 auf 50.000 Euro und spendete es paralympischen Spitzensportlern.

„Ich möchte damit meinen Respekt vor den besonderen, mitreißenden Leistungen von Sportlern aus dem Deutschen Behindertensportverband deutlich machen. Was diese Athleten mit Handicap zeigen, beeindruckt mich und viele Menschen und ist eine Ermutigung für unsere Gesellschaft“, sagte Bogner.

Vor einigen Tagen gab die DFB-Stiftung Egidius Braun bekannt, dass sie bis zu 25 aussichtsreiche Paralympics-Kandidaten für die Spiele 2016 Rio de Janeiro mit jährlich 2000 Euro unterstützt.

Fast ein Entwicklungsland

Alles Peanuts? Das könnte sich ändern. Mit einer Sportlotterie will Diskus-Olympiasieger Robert Harting die Spitzenathleten in Deutschland besser fördern – und zwar auch jene mit Behinderung. Der Berliner stellte in der „Bild am Sonntag“ sein mehrfach angekündigtes Fördersystem vor, das im Frühjahr starten soll.

„Die Zahl unserer Sportler hat sich seit der Wiedervereinigung verdoppelt, die Anzahl der Medaillen aber halbiert. Wir sind in der Sportförderung auf dem Weg zum Entwicklungsland. Darum handeln wir“, erklärte der dreifache Weltmeister und kündigte an: „Wir wollen langfristig erreichen, dass die Topsportler statt 300 Euro auf 1000 Euro Förderung monatlich kommen.“

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe beziehungsweise deren Wirtschaftstochter Deutsche Sporthilfe GmbH ist Teilhaber der Deutschen Sportlotterie. Aus dem Hause des bisherigen Hauptförderers des Sports in Frankfurt/Main hieß es, dies sei „eine kreative und aussichtsreiche Idee“.

Heute wurde Webseite online geschaltet

Eines der Fotos auf der neuen Sportlotterie-Webseite

Eines der Fotos auf der neuen Sportlotterie-Webseite

Am Sonntag wurde im Internet die Homepage www.deutsche-sportlotterie.de freigeschaltet. Ein prägnantes Foto (siehe oben) auf der Startseite verdeutlicht, dass es nicht nur um Nichtbehinderten-, sondern auch um Behindertensportler gehen soll. Gesellschafter sind neben der Sporthilfe die Lotterie-Treuhandgesellschaft mbH Hessen, die Torsten Toeller Holding GmbH (Tiernahrung) und der Krefelder Unternehmer Gerald Wagener (Nahrungsmittel).

„Ich finde es großartig, dass es jetzt eine private Initiative gibt, die zusammen mit der Sporthilfe die Randsportarten in Deutschland nach vorne bringt“, sagte Dirk Nowitzki. Der Basketball-Superstar, zusammen mit Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel der Einnahmekrösus unter den aktiven deutschen Sportlern, ist allerdings nicht auf irgendwelche Fördersysteme angewiesen.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gibt sich abwartend. DOSB-Generaldirektor Michael Vesper sagte der „Rheinischen Post“: „Der DOSB steht der Idee aufgeschlossen gegenüber und hat auch eine Option, sich nach deren Genehmigung an der Sportlotterie zu beteiligen.“ Vesper verwies darauf, dass Sportvereine und Sportverbände bislang schon in hohem Maße von den Erträgen aus Glücksspielen profitieren.

„Jammern bringt nichts, Probleme selbst lösen“

In Großbritannien gibt es bereits eine nationale Sportlotterie, die mit für die vielen Erfolge der Athleten bei den Olympischen Spielen in London 2012 gesorgt hatte. Für einen Einsatz von 2,50 Euro kann nach Hartings Plänen im Internet ein Tippschein ausgefüllt und bis zu 250.000 Euro gewonnen werden. Von jedem Euro gingen mindestens 30 Cent an die Athletenförderung, 40 Cent in den Topf, aus dem die Gewinne ausgeschüttet werden. Der Rest gehe für Steuern und Verwaltungskosten drauf.

