„Rolle vorwärts“: Die neuen Freuden des jungen Samuel K.

Lohnt es sich wirklich, das neue Kochbuch zu lesen? ROLLINGPLANET-Redakteur Lothar Epe (Rollstuhlfahrer) hat es getan. Sein Urteil ist eindeutig.

Samuel Koch stellte am 28. September 2015, an seinem 28. Geburtstag, in Darmstadt sein neues Buch „Rolle vorwärts“ vor. (Foto: Valentin Gensch/dpa)

Samuel Koch stellte am 28. September 2015, an seinem 28. Geburtstag, in Darmstadt sein neues Buch „Rolle vorwärts“ vor. (Foto: Valentin Gensch/dpa)

Längst zum Lieblingsrollstuhlfahrer (aber für manch neidische Kollegen auf vier Rädern auch zum Unlieblingsrollstuhlfahrer) der Nation avanciert, ist Samuel Koch seit seinem Erstling „Zwei Leben“ ein Spitzenplatz im Buchbetrieb der Republik so schnell nicht mehr zu nehmen. Das 2012 erschienene Buch dominierte wochenlang die „Spiegel“-Bestsellerliste und wurde im selben Jahr mit dem Medienpreis „Goldener Kompass“ ausgezeichnet. Ob der Autor auch in Zukunft im Literatur-Oberhaus an der Spitze mitmischen darf, wird indes davon abhängen, ob sein neues Buch „Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter als man denkt“ an die Erfolge von „Zwei Leben“ nahtlos anknüpfen kann.

Im Dezember 2010 verunglückt der heute 28-jährige Samuel Koch vor den Augen einer ganzen Nation bei einer „Wetten dass…?“-Sendung in Düsseldorf schwer. Der damalige Stuntman und angehende Schauspieler springt damals dem Tod zwar buchstäblich von der Schippe, ist fortan aber vom Hals abwärts gelähmt. Für den bis dahin ambitionierten und erfolgreichen Sportler endet damit ein zufriedenes, erfülltes und vor Energie nur so strotzendes Leben abrupt.

Es beginnt ein Martyrium unvorstellbaren Ausmaßes mit kaum erträglichen körperlichen Schmerzen, zusätzlich erschwert durch psychische Probleme und Selbstzweifel. In einer Schweizer Rehabilitationsklinik quält sich Koch ein halbes Jahr lang zurück ins Leben. Wie es ihm in der Folge dennoch, wenn auch nur mühsam, gelingt, in so etwas wie Normalität zurück zu kehren: Darum geht es in Samuel Kochs neuem Buch „Rolle vorwärts. Das Leben geht länger als man denkt“, das gerade im Adeo-Verlag erschienen ist (ROLLINGPLANET berichtete).

Vorgestern in Paris: Samuel Koch mit seiner Verlobten  Sarah Elena Timpe, hinten Rocklegende Klaus Meine von den Scorpions (Foto: Privat)

Vorgestern in Paris: Samuel Koch mit seiner Verlobten Sarah Elena Timpe, hinten Rocklegende Klaus Meine von den Scorpions (Foto: Privat)

Die neue Fragestellung: Was geht noch?

Was ist Glück? Bin ich (noch) etwas wert? Was vermisse ich? Ist Gott ein Sadist? Wohin mit meinem Bewegungsdrang, der nach wie vor in meinem jetzt gelähmten Körper steckt? Was geht jetzt alles nicht mehr? All das sind Fragen, die den Autor nach seinem Unfall zunächst umtreiben. Die nach seiner Rückkehr aus dem künstlichen Koma hart und in einem langen Prozess erkämpften Antworten auf diese Fragen führen den jungen Samuel zunächst nur zur Erkenntnis, dass er sich bisher die falschen Fragen gestellt hat. Denn die alles entscheidende Frage lautet nun nicht mehr, was nicht mehr geht, sondern: Was geht noch?

