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Rollstuhlbasketball: Totgesagte leben länger (selbst wenn sie Hessen sind)

Der Titelverteidiger RSV Lahn-Dill schafft es doch noch in die Endspielserie.

Der einmal mehr überragende RSV-Kapitän Michael Paye (li.) gegen den Finnen Teemu Partanen (Foto: Armin Diekmann)

Der einmal mehr überragende RSV-Kapitän Michael Paye (li.) gegen den Finnen Teemu Partanen (Foto: Armin Diekmann)

Mit großer Moral hat RSV Lahn-Dill im zweiten und entscheidenden Halbfinale um die deutsche Rollstuhlbasketball Meisterschaft den Kopf aus der Schlinge gezogen und mit 74:60 (17:10/33:24/51:36) beim RSB Team Thüringen triumphiert. Ein Jubiläum feierte dabei Center Dirk Köhler, der im vierten Viertel seinen 5.000 Punkt im Trikot des RSV Lahn-Dill markierte.

Damit hat der Titelverteidiger um den überragenden Kapitän Michael Paye die 58:65-Heimniederlage vor einer Woche (ROLLINGPLANET berichtete: Meisterschaft futsch? Titelverteidiger RSV Lahn-Dill verliert Playoff-Halbfinale) wettgemacht und steht nun in der „best-of-three“ Finalserie gegen den Sieger des zweiten Semifinalduells zwischen Zwickau und Frankfurt. Das Fazit für Thüringen lautet: Der Sensationsaufsteiger der vergangenen Saison war auch in dieser Spielzeit eine echte Sensation – ist aber noch nicht ganz oben angekommen.

Für Thüringen wird der RSV zum Angstgegner

Die gastgebenden Thüringer konnten am Samstag ihren sieben Punkte Vorsprung aus Spiel eins nicht ins Ziel retten und müssen nach dem Aus im DRS-Pokal Viertelfinale – ebenfalls gegen RSV Lahn-Dill – nun auch in der Meisterschaft ihre Hoffnungen gegen die Wetzlarer ad acta legen.

„Dies war für uns ein äußerst intensives und anstrengendes Spiel, aber meine Mannschaft hat die schwierige Aufgabe beeindruckend souverän gelöst und das Ticket für das Finale verdient gelöst“, so ein glücklicher RSV-Trainer Nicolai Zeltinger nach 40 hoch spannenden Spielminuten im Landessportzentrum Elxleben.

Aliaksandr Halouski ist Thüringens Schlüsselspieler

Am Schluss musste er doch Ball und Gesamtsieg rausrücken: Der Thüringer Topscorer Aliaksandr Halouski (#18) sichert sich in dieser Szene den Ball vor Jan Haller (re.) und Joe Bestwick (li.) (Foto: Armin Diekmann)

Am Schluss musste er doch Ball und Gesamtsieg rausrücken: Der Thüringer Topscorer Aliaksandr Halouski (#18) sichert sich in dieser Szene den Ball vor Jan Haller (re.) und Joe Bestwick (li.) (Foto: Armin Diekmann)

Der neunfache Meister aus Mittelhessen, der nach der enttäuschenden Heimniederlage vor einer Woche nicht mehr als Favorit auf den Finaleinzug gehandelt werden konnte, von Beginn an äußerst konzentriert. Ziel war es, Thüringens Topscorer Aliaksandr Halouski mit einer eng stehenden Verteidigung vom eigenen Korb fernzuhalten, um den Weißrussen seiner größten Gefährlichkeit zu berauben.

Dies gelang zu Beginn auch erfolgreich, der RSV selbst hatte beim 9:4 (7.) bereits fünf der sieben Punkte Rückstand aus dem Hinspiel aufgeholt, während Halouski erst kurz vor Ende des ersten Viertels mit zwei lupenreinen Freiwürfen seine ersten Zähler verbuchte.

Lange Zeit sah es nach Verlängerung aus

Dieser Trend setzte sich auch im zweiten Viertel zunächst fort, als Joe Bestwick mit einem Doppelschlag binnen weniger Sekunden das 19:12 und 21:12 (13.) erzielen konnte und damit sein Team unter dem Strich erstmals am Finaleinzug schnuppern ließ. Erst als Michael Paye unter dem Jubel der zahlreich mitgereisten RSV-Fans in der 14. Spielminute das 23:12 nachlegte, fand der Tabellenzweite der RBBL-Hauptrunde aus Thüringen zurück ins Spiel und lieferte dem RSV einen packenden Halbfinal-Fight.

Bis zum 42:35 (27.) durch einen Freiwurf des Letten Raimund Beginskis wogte die sehenswerte Partie nun auf einem sich im Verhältnis zum Hinspiel nahezu egalisierenden Ergebnis hin und her, das eine Verlängerung erforderlich gemacht hätte.

