""

ROLLINGPLANET ruft zum Protest auf: Schicken Sie Ihre volle Windel (oder Unterwäsche) an AirBerlin!

Bei Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft scheint die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung Methode zu haben. Das muss sich ändern.

AirBerlin hat erneut einen Menschen mit Behinderung diskriminiert (Foto:  Paul Zinken/dpa)

AirBerlin hat erneut einen Menschen mit Behinderung diskriminiert (Foto: Paul Zinken/dpa)

AirBerlin, Deutschlands zweitgrößtes Flugunternehmen, hat der Rollstuhlfahrerin Marianne Kunert, die am 7. Januar für ihren Mann und Sohn eine Reise von Berlin nach Mallorca buchen wollte, einen Bordrollstuhl verweigert. Aufgedeckt haben den Fall der Journalist Dominik Peter und die Berliner Behindertenzeitung. Wie die Betroffene in einem Interview auf inclusio media erzählt, wurde auch die Mitnahme eines „eigenen Kabinenrollstuhls an Bord“ – den sich Kunert eigens für die Reise gekauft hatte, um doch noch von AirBerlin mitgenommen zu werden – nicht gestattet.

Im Gegensatz zu Lufthansa, mit der die Familie Kunert nun fliegen wird, und Condor verzichtet AirBerlin bei sogenannten Kurzstrecken grundsätzlich auf Bordrollstühle.

“Noch nie so diskriminiert gefühlt“

Als sich Kunerts Reisebüro bei AirBerlin erkundigte, was ihre Kundin tun solle, wenn sie während des Flugs auf Toilette müsse, wurde ihr beschieden: „Es tut mir sehr leid, aber da muss die Kundin vorsorgen und Windeln tragen.“ Kunert hat diese Worte in einer Mail der Berliner Behindertenzeitung bestätigt.

Kunert betont, dass sie Menschen respektiere, die auf Windeln angewiesen sind. Sie sei zwar nicht inkontinent, aber habe sich „noch nie so diskriminiert gefühlt“. Sie beschwerte sich in einem Brief an den Air-Berlin-Chef Wolfgang Prock-Schauer.

Mehrere Beschwerden über AirBerlin

Kein Einzelfall. Bei AirBerlin scheint es Methode zu haben, Menschen mit Behinderung zu diskriminieren. Das Unternehmen steht deshalb schon seit längerem auf der ROLLINGPLANET-Watchlist.

Im Oktober 2012 war es, wie ROLLINGPLANET berichtete, beinahe zu einer Staatsaffäre gekommen, weil AirBerlin es abgelehnt hatte, russische Rollstuhlfahrer von Moskau nach Düsseldorf mitzunehmen – unter ihnen der Staatsduma-Abgeordnete Wladimir Krupennikow. AirBerlin begründete dies mit angeblich fehlenden Papieren – Krupennikow widersprach vehement dieser Darstellung.

Auch Heiko Sailer hat unangenehme Bekanntschaft mit der Airline gemacht. Der 37-jährige Berliner ist in Folge einer Viruserkrankung seit 1994 auf einen Rollstuhl angewiesen. Wie die Berliner Zeitung im November 2012 schilderte, sollte er für einen Flug mit AirBerlin von Berlin nach Bangkok ein mehrseitiges Formular mit teils sensiblen medizinischen Fragen ausfüllen, die etwa Blutdruck, Art der Erkrankung, Ruhepuls, Gewicht und Körpergröße betrafen. Sailer wollte sich telefonisch über die bürokratische Schikane beschweren – aber man verweigerte ihm den geforderten Abteilungsleiter. Schließlich teilte man dem Unternehmensberater mit, dass Sonderleistungen wie der Transport von Rollstühlen vom Fluggast bei den Airlines gesondert und kostenpflichtig beantragt werden müssten.

Rechtswidriges Vorgehen

Das Vorgehen von AirBerlin verletzt die EU-Verordnung 1107/2006 des Europäischen Parlaments, das den Umgang mit behinderten Fluggästen unmissverständlich festlegt: „Personen mit eingeschränkter Mobilität haben in Flughäfen und an Bord von Luftfahrzeugen Anspruch auf unentgeltliche Hilfeleistung.“

Außerdem war das Vorgehen datenschutzrechtlich bedenklich: Medizinische Angaben dürfen nur erfragt werden, sofern sie durch die Behinderung erhöhte gesundheitliche Risiken betreffen. „Der Puls eines Rollstuhlfahrers zählt gewiss nicht dazu“, klärt Sabina Fischer-Volk, Juristin bei der Verbraucherzentrale Brandenburg, auf. Die Aufsichtsbehörde schaltete sich ein – AirBerlin entschuldigte sich zähneknirschend.

