Roboter-Anzug soll Querschnittsgelähmte zum Gehen bringen

In Bochum ist heute das europaweit erste Zentrum für Neurorobotales Bewegungstraining (ZNB) eröffnet worden.


Im ZNB Bochum kommt der Roboter-Anzug HAL zum Einsatz, der Querschnittgelähmten mehr Eigenständigkeit ermöglichen soll. Der „Hybrid Assistive Limb“ (HAL) wurde von der japanischen Firma Cyberdyne entwickelt. Erfinder ist Prof. Yoshiyuki Sankai von der Universität Tsukuba, der auch Geschäftsfü̈hrer des Technikunternehmens ist.

Der sogenannte Cyborg-Type Roboter wird wie eine Rüstung angelegt und unterstützt die Bewegung von Gliedmaßen. Bereits seit dem vergangenen Jahr wird der Anzug im Bochumer Universitätsklinikum Bergmannsheil getestet. Im ZNB soll HAL nun zum Einsatz kommen, um den Bewegungsapparat gehbehinderter und gelähmter Menschen zu trainieren. Der Roboter-Anzug ist aber kein Heilmittel und auch nicht für alle Querschnittsgelähmten geeignet.

In Japan entwickelt

Monaten getestet. Einer von ihnen ist Philippe von Gliszynski. Der Architekt war im Winter 2010 beim Schneeschaufeln auf einem Dach durch eine Luke gestürzt und drei Meter tief gefallen. Seitdem ist er ab dem zwölften Brustwirbel gelähmt. In seinen Beinen, besonders im linken, hat er noch minimale Empfindungen. Nach einer Operation und den üblichen Reha-Maßnahmen war der 35-Jährige nach eigenen Angaben austherapiert.

„Für mich war zu diesem Zeitpunkt klar, dass sich mein Zustand nicht mehr verbessern wird.“ Umso freudiger und stolz zeigte Philippe von Gliszynski bei der Eröffnung des ZNB, welche Fortschritte er in kurzer Zeit gemacht hat – und dass er sich nun auch ohne Rollstuhl fortbewegen kann. Dank der japanischen Laufhilfe konnte der Architekt seine Selbstständigkeit erheblich steigern. Im Februar 2012 stoppten die Ärzte beim 10-Meter-Lauftest an einer Gehhilfe noch eine Zeit von 72 Sekunden. Im Juni brachte es von Gliszynski auf 26 Sekunden. Er läuft jetzt an einem Rollator und ohne Roboter weit über 1000 Meter.

Möglich macht das die Lernfähigkeit des Körpers. Denn der Roboter braucht die Hilfe des Patienten. Der trägt das 14 Kilogramm schwere Gerät und ist mit Sensoren verkabelt. Diese Kontakte auf der Haut liefern Impulse an den Roboter weiter, den zuvor das Gehirn in Richtung Beine geschickt hat. Der Roboter führt dann die Schritte aus, die wegen der zu schwachen Nervenreize und der zu schwachen Muskulatur vom Körper verweigert wurden. Ist das Training erfolgreich, übernimmt der Körper wieder die Funktion des Roboters.

Auch für Patienten mit spastischen Behinderungen

Professor Thomas Schildhauer: „Wir beobachten durch das Training mit dem Anzug eine deutlich gesteigerte Mobilität, einen intensiven Muskelaufbau und ein höheres Aktivitätsniveau.“ Der Ärztliche Direktor der Uniklinik Bergmannsheil schränkt aber ein: „Die zerstörten Nervenbahnen sind nicht verheilt. Und auch nicht für jeden Querschnittgelähmten ist das System geeignet.“ Aber auch Patienten mit spastischen Behinderungen sind eine mögliche Zielgruppe.

Das neue Zentrum ist angegliedert an das Universitätsklinikum Bergmannsheil. Nach der Testphase von HAL geht es jetzt in Bochum in die nächste Runde. Zuerst stehen fünf, später zehn Roboter bereit. Pro Woche müssen die Patienten an fünf Tagen zwei Stunden damit arbeiten.

Von Gliszynski hat als Bauleiter auf Baustellen gearbeitet. Das wird er nicht mehr können. Als Architekt aber will er weiter arbeiten. Das war vor einem halben Jahr für ihn noch unvorstellbar.

HAL ist nach Re-Walk aus Israel und dem Exoskelett von Ekso Bionics aus den USA der dritte Geh-Roboter, der in diesem Jahr in Deutschland vorgestellt wurde.

(RP/dpa)

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