Statt auf Zahlen wird auf die Reihenfolge von olympischen Farben gewettet, auf Sportarten und Medaillen. Das Modell soll eine Ergänzung zur Sporthilfe sein. „Die Sportförderung in Deutschland ist beschämend niedrig“, sagte Harting. „Jammern bringt aber nichts. Wir lösen unsere Probleme jetzt selbst.“

Scharfe Kritik am Fördersystem und an Thomas Bach

Der 28-Jährige hatte nach den Sommerspielen von London massiv das nationale Fördersystem kritisiert und auch Thomas Bach angegriffen, den damaligen Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und neuen Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Sein Konzept soll eine Alternative zum gängigen System werden „und auch zusätzlich wirken“. Dies hatte Harting am Rande der Leichtathletik-Weltmeisterschaften im August in Moskau angekündigt.

Die neue Sportlotterie fördert „ Athletinnen und Athleten, die sich auf Spitzenleistungen bei den Spielen vorbereiten, bei internationalen Wettkämpfen für die Bundesrepublik Deutschland auftreten und national als Motivatoren für Breitensportler wirken“, so die Erklärung. Gefördert werde auch die Arbeit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), die derzeit wieder mal in großen finanziellen Nöten steckt.

Harting für Behindertensportler

Gespräche mit Premium-Unternehmen der deutschen Wirtschaft stünden vor dem Abschluss, hieß es auf der Homepage der Sportlotterie. Man werde den olympischen und paralympischen Sport finanziell unterstützen. Tatsächlich hat Harting sich auch immer wieder für Paralympicsathleten eingesetzt.

Robert Harting zerreißt nach seinem Olympiasieg  vor Freude sein Trikot (Foto: dpa/Marius Becker)

Robert Harting zerreißt nach seinem Olympiasieg vor Freude sein Trikot (Foto: dpa/Marius Becker)

So versteigerte der Olympiasieger im Januar seine Teambekleidung von London 2012 zugunsten des Berliner Schwimmteams um Daniela Schulte.

„Er gibt sein letztes Hemd“ hieß die Aktion, die Harting anstieß, als er einen Monat zuvor bei der Gala zur Berliner Sportlerwahl des Jahres die blinde Weltklasse-Schwimmerin Schulte (Fahnenträgerin bei den Paralympics 2012) getroffen hatte. Sie erzählte ihm, dass sie ihre Schwimmanzüge selbst bezahlt – der in Cottbus geborene Leichtathlet konnte dies zunächst gar nicht glauben.

V.l.n..r.: Raphael Holzdeppe Stabhochspringer, Sebastian Dietz (Paralympics-Diskuswerfer), Christina Obergföll (Speerwerferin), Ezekiel Kemboi (3000-m-Hindernis-Weltmeister) und Robert Harting (Diskuswerfer) posieren bei der Pressekonferenz zum Internationalen Stadionfest ISTAF (Foto: Michael Kappeler/dpa)

V.l.n..r.: Raphael Holzdeppe Stabhochspringer, Sebastian Dietz (Paralympics-Diskuswerfer), Christina Obergföll (Speerwerferin), Ezekiel Kemboi (3000-m-Hindernis-Weltmeister) und Robert Harting (Diskuswerfer) posieren bei der Pressekonferenz zum Internationalen Stadionfest ISTAF (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Zuletzt setze sich Harting im vorigen Monat für Inklusion ein, als er bei dem ISTAF ein Show-Diskus-Duell gegen den Paralympicssieger Sebastian Dietz bestritt. „Der Behindertensport hat einen schwierigen Stellenwert. Robert unterstützt mich, wo er kann. Ein solcher gemeinsamer Wettkampf mit nichtbehinderten Werfern ist eine Chance zu zeigen, dass der Behindertensport an Zugkraft gewinnt“, freute sich Dietz.

(dpa)

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