Entschuldigungen, aber keine Konsequenzen

Das wird sie vermutlich auch diesmal tun – um möglicherweise, wie die Vergangenheit zeigt, genauso weiterzumachen wie bisher. Besonders ernst scheint man bei AirBerlin den aktuellen Vorfall Marianne Kunert jedenfalls nicht zu nehmen: Eine eilige ROLLINGPLANET-Anfrage mit Bitte um zeitnahe Stellungnahme wurde zunächst nicht beantwortet.

Erst nachdem wir nachhakten, wurden wir vertröstet, dass man sich bei uns melden würde. Inzwischen ließ uns die Presseabteilung wissen, dass „leider keinerlei Informationen zu der Dame (…) vorliegen, da der Flug oder die Reise in einem Reisebüro gebucht wurde. Die Kundendaten werden uns bei Buchungen im Reisebüro nicht übermittelt.“ Unsere Frage, wie die Beschwerden der russischen Reisegruppe ausgegangen sind, wurde gar vollständig ignoriert.

Wir protestieren gegen Diskriminierung

Diskriminierung ist keine leichtfertige Angelegenheit, über die man schweigend hinweggeht. ROLLINGPLANET will nicht zur Tagesordnung übergehen. Wir wollen nicht immer wieder betteln müssen, dass man uns korrekt behandelt. Wir rufen deshalb ROLLINGPLANET-User zu einer für AirBerlin hoffentlich unvergesslichen Aktion auf: Schicken Sie Ihre möglichst volle Windel – unseretwegen anonym – an den Vorstandsvorsitzenden der Gesellschaft. Nichtbehinderte und nicht inkontinente Behinderte, die aus Solidarität mitmachen wollen, können ausnahmsweise einfach mal ihr Geschäft in die Hose machen – und dann weg damit an die im Kasten genannte Adresse.

Ziel ist es, dass Air Berlin auf sämtlichen Kurz- und Mittelstrecken Bordrollstühle anbietet, wie es sich gehört. So lange dies nicht geschehen ist, zeigen wir diesen Protestaufruf prominent auf unserer Startseite. Und wenn es 100 Jahre dauert. Versprochen.

Uns reicht’s!

Wenn Sie sich an unserer Aktion gegen Diskriminierung beteiligen wollen, schicken Sie eine volle Windel (oder wenn Sie keine haben, aber aus Solidarität mitmachen wollen, entsprechende Unterwäsche) an folgende Adresse, um zu erreichen, dass AirBerlin Bordrollstühle auch auf Kurz- und Mittelstrecken bereithält:
Persönlich
Herrn
Wolfgang Prock-Schauer (CEO)
Air Berlin PLC & Co. Luftverkehrs KG
Saatwinkler Damm 42-43
D-13627 Berlin

Falls Sie ein freundlicher Protestierer sind, kleben Sie sogar noch eine Briefmarke auf den Umschlag. Der Versand kostet 1,45 Euro.

Aktualisierung um 18.26 Uhr

Aufgeschreckt durch unseren Bericht nimmt AirBerlin doch noch Stellung zu den russischen Rollstuhlfahrern. Zum Fall Marianne Kunert will sich das Unternehmen so schnell wie möglich äußern:

