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Rollstühle für Sarajevo: „Die Deutschen“ helfen

Wie Spenden des Gymnasiums Grotenbach in Gummersbach und private Unterstützer ein Projekt für behinderte Kinder in Bosnien ermöglichen.

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Auf einer Reise nach Sarajevo im Mai 2008 lernte Nicole Babitsch, Therapeutin aus Gummersbach (Nordrhein-Westfalen), Frau Dr. Ajsa Mehiljic, Rehabilitationsärztin der dortigen Kinderklinik, kennen. Die beiden „Fachfrauen“ unterhielten sich über die nahezu nicht vorhandene Hilfsmittelversorgung in Bosnien.

Ajsa erzählte, dass fast alle Kinder mit Körperbehinderung mit Korsetts versorgt werden, damit sie irgendwie am Leben teilhaben können und keine Sekundarschäden entwickeln. Ansonsten liegen sie auf dem Bett oder werden von den Eltern gehalten und getragen.

Ein undenkbarer Zustand für die Therapeutin aus Deutschland: Sie versprach, sich für die bosnischen Kinder einzusetzen. In diesem Moment begann die Aktion „Rollstühle für Sarajevo“ als kleiner Funke, der dann im Laufe der Zeit zu einem richtigen Feuerwerk entflammte.

Jedes Jahr für eine Woche nach Sarajevo

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In den folgenden drei Jahren reisten Nicole Babitsch und ihr Freund und Kollege Thomas Mages für je eine Woche nach Sarajevo, um dort die zuvor in Deutschland gesammelten Rollstühle, Sitzschalen, Stehgeräte, Rehabuggies, Therapiestühle und Gehhilfen bosnischen Kindern anzupassen. Im ersten Jahr kamen 17, 2010 waren es 24 und 2011 über 30 Kinder mit teils schwersten Behinderungen, um die Hilfe und die aussortierten, deutschen Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen.

Finanziell getragen wird das Projekt hauptsächlich von Spenden des Gymnasium Grotenbach in Gummersbach und einzelnen privaten Spendern. Zudem halfen verschiedene Speditionen großzügig mit kostenfreier Verpackung und Versand der bis zu zehn Kisten gebrauchter Kinder-Reha-Hilfsmittel.

Von den Bosniern zunächst kritisch beäugt

Was zunächst langsam anlief und von den Bosniern kritisch beäugt wurde, ist nun ein handfestes und erfolgreiches Hilfsprojekt geworden. Nicht nur die Zahl der Kinder, sondern auch die Freundschaft mit den bosnischen Kollegen und die Liebe zur schwer zerstörten und wiederaufgebauten Stadt Sarajevo ist in den letzten Jahren sehr gewachsen.

Die Ärzte und Therapeuten der Pedijatrija Klinika, der Kinderklinik des Universitätskrankenhauses in Sarajevo, wählen im Laufe eines Jahres die besonders bedürftigen Kinder aus und machen Termine aus, damit diese von „den Deutschen“ versorgt zu werden.

Die Zusammenarbeit mit den bosnischen Ärzten und Therapeuten ist mittlerweile sehr gut. Das kommt nicht zuletzt auch daher, dass die Therapeuten aus Bosnien mehrfach vom Projekt nach Deutschland eingeladen wurden, um ihnen die Gelegenheit zu geben, in unterschiedlichen Bereichen der Kinder-Reha Erfahrungen zu sammeln. Dies garantiert eine differenzierte, professionelle Kommunikation sowie auch die Fähigkeit, selbstständig Hilfsmittel einzustellen und zu reparieren.

Hintergrundwissen Bosnien

In ganz Bosnien gibt es keine Kinder-Rehatechnik. Das bedeutet, dass selbst wohlhabendere Familien Rollstühle für ihre Kinder im Ausland (oft Deutschland) bestellen müssen. Da jedoch eine Hilfsmittelversorgung meist höchst individuell ist, ist es nahezu unmöglich, ein Hilfsmittel ohne professionelle Beratung und Anpassung für ein behindertes Kind einzusetzen.

