Robert Herberg: Große Klappe, aber auch viel dahinter

Der Special-Olympics-Teilnehmer ist einer der besten Dreiradfahrer Deutschlands. Martin Einsiedler hat ihn beobachtet.

Robert Herberg

(dapd) – Auf den Mund gefallen ist er nicht, und sein Selbstbewusstsein scheint grenzenlos. „Ich mag es, im Mittelpunkt zu stehen“, sagt er beim Fotoshooting. Er ist es auch nicht viel anders gewohnt. Seine Behinderung erfordert besondere Fürsorge und hat ihn ins Zentrum seines Umfeldes rücken lassen.

Im Mittelpunkt steht Robert Herberg zur Zeit auch, weil am Sonntag die Special Olympics National Games, die Spiele für Menschen mit geistiger Behinderung, in München beginnen (bis 26. Mai). Herberg ist einer der Favoriten im Dreirad – daran lässt er keinen Zweifel. „Vor ein paar Jahren hat mich mal jemand in Berlin besiegt“, erzählt er, „aber das ist lange her. Jetzt mache ich mir keine Sorgen, dass so etwas noch einmal vorkommt.“

Einer der Besten in seiner Klasse

Große Klappe, aber auch viel dahinter. Herberg gewann in seiner Disziplin 2008 bei den National Summer Games in Karlsruhe, zwei Jahre später holte er Gold in Bremen. Er ist unbestritten einer der besten Dreiradfahrer seiner Klasse in Deutschland.

Der Grund, weshalb er drei Räder zum Fahren braucht, liegt über 28 Jahre zurück. Das Leben eines gesunden Menschen lebte Herberg nicht lange. Nach einem Unfall im Alter von anderthalb Jahren trug er schwere Gehirnschäden davon. „Er konnte in den ersten Jahren nach dem Unfall nicht laufen, nicht einmal stehen“, erzählt Roberts Mutter. Die Geschichte von Robert Herberg ist, wie man gemeinhin sagen würde, „tragisch“, sie handelt aber auch von Fortschritten, die Menschen mit geistiger Behinderung mit der richtigen Förderung machen können. Herberg war 13 Jahre auf den Rollstuhl angewiesen. Dann machte er seine ersten Schritte, kurz darauf schon fuhr er zum ersten Mal Rad mit Stützrädern. Herberg hat gekämpft und viel gewonnen – Bewegungsfreiheit, ein Leben mit sportlichen Zielen.

Nun also bereitet er sich auf die am Sonntag beginnenden Spiele in München vor. Einmal in der Woche jagt Herberg gemeinsam mit dem Radsportteam der Lichtenberger Werkstatt für Behinderte und ihrem Trainer Rene Voigt über das Gelände des KEH-Krankenhauses in Berlin-Lichtenberg. Bei den Spielen in München wird er über die Sprintstrecken 100, 200 und 500 Meter an den Start gehen.

„Es geht darum, Spaß zu haben“

„Die Leistung steht nicht im Vordergrund“, sagt Voigt. „Es geht darum, Spaß zu haben.“ Neben ihm sitzt ein weiterer Schützling, Robert Isenheim, in München mit dem Zweirad am Start. Der packt, als wollte er das unterstreichen, zwei große Dosen aus seinem Rucksack. In der einen ist Tabak, in der anderen sind Filter. „Wenn Leistung die Zielorientierung wäre – damit würden die Jungs überhaupt nicht klarkommen“, sagt Horst Päthe, der Stiefvater von Robert Herberg.

Es ist oft ein schmaler Grat zwischen Antreiben und in Ruhe lassen, auf denen die Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung beruht. Bloß nicht zu viel Druck aufbauen, aber auch bloß nichts schleifen lassen. „Robert ist ehrgeizig, aber man muss ihn schon auch anspornen, dass er zum Beispiel rechtzeitig zur Arbeit geht“, erzählt Päthe. Herberg arbeitet von montags bis freitags im Papierrecycling der Behindertenwerkstatt. Er vernichtet brisante Dokumente unter anderem von Banken und Gerichten. Er tut das auch, weil er nicht lesen kann. Doch auch bei der Arbeit macht er Fortschritte. Vor wenigen Jahren noch wäre eine Beschäftigung an Maschinen wie jetzt undenkbar gewesen. Ob ihm die Arbeit Spaß macht? „Ja, aber heute habe ich gedacht: Wo ist das Bett, auf das ich mich legen kann“, sagt Herberg.

Blond ist gut

Während des Trainings ist er dagegen mehr als ausgeschlafen. „Energie“ steht auf dem T-Shirt von Herberg. Das scheint Programm zu sein. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Hobbys? Radfahren, Kanu, Laufen, auch Filme gucken, erzählt er. Am liebsten den Actionstreifen „The Fast and the Furious“. Und Ski fahren kann er auch. Er hat eine blonde Skilehrerin. „Blond ist gut“, findet er und grinst. Kurz darauf schwingt er sich aufs Rad. „Es sind harte Kerle und liebe Kinder. Beides gleichzeitig. Manchmal, wenn sie schlecht drauf sind, muss man sie streicheln, dann ist alles wieder in Ordnung“, sagt Horst Päthe.

Etwas später kommt Herberg ausgepowert um die Ecke gefahren. „Ich würde dich gerne auf ein Getränk einladen. Ich habe Geld“, sagt er zu Päthe. Der will es genauer wissen. „Jetzt? Welches Getränk?“ Robert Herberg sagt: „Ich würde dich jetzt sehr gerne auf einen Kaffee einladen.“ Päthe lacht ihn an, klopft ihm auf die Schulter und geht mit Robert einen Kaffee trinken.

Webseite: Special Olympics 2012

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