Die Angelegenheit mit der russischen Reisegruppe hat sich folgendermaßen dargestellt. Selbstverständlich ermöglicht airberlin mobilitätsbeschränkten Fluggästen genauso wie allen anderen Fluggästen die Beförderung. Allerdings müssen wir bei komplett immobilen Passagieren zusätzlich darauf achten, dass die Flugsicherheit für alle sich an Bord befindenden Gäste in keiner Weise beeinträchtigt wird. Hierfür ist wie bei allen deutschen und europäischen Airlines eine rechtzeitige Voranmeldung von Rollstuhlfahrern erforderlich. Im Fall der russischen Reisegruppe wurde im Vorfeld des Fluges leider eine unrichtige Information an airberlin übermittelt. So waren zwar zwei Fluggäste als komplett immobil angemeldet und bestätigt sowie vier Fluggäste für den Rollstuhlservice bis zur Rampe/Treppe ebenfalls angemeldet und bestätigt, am Gate stellte sich jedoch heraus, dass alle sechs Rollstuhlfahrer komplett immobil waren. Der Kapitän traf daraufhin die Entscheidung, dass nur zwei immobile Gäste auf diesem Flug befördert werden können. Dies entspricht den für airberlin geltenden Sicherheitsbestimmungen für die Beförderung von Passagieren mit eingeschränkter Mobilität, wie sie in einem vom Luftfahrtbundesamt (LBA) genehmigten Betriebshandbuch geregelt sind. Sicherheit hat grundsätzlich oberste Priorität bei airberlin. Leider hat sich die gesamte Reisegruppe entschieden, den Flug nicht anzutreten. Wir bedauern die daraus entstandenen Unannehmlichkeiten und haben der Gruppe umgehend im Wege der Umbuchung eine alternative Flugmöglichkeit angeboten, damit sie ohne weitere Kosten zu ihrem Ziel gelangen.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

15 Kommentare

  • Köpper Heinz

    Die gehören echt zugeschissen“

    7. März 2013 at 17:06
  • Christian

    Genial!

    7. März 2013 at 17:14
  • Günther

    Ganz schön heftig, vielleicht zu heftig?

    7. März 2013 at 17:44
  • KAKA

    Ich bin dabei!!! Morgen geht es zur Post…

    7. März 2013 at 17:54
  • Volker

    mannmannmann …. braucht man nicht zu diskutieren dass das eine unverschämtheit von Airberlin ist… aber darf eine Webzeitung zu sowas aufrufen??? habt ihr das juristisch absegnen lassen ???

    7. März 2013 at 18:55
  • P. Rybinsk

    Noch besser ist boykott Nie wieder air Berlin! Eine andere konsequenz kann es nicht geben

    7. März 2013 at 23:25
  • Hans Stattkus

    Was der Verein von sich gibt ist Menschenunwürdig und übertrifft noch die Diskriminierung bei weitem.
    Ich bin seit dem 26.02.12 wegen eines Schlaganfalls rechtsseitig Gelähmt und folge dessen auf einen Rollstuhl angewiesen. Bin selber Busfahrer gewesen.
    Aber so etwas änliches erlebe ich hier in Dortmund mit dem Busunternehmen DSW21. Die haben mich jetzt schon das 87zigste mal an der Bushaltestelle stehen gelassen, weil keine Rampe vorhanden war oder weil die Busfahrer zu faul sind sich zu bewegen um mir in den Bus zu helfen. Möchte noch ein Zitat einbringen, da die Stellungnahme der DSW21darstellt. So ein Schwachsinn.
    Ein Zitat aus dem Brief:
    Je nach Rollstuhlart, übersteigt deren Eigengewicht bereits das zulässige Gewicht, welches über die Busrampen bewegt werden darf. Auf Grund dessen ist es in letzter Zeit bereits häufiger vorgekommen, daß die Kolleginnen und Kollegen aus dem Fahrbetrieb keine Rollstuhlfahrer /-innen mitnehmen konnten.
    Besonders sind hier die E-Rollstuhl betroffen, die auf Grund ihrer Technik und ihrer Reichweite (Akkus) teilweise recht schwer geworden sind und dadurch ein sehr hohes Eigengewicht erzielen, wofür die Busrampen mittlerweile nicht mehr ausgelegt sind.

    9. März 2013 at 09:34
  • Anton

    Nicht nur Windeln und Unterwäsche…… ich würde die Liste erweitern mit gebrauchten Kathetern etc.

    11. März 2013 at 18:27
  • Ralf Werthammer

    Uns stinkts statt uns reichts wäre treffender…

    13. März 2013 at 09:13
  • Dani

    Also, ich muss sagen, dass ich (Rollifahrerin) mit AirBerlin bisher noch keine Probleme hatte – und ich bin schon häufig mit denen geflogen. Sowohl die Buchung (bzw. hinterher telef. erfolgte Anmeldung des Rollstuhls) als auch bei der Durchführung des Fluges lief immer alles glatt.