Starkes drittes Viertel des RSV Lahn-Dill

Doch vier unkonzentrierte Minuten der Gastgeber Ende des dritten Viertels nutzte der entschlossener wirkende Titelverteidiger aus Mittelhessen eiskalt aus, zog durch Körbe von Michael Paye und Routinier Dirk Köhler urplötzlich bis auf 53:36 (31.) davon und brachte sich damit vorentscheidend für den Einzug in die Finalserie in Stellung.

Welche Gefährlichkeit die Truppe aus Elxleben jedoch auszeichnet, sollte sich in der Folge zeigen. Exakt in dem Moment, als schon niemand mehr an die fast ein halbes Jahr die RBBL-Hauptrundentabelle anführenden Thüringer glaubte, hatte die Mannschaft des Gastgebers ihre stärkste Phase.

Packendes Spielende

Joe Bestwick (RSV Lahn-Dill) tankt sich zum Thüringer Korb durch, rechts beobachtet von Dirk Köhler (#15). Diana Dadzite (#10), Joakim Linden (#15) und Aliaksandr Halouski (#18) versuchen, die Aktion zu verhindern (Foto: Armin Diekmann)

Joe Bestwick (RSV Lahn-Dill) tankt sich zum Thüringer Korb durch, rechts
beobachtet von Dirk Köhler (#15). Diana Dadzite (#10), Joakim Linden
(#15) und Aliaksandr Halouski (#18) versuchen, die Aktion zu verhindern (Foto: Armin Diekmann)

Aus dem vermeintlich beruhigenden Vorsprung der Wetzlarer Rollis machte der Gastgeber nach einem Dreier des US-Kapitäns Taz Capasso schnell wieder den 45:55-Anschluss (33.), auch wenn kurz zuvor Routinier Köhler mit zwei erfolgreichen Freiwürfen seinen 5.000 Punkt im Trikot des RSV Lahn-Dill erzielte und damit eine neue Rekordmarke setzte.

Als dann nur eine Spielminute später RSB-Pointguard Joakim Linden mit ebenfalls zwei Freiwürfen die Chance hatte, das Ergebnis beim Stand von 49:57 wieder unter die entscheidende Zahl von sieben Punkten zu drücken, drohte die Partie dem RSV Lahn-Dill doch noch zu entgleiten. Doch dem Schweden versagten zweimal die Nerven, und im Gegenzug war es nun Nationalspieler Jan Haller, der sein Team in dieser Phase mit sechs Punkte aus der Mitteldistanz im Spiel hielt.
Am Ende machte mit dem überragenden US-Amerikaner Paye ein Spieler den Sack mit fünf Freiwurftreffern zu, der zuvor dem Halbfinalrückspiel eindrucksvoll seinen Stempel aufdrückte.

“Bärkenstarke Verteidigung, viel Herz“

So jubelte am Ende der schon fast totgesagte Titelverteidiger, und dessen Kapitän Paye sagte stolz: „Wir haben nicht nur 40 Minuten eine bärenstarken Verteidigung gespielt, sondern mit unglaublich viel Herz unsere Chance gesucht, das war der entscheidende Faktor“.

Unter dem Strich stand für den Deutschen Meister, trotz der Hypothek von minus sieben Punkten aus dem Hinspiel und der mentalen Belastung Meister, bereits drei der vier bisherigen Saisonduelle gegen die Thüringer verloren zu haben, ein 132:125-Endergebnis aus beiden Halbfinalspielen und der Einzug in die Endspiele um die Deutsche Meisterschaft. Paye: „Die entscheidenden beiden Spiele in Pokal und Meisterschaft haben wir gewonnen, unser junges Team sollte eben niemand unterschätzen“.

Auf wenn der neunfache Deutscher Meister in der Endspielserie im April trifft, entscheidet sich am Sonntagnachmittag im Duell zwischen dem langjährigen RSV-Rivalen RSC-Rollis Zwickau und den Mainhatten Skywheelers, die in Sachsen eine 52:54-Niederlage aufholen müssen. Hier steht, wie es ausgegangen ist.

Lahn-Dill: Michael Paye (30), Joe Bestwick (14), Dirk Köhler (20), Jan Haller (10), Christopher Huber, Björn Lohmann, David Amend (n.e.), Thomas Böhme (n.e.), Thomas Gundert (n.e.), Felix Schell (n.e.), Marco Zwerger (n.e.).

Thüringen: Aliaksandr Halouski (29), Raimund Beginskis (13), Taz Capasso (9/1 Dreier), Joakim Linden (4), Diana Dadzite (3/1), Jens-Eike Albrecht (2), Teemu Partanen, Karol Szulc (n.e.).

(aj)

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