Erst nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dieser Frage gelingt es dem Autor, nicht nur zu begreifen, dass in seinem neuen Leben noch eine ganze Menge geht. Ihm dämmert auch, dass noch ein langes und erfülltes Leben auf ihn warten könnte. Durch diese Zuversicht gestärkt begibt sich der Autor gleich auf die nächste Etappe seines mühsamen Weges der Erkenntnis, um auf allen weiteren Etappen erstaunliche Erfahrungen zu machen.

Auf ca. 230 Seiten und in annähernd 30 angenehm kurzen Kapiteln nimmt uns der Autor mit auf diese seine Reise. Das ist tiefgründig und hochphilosophisch, aber dennoch kurzweilig, wie auch Til Schweiger in seinem Vorwort zum Buch treffend feststellt. Und Gott Lob kommt der Autor dem Leser dabei weder professoral noch mit erhobenem Zeigefinger daher.

Der Schauspieler „ohne Körper“

Sehr detailliert und persönlich beschreibt der ehemalige Stuntman die Umstände, mit denen er sich auf seinem Weg zur Erkenntnis auseinandersetzen muss. So erzählt er dem Leser ausführlich von seinen Problemen in der schon vor dem Unfall begonnenen Ausbildung zum Schauspieler, die er in Hannover wieder aufnehmen kann, und wie ihm dabei sein gelähmter Körper ständig im Weg „steht“. Er ist der Schauspieler „ohne Körper“, eigentlich ein No-Go im Schauspielunterricht und auf der Bühne. Wir erfahren, dass Koch trotzdem seinen Abschluss als „Diplom-Schauspieler“ meistert, um gleich anschließend eine Festanstellung im Ensemble des Staatstheaters Darmstadt zu ergattern.

Endgültig in der Welt des Schauspiels angekommen, gelingt es ihm außerdem, ein Engagement in der populären ARD-Fernsehserie „Verbotene Liebe“ zu „ercasten“. Engagements für diverse Nebenrollen in erfolgreichen deutschen Kinoproduktionen kommen hinzu. Ein aktuelles Beispiel: Der Kinostreifen „Honig im Kopf“ von Til Schweiger, in dem Koch in einer Nebenrolle agiert. Aber Koch ist auch sozial engagiert. So berichtet er in seinem neuen Buch über seine zahlreichen Benefizaktionen. Und die Liste seines ehrenamtlichen Engagements ist lang und beeindruckend.

Kopf-Kino pur

Es sind aber vor allem die beschriebenen Begegnungen mit interessanten Menschen, die das Buch so spannend machen, darunter prominente Zeitgenossen wie etwa Til Schweiger oder Bundespräsident Joachim Gauck. Insbesondere beeindrucken aber solche mit Weggefährten aus dem persönlichen und beruflichen Umfeld des Autors: Menschen, die aus sich selbst heraus interessant sind oder es in der Begegnung mit dem Autor werden.

Der Autor nimmt, wie schon in seinem literarischen Erstling „Zwei Leben“, auch bei seinem zweiten Buch nicht für sich in Anspruch, ein begnadeter Schriftsteller zu sein. Das spricht für seine Bescheidenheit, vor allem aber für seine Professionalität. Denn schreibtechnische Unterstützung holt sich Koch bei dem renommierten und mehrfach ausgezeichneten Journalisten Titus Müller. Das tut dem Buch gut. Denn es gelingt dem Schreibprofi, die Gedanken und Erlebnisse des Autors so aufzuschreiben, dass Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Kopf-Kino pur, das Kochs neues Buch zu einem kurzweiligen und dennoch tiefgründigen Lesevergnügen werden lässt.

Für eingefleischte Koch-Fans

Angereichert mit einer in der Mitte des Buches eingefügten 24-seitigen Bilderstrecke, die den Autor in seinem privaten und beruflichen Umfeld abbildet, entsteht ein ergänzender Mehrwert, der vor allen für eingefleischte Samuel Koch-Fans interessant sein dürfte.

„Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter als man denkt“ ist ein kluges Buch geworden. Mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor und viel Gottvertrauen, im besten Sinne tiefgründig und ohne dabei den Zeigefinger bedrohlich zu erheben, nimmt Samuel Koch den Leser auf Augenhöhe zu einer Reise mit, die durch die Hölle geht, den Autor zur Erkenntnis führt und den Leser gleichermaßen unterhält und bereichert.

Samuel Koch Buch Rolle vorwartsLeseprobe: http://issuu.com/gerthmedien/docs/835071?e=1368115/30368390

„Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter als man denkt“ von Samuel Koch ist im Oktober im Adeo-Verlag erschienen, hat 220 Seiten und kostet 17,99 EUR (Hardcover, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86334-071-1)

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4 Kommentare

  • Andrea Bröker

    Was der für einen Reibach aus seinem Unfall macht, ist ja echt nicht mehr normal. Wäre seine blöde Wette glattgegangen, wäre er einfach nur ein junger, nichtssagender Mensch auf dieser Erde. Es mag böse klingen und man soll ja niemandem etwas böses und falsches unterstellen, aber irgendwie habe ich den Eindruck, das war alles so geplant.

    1. Dezember 2015 at 12:32
    • Anne

      Liebe Andrea Bröker,
      hörst du dir manchmal selbst zu? Ich kann nicht glauben, dass du hier jemandem ernsthaft unterstellst, einen Unfall mit vierfachem Genickbruch (eigentlich ziemlich tödlich) und eine daraus folgende Tetraplegie absichtlich herbeigeführt zu haben, um „Reibach“ damit zu machen. Entweder hast du schlichtweg null Ahnung, was das bedeutet (und schon überhaupt für einen absoluten Bewegungsmenschen), oder du bist so empathisch wie ein Eiswürfel. Oder beides? Na, jedenfalls fröstelt es mich. Ebenfalls keine Ahnung hast du offensichtlich davon, wieviel ein Autor an einem Buch verdient, nämlich rund 7 % des Ladenverkaufspreises. Kannst dir ja mal ausrechnen, wieviel das ist. Wenn man „Reibach“ machen will, schreibt man ganz sicher kein Buch. Es gab auch keine horrenden Abfindungssummen vom ZDF oder sonstwas. Samuel verdient sich sein Geld als Schauspieler am Staatstheater in Darmstadt , und vermutlich würde er genau das auch machen, wenn die Wette damals glatt gegangen wäre. Eins wäre er aber ganz sicher nicht: nichtssagend. Weil er auch als komplett Gelähmter noch mehr Gefühl und Grips hat als so einige Leute, die vor lauter Neid anscheinend innerlich erstickt sind.

      1. Dezember 2015 at 18:09
  • Dodo von Da

    Das ist schon ein abgefahrener Gedanke……..aber, warum soll er nicht das Beste aus der Situation machen? Niemand wird gezwungen, sich mit ihm zu beschäftigen.

    1. Dezember 2015 at 15:01
  • Kaddyatou

    Samuel Koch sagte einmal, das er überhaupt nicht gerne im Mittelpunkt steht. Doch leider hat sein Unfall zur besten Sendezeit, ihn zu einer öffentlichen Person gemacht. Viele Wetten dass Zuschauer haben Fragen an Samuel Koch und erwarten das er sie beantwortet. Diese Wißbegierde kann man am besten mit einem Buch beantwortet werden. Ich habe Samuel Kochs Bücher gelesen. Er macht das ziemlich gut. Ohne sich sebst auf die Schulter zu klopfen oder über sein Schicksal zu jammern, schildert Samuel Koch sehr zurückhaltend, wie es ist mit seiner Behindeung zu leben. Was ist daran verwerlich? Andere Rollifahrer (z. B. machen das doch auch.

    1. Dezember 2015 at 16:44

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