    14. März 2013 at 22:57
  • renifinger

    Es ist natürlich diskriminierend für einen Behinderten, aber zugunsten der Sicherheit eines Flugzeuges ist die Reaktion von AIRBERLIN auch wieder verständlich. Was wäre im Fall einer Notlandung und die Behinderten und durch sie wären viele Menschen gestorben? Dann gäbe es genau die entgegengesetzten Diskussionen und Millionenschadensersatzansprüche. Auch wenn es keine Beschränkung der Mitnahme von Behinderten für Fluggesellschaften per Gesetz geben sollte, sollte die Einschränkung der Anzahl von Behinderten für die Mitnahme zur Absicherung der Sicherheit aller Fluggäste den Fluggesellschaften überlassen werden. Die Fluggesellschaften und insbesondere die Piloten tragen eh‘ schon eine hohe Verantwortung für die Sicherheit der Fluggäste. Bei allem Frust sollte man das Bedenken.

    5. April 2013 at 07:54
  • renifinger

    Diese Aktion selbst ist eine Diskriminierung! War denn noch keiner von Euch auf einer Flugzeugtoilette? Die sind schon für Menschen ohne Handycap zu eng. Ein Behinderter braucht für einen Toilettengang viel mehr Zeit als ein gesunder. Also ist eine Windel auf einem Kurzstreckenflug, wo oftmals die Anschnallzeichen bei Schlechtwetterlage den gesamten Flug über an bleiben, und auch bei Langstreckenflügen bei plötzlichem Auftreten von Schlechtwetterfronten auf jeden Fall angesagt. Bevor man sich beschwert, sollte man einfach mal über alles nachdenken. Die Sicherheit geht vor!

    5. April 2013 at 08:06
    • Helge Blankenstein

      Hallo Renifinger

      Bei aller Zurückhaltung. Es ist schon äußerst seltsam mit welchen Argumenten, „Bessermenschen“ versuchen, sich gegen eine Gesellschaft für ALLE, zu stellen. Nehmen Sie es bitte persönlich. Ihre Argumentation stinkt zu Himmel. Wenn Sie, bevor Sie etwas beschreiben, sich erkundigen würden, hätten Sie sicher erfahren, dass es eine weit verbreitete Maßnahme ist, Bordrollis anzubieten. Die armen Piloten, zu denen Sie hoffentlich nicht zählen, ist es absolut gleichgültig wie die Menschen in der Kabine sitzen. Könnte es sein, dass es sich bei Ihnen um einen verantwortlichen Mitarbeiter des „GRÖSSTEN DEUTSCHEN FLUGUNTERNEHMENS MIT gehobenen Anspruch auf DISKRIMINIERUNG sind?

      An alle mitdenkenden Leser

      Der hier veröffentlichte Brief des Unternehmens zeigt, welche Missachtung seitens der Geschäftsführung entgegengebracht wird. War es nicht der schon häufiger aufgefallenen Herr Mehdorn, welcher einst seine ganze Arbeitskraft einsetzte um den mobilitätseingeschränkten Bahnreisenden die Nutzung des Stuttgarter Bahnhofs verweigerte? Ist es nicht jener Herr Mehdorn, der jetzt den „Berliner Katastrophenflughafen“ retten soll?

      Ich bin gespannt wie dieses Ergebnis eines ausgemachten „Barriere-Managers“ erfolgen wird. Solche Koryphäen sind es die für immer neue Barrieren sorgen. Mehdorns Weg ist von Barrieren gesät. Wen wundert es, dass dieses Unternehmen erst Monate später reagierte?

      War Mehdorn doch bis 7. Januar 2013 der Vordenker dieser „Diskriminierungs-Air-Line“.

      Helge Blankenstein

      5. April 2013 at 21:20
  • Matthias

    Sicherheitsgefahr? Was für ein Schwachsinn! Das meinen Sie doch nicht ernsthaft, renifinger?

    5. April 2013 at 12:57
  • B.Krüger

    Flugzeugtoiletten… Aha, dann sollten also alle Passagiere (auch die ohne Behinderung) am besten Windeln tragen?

    5. April 2013 at 15:08

KOMMENTAR SCHREIBEN