So gibt es zahlreiche Familien, die sich Geld leihen, um ein teures Hilfsmittel zu erstehen, das dann aber dem Kind nicht passt und die erhoffte Erleichterung nicht gewährleistet. Auch diese Eltern kommen in die Klinik und bitten „die Deutschen“ um Hilfe.

Nicht nur professionell, sondern auch emotional

Im Mai 2012 flog erstmalig ein fünfköpfiges Team nach Sarajevo, um die steigende Zahl der hilfesuchenden Familien mit schwer behinderten Kindern bewältigen zu können. Die Gruppe, bestehend aus den Initiatoren Nicole Babitsch und Thomas Mages sowie Sveja Holzapfel, Erni Schuchmann und Holger Kirchhoff, versorgte innerhalb von fünf Tagen in 41 Terminen 36 Kinder mit Hilfsmitteln.

Und es war keinesfalls eine Massenabfertigung, sondern es waren ganz tolle individuelle Anpassungen bis hin zu Weichschaumabdrücken, die in Teamarbeit inklusive Beziehen und Nähen der Polster bis in den Abend hinein fertiggestellt wurden.

Die Begegnungen in Sarajevo sind meist nicht nur „hochprofessionell“, sondern auch „hochemotional“, und die Dankbarkeit der Eltern drückt sich oft in tränenreichen Umarmungen und überglücklichen Worten aus.

Trotz extrem harter Arbeit hatte diese Woche viel Spaß gemacht und wirkte sehr positiv nach, nicht zuletzt wurden jede Menge Denkanstöße gegeben sowie eine große Portion Dankbarkeit für die guten Verhältnisse und Möglichkeiten in Deutschland.

Vertrautes und herzliches Wiedersehen

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Auch 2013 flog das fünfköpfige Team in gleicher Besetzung wieder nach Sarajevo. Diesmal waren mehr als 1400 Kilogramm deutsche Hilfsmittel aussortiert, verpackt und ein paar Wochen zuvor abgeschickt worden. In diesem Jahr mussten die Initiatoren erstmalig selbst für die Transportkosten aufkommen, was die Spendenkasse fast komplett geleert hat.

In fünf Tagen wurden 37 Kinder versorgt, von denen einige auch mehr als ein Hilfsmittel bekommen haben (zum Beispiel Buggy und Therapiestuhl oder Rollstuhl und Walker). Es war eine sehr erfolgreiche, und wie immer, emotionale Woche. Mittlerweile hat das Team auch viele Kinder zum zweiten oder dritten Mal getroffen und das Wiedersehen ist immer vertraut und herzlich.

Wie immer war es eine sehr spannende Woche, denn man weiß nie, ob bei den mitgebrachten Hilfsmitteln der verschiedenen, an der Aktion beteiligten rehaKIND-Herstellermitglieder auch wirklich für jedes Kind etwas dabei ist.

Initiatoren bitten um weitere Unterstützung

Das gemeinsame Motto „Geht nicht gibt’s nicht“ verpflichtet! Jeder gibt alles, und das spiegelt sich in der guten Qualität der Versorgungen wider.

Natürlich ist geplant, das Projekt im nächsten Jahr fortzuführen. Für finanzielle Unterstützung in jeder Höhe ist das Team dankbar, da jedes Jahr zirka 3.500 Euro für den Transport der gespendeten Hilfsmittel benötigt werden.

Da dies ein rein privates Projekt ist, können keine Spendenquittungen ausgestellt werden.

Info für Spenden:
Nicole Babitsch
Mail: [email protected]
(für blinde Menschen/Braille-Zeile. nickylinedesign at yahoo dot com)
Commerzbank Gummersbach
Kontonummer: 7745854
BLZ: 384 400 16

Der Artikel wurde uns von RehaKind e.V. zur Verfügung gestellt. RehaKind ist eine internationale Fördergemeinschaft für Kinder- und Jugendrehabilitation, der 85 Reha-Firmen und Kostenträger angehören.

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