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ROLLINGPLANET mit Lautsprecherdurchsage: Last Call für AirBerlin

Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft soll nicht rumeiern, sondern Bordrollstühle für Kurz- und Mittelstrecken bereitstellen.

Flugzeuge der Air Berlin am Flughafen Berlin-Tegel (Foto: AirBerlin)

Flugzeuge der Air Berlin am Flughafen Berlin-Tegel (Foto: AirBerlin)

Wenn Passagiere am Flughafen bummeln und nicht rechtzeitig in ihrem Flieger auftauchen, gibt es einen sogenannten Last Call, der den Kunden daran erinnert, dass er sich ein wenig beeilen muss. So eine Lautsprecherdurchsage machen wir heute auch mal.

AirBerlin, Deutschlands zweitgrößtes Flugunternehmen, hat der Rollstuhlfahrerin Marianne Kunert, die am 7. Januar für ihren Mann und Sohn eine Reise von Berlin nach Mallorca buchen wollte, einen Bordrollstuhl verweigert. Im Gegensatz zu Lufthansa und Condor verzichtet AirBerlin bei sogenannten Kurz- und Mittelstrecken auf dieses Hilfsmittel für Menschen, die nicht gehen können.

Als sich Kunerts Reisebüro bei AirBerlin erkundigte, was ihre Kundin – die zwar nicht inkontinent ist, aber eben nicht laufen kann – tun solle, wenn sie während des Flugs auf Toilette müsse, wurde ihr beschieden: „Es tut mir sehr leid, aber da muss die Kundin vorsorgen und Windeln tragen.“

Kein Einzelfall bei AirBerlin

Nicht das erste Mal, dass AirBerlin einen Menschen mit Behinderung diskriminierte. Für ROLLINGPLANET war dies Anfang März Anlass, über die Vorfälle zu berichten und zu einer Protestaktion aufzurufen: Schicken Sie Ihre volle Windel (oder Unterwäsche) an AirBerlin!

Gleichzeitig bat ROLLINGPLANET die Fluggesellschaft um Aufklärung und Stellungnahme. Zunächst kam gar keine Reaktion. Nachdem wir nicht locker ließen, hieß es, der Vorfall sei nicht bekannt, man müsse sich schlau müssen. ROLLINGPLANET half weiter und vermittelte den Kontakt zwischen AirBerlin und Kunert, die sich bereits im Januar beim Vorstandsvorsitzenden der AirBerlin beschwert hatte. Auch fast vier Monate nach der Windelempfehlung für Kunert sieht sich die Gesellschaft nicht in der Lage, vollständig folgende Fragen zu beantworten, die ROLLINGPLANET stellte – und die sich wohl auch viele Reisende mit einer Behinderung (und auch solche, die keine haben) stellen:

„1. Trifft der von uns im Fall von Frau Kunert beschriebene Sachverhalt zu?
2. Wird sich Ihr Unternehmen hierfür entschuldigen?
3. Wird es eine Entschädigung geben?
4. Wird es personelle Konsequenzen für die von Ihrem Unternehmen beteiligten Mitarbeiter/innen geben?
5. Es hat von behinderten Menschen offensichtlich bereits mehrere Beschwerden wegen Diskriminierung seitens von AirBerlin gegeben. Wird Ihr Unternehmen diesbezüglich Konsequenzen unternehmen?
6. Plant AirBerlin, Bordrollstühle anzuschaffen und zu gewährleisten, dass auf allen Flügen Bordrollstühle zur Verfügung gestellt werden?“

Nachdem wir erneut nachhakten, erhielten wir gestern endlich eine Mail mit zahlreichen Phrasen – immerhin wurde der Vorfall erstmals bestätigt:

„Wir stehen mit Frau Kunert in einem engen und guten Kontakt und haben mit ihr in verschiedenen Gesprächen die Thematik besprochen. Selbstverständlich hat sich airberlin bei Frau Kunert für die Unannehmlichkeiten entschuldigt.

airberlin nimmt jeden Vorfall im Umgang mit Passagieren mit eingeschränkter Mobilität sehr ernst und nimmt diese außerdem zum Anlass alle Prozesse auf den Prüfstand zu stellen. In unserem Hause wurde mittlerweile eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich um die Bereitstellung von Onboard-Rollstühlen auf der Kurz- und Mittelstrecke befasst. Diese sollen in Kürze im gesamten airberlin Streckennetz auf der Kurz- und Mittelstrecke zur Verfügung stehen.

Erlauben Sie mir noch den Hinweis, dass wir ob Ihrer Vorgehensweise, insbesondere dem Aufruf, unserem Unternehmen benutzte Windeln zu schicken, erstaunt sind. Dies entspricht nicht unserer Auffassung einer professionellen Zusammenarbeit. Als zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft ist uns die Inklusion von Menschen mit eingeschränkter Mobilität ein besonderes Anliegen. Wir arbeiten stetig daran, dass die Barrierefreiheit auch im Luftverkehr immer besser wird und hoffen sehr, dass wir bei künftigen Anfragen von Ihnen auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit setzen können.“

Vertrauensvolle Zusammenarbeit? ROLLINGPLANET ist kein Geschäftspartner von AirBerlin, sondern ein journalistisch unabhängiges Magazin. Deswegen haben wir gestern geantwortet:

„Leider haben Sie wie schon zu Beginn unserer Korrespondenz nicht alle unsere Fragen beantwortet.

Erlauben Sie uns unsererseits einen Hinweis. Dass Sie unsere Aktion ,Windeln für AirBerlin‘ erstaunt, können wir nachvollziehen. Dies liegt aber möglicherweise auch daran, dass Menschen mit Behinderung Diskriminierungen im Alltag – wie auch in Ihrem Fall offensichtlich geschehen -, oft klaglos hinnehmen – im Gegensatz zu ROLLINGPLANET und der betroffenen Dame –, und Sie deshalb unser deutlicher Protest überraschen muss. Gerne haben wir jedoch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Ihnen. Teilen Sie uns deshalb mit, wenn AirBerlin bei allen Kurz- und Mittelstrecken Onboard-Rollstühle anbietet. Danach nehmen wir selbstverständlich die Aktion von unserer Startseite.“

Nicht Worte zählen, sondern Taten

Und so werden wir das nun auch handhaben: Unsere Protestaktion werden wir auf unserer Startseite zeigen, bis „in Kürze“ die Bordrollstühle da sind. Und wenn es 100 Jahre dauert. Versprochen.

Widerstand hilft, auch wenn ROLLINGPLANET kein Massenmedium ist. Als wir im August 2012 darüber berichteten, wie Penny einen blinden Kunden wegen seines Blindenführhundes diskriminierte, hat dies im Web für so viel Protest gesorgt, dass Penny als erster Supermarkt in Deutschland auf seiner Internetseite ausdrücklich garantierte, dass blinde Menschen mit ihren Blindenführhunden willkommen sind. Ähnliches sollte uns nun doch auch mit AirBerlin gelingen: Deshalb bitte mitmachen und diese Aktion empfehlen! Danke!

Uns stinkt’s!

Wenn Sie sich an unserer Aktion gegen Diskriminierung beteiligen wollen, schicken Sie eine volle Windel (oder wenn Sie keine haben, aber aus Solidarität mitmachen wollen, entsprechende Unterwäsche) an folgende Adresse, um zu erreichen, dass AirBerlin Bordrollstühle auch auf Kurz- und Mittelstrecken bereithält:
Persönlich
Herrn
Wolfgang Prock-Schauer (CEO)
Air Berlin PLC & Co. Luftverkehrs KG
Saatwinkler Damm 42-43
D-13627 Berlin

Falls Sie ein freundlicher Protestierer sind, kleben Sie sogar noch eine Briefmarke auf den Umschlag. Der Versand kostet 1,45 